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Allergiewelle ungebrochen

16.02.2004  00:00 Uhr

Allergiewelle ungebrochen

von Conny Becker, Berlin

10 bis 20 Prozent der Deutschen leiden inzwischen an Allergien, etwa zwölf Millionen unter Rhinokonjunktivitis und je vier bis fünf Millionen unter Asthma beziehungsweise Neurodermitis. „Und die Tendenz bleibt steigend“, sagte Professor Dr. Johannes Ring, Vorsitzender der Deutschen Akademie für Allergologie und Umweltmedizin auf einer Pressekonferenz in Berlin.

So habe sich die Zahl Erwachsener mit Heuschnupfen in acht Jahren (1990 bis 1998) um rund 70 Prozent erhöht. Auch bei Kindern wäre die Zahl der Betroffenen zwischen 1995 und 2000 um 29 Prozent signifikant gewachsen.

Dabei mindert die allergische Rhinokonjunktivitis nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sie entwickelt sich bei gut einem Drittel zu allergischem Asthma weiter, sagte Professor Dr. Gerhard Schultze-Wenninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie aus Bochum. So stieg zwischen 1995 und 2000 auch die Rate asthmakranker Kinder um 33 Prozent auf insgesamt fast 13 Prozent an. Daher müsse auch ein Heuschnupfen ernst genommen und effektiv behandelt werden. Mit der spezifischen Immuntherapie (SIT), das heißt einer Hyposensibilisierung, könnten 80 Prozent der Patienten mit Heuschnupfen geheilt werden, bei Insektengiftallergien sogar über 90 Prozent.

Nur Wahlfach

Allerdings werden nur 10 Prozent der betroffenen Deutschen von einem Allergologen qualifiziert versorgt. Denn die Hälfte weiß laut Ring nichts von ihrer Erkrankung. Ein Viertel ist sich ihrer bewusst, geht jedoch nicht zum Arzt und 15 Prozent sind in ärztlicher, aber unzureichender Behandlung. Grund hierfür sei neben mangelnder Aufklärung der Patienten die schlechte Ausbildung der Ärzte. Denn laut Approbationsordnung zählt Allergologie nur zu den Wahlfächern. Die Zusatzbezeichnung Allergologe müsse sich ein Mediziner (vor allem Internisten, Dermatologen, Pädiater und HNO-Ärzte) in langjährigen Weiterbildungen erwerben. Und selbst dann dürfe er seinen Patienten nicht umfassend, sondern nur auf sein Fachgebiet begrenzt behandeln. So werde etwa die Lunge zu selten sofort mituntersucht, was die Gefahr erhöht, Asthma zu entwickeln.

Besorgt zeigten sich die Experten darüber, dass die Bundesregierung erwägt, Allergien als „geringfügige Erkrankungen“ einzustufen, sodass die Betroffenen ihre medikamentöse Therapie größtenteils selber finanzieren müssten. Und die zu empfehlende, da kausal ansetzende spezielle Immuntherapie koste 200 bis 300 Euro pro Quartal, was die Praxisbudgets von 8 Euro pro Patient und Quartal bei weitem übersteige. Aus Kostengründen könnten Mediziner nicht leitliniengetreu behandeln, obwohl auf lange Sicht eine Heilung oder zumindest Verbesserung des Schweregrades der Allergie deutlich Kosten einspare.

 

Allergie in Deutschland Eine detaillierte, laienverständliche Bestandsaufnahme zur Situation in Deutschland enthält das von den Fachgesellschaften der Allergologen herausgegebene „Weißbuch Allergie in Deutschland“. Die Autoren bieten damit eine Grundlage für die gesundheitliche Diskussion, aber auch konkrete Lösungsvorschläge für eine verbesserte Allergiebehandlung an. Das Buch ist im Urban und Vogel Verlag, München, in der Reihe Medizin und Wissen erschienen und im Buchhandel für 34,95 Euro erhältlich.

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