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Angriff auf versteckte HI-Viren

23.02.2004
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Angriff auf versteckte HI-Viren

von Dagmar Knopf, Limburg

Trotz intensiver antiretroviraler Behandlung ist eine HIV-Infektion bis heute nicht vollständig zu heilen – einige Viren überleben versteckt in CD4+-Zellen der Patienten. Speziell dieses Virenreservoir greift nun ein Immuntoxin an und verschont dabei die für die Körperabwehr wichtigen CD8+-Killerzellen.

Obwohl die Einführung der HAART-Therapie (highly active antiretroviral therapy) die Überlebenschancen von HIV-Patienten deutlich erhöht und die Lebensqualität verbessert hat, kann auch sie die HI-Viren nicht vollständig vernichten. So zeigten zwar einige Studien, dass in Patienten mit HAART die Häufigkeit von HIV-infizierten Zellen auf weniger als eine unter einer Million verbleibenden CD4+-Zellen zurückging. Diese Zahl sank aber auch nach Jahren, in denen die Virenlast unterhalb der Nachweisgrenze (BLQ = below the limit of quantification) lag, nicht weiter ab. Einige HI-Viren überleben folglich auch eine jahrelange Behandlung mit antiviralen Medikamenten, versteckt in wenigen CD4+-Zellen.

Dieses Virenreservoir verhindert eine komplette Ausrottung der Viren. Um auch die versteckten Erreger therapeutisch zu erreichen, entwickelten amerikanische Wissenschaftler nun einen spezifischen Antikörper, der nur die als Versteck dienenden Immunzellen angreift (Proceedings of the National Academy of Sciences, Online-Veröffentlichung vom 12. Februar 2004).

Ellen Vitetta und ihre Kollegen vom Medical Center der University of Texas Southwestern in Dallas entwickelten hierzu ein Immuntoxin, das als immunologische Komponente einen monoklonalen IgG-Antikörper gegen humane CD4+-T-Zellen enthält. An diesen koppelten die Forscher das Pflanzengift Ricin. Der hoch toxische Naturstoff aus dem Samen von Ricinus communis, wirkt, indem er die eukaryotischen Ribosomen irreversibel inaktiviert, so die lebensnotwendige Proteinsynthese lahm legt und die Zelle abtötet.

Um die Wirksamkeit ihres Immuntoxins zu überprüfen, isolierten die Forscher aus 24 HIV-positiven Studienteilnehmern CD4+-Zellen. Alle 24 Patienten, 21 Männer und 3 Frauen, hatten eine HAART-Behandlung (im Durchschnitt seit 35,5 Monaten) erhalten. Ihre virale Last war seit durchschnittlich 29 Monaten unterhalb der Nachweisgrenze.

Sechs Tage in Kultur

Die isolierten CD4+-Zellen kultivierten Vitetta und ihr Team für sechs Tage entweder nur in einem gängigen Kulturmedium oder einem Medium, das auch das Immuntoxin enthielt. Anschließend bestimmten sie die Menge der viralen cDNA-Kopien mittels Polymerasekettenreaktion (PCR) in den Kulturen. In 22 von 23 Proben, in denen sie das Erreger-Genom nachweisen konnten, senkte die Behandlung mit dem Immuntoxin die Zahl der cDNA-Kopien um durchschnittlich 83 Prozent, wobei die Spannbreite mit 15 bis 90 Prozent sehr breit war

Weiterhin wurden alle Studienteilnehmer nach HIV-infizierten replikationskompetenten CD4+-T-Zellen gescreent. Solche Zellen fanden sich in 7 der 24 Infizierten. Die Zellen wurden aus dem Blut der Probanden isoliert und ebenfalls in Kulturmedium beziehungsweise in Medium mit Immuntoxin angezüchtet. Nach Behandlung mit dem Wirkstoff sank die Zahl der replikationskompetenten CD4+-Zellen um 74 Prozent.

Anschließend testeten die Wissenschaftler, ob das Immuntoxin außer den CD4+-Zellen auch die für die Immunabwehr wichtigen CD8+-T-Zellen dezimiert. Hierzu behandelten sie die isolierten Zellen erst mit dem Immuntoxin und dann mit Peptiden des Cytomegalievirus. Die Forscher aktivierten also eine Immunantwort gegen das Virus, mit dem der Großteil der Bevölkerung infiziert ist und somit auch ein immunologisches Gedächtnis gegen den Erreger besitzt. Nach einer Behandlung mit dem Toxin fiel die Immunantwort der CD8+-Zellen um 19 bis 23 Prozent niedriger aus als in den Kontrollproben.

Insgesamt eliminiert das Immuntoxin infizierte CD4+-Zellen sehr effizient, während es auf die Gedächtnisfunktion der CD8+-Zellen nur einen geringen Effekt ausübt. Nach Meinung der Forscher könnten erste klinische Studien mit dem Wirkstoff in Kürze starten. Top

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