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Seltene Krebserkrankung mit geringen Heilungschancen

12.02.2001  00:00 Uhr

MULTIPLES MYELOM

Seltene Krebserkrankung mit geringen Heilungschancen

von Annette Junker, Wermelskirchen

Die Prognose von Patienten mit Multiplem Myelom ist schlecht: Konventionelle Chemotherapie und/oder Strahlentherapie bringen ihnen meist keine Heilung. Neuerdings werden jedoch Zytokine eingesetzt, um die entarteten Immunzellen am Wachstum zu hemmen - mit zumindest besseren Erfolgen als bei der konventionellen Therapie. Patienten, die jünger als 60 Jahre sind, profitieren zudem von einer Hochdosischemotherapie.

Am multiplen Myelom, auch Plasmozytom oder Morbus Kahler genannt, erkranken vorwiegend ältere Menschen. Bei Diagnosestellung sind die Patienten im Durchschnitt 60 Jahre alt. Die Inzidenz liegt bei zwei bis vier Erkrankungen pro 100. 000 Menschen pro Jahr. Ohne Therapie überleben Patienten mit Multiplem Myelom im Durchschnitt etwa zehn Monate.

Ursache der Erkrankung sind bösartige Veränderungen der Antikörper sezernierenden Plasmazellen. Die Myelomzellen befinden sich vorwiegend im Knochenmark, wo sie akkumulieren, die normale Blutbildung verdrängen und den Knochen zerstören.

Therapie

Die Standardtherapie des Multiplen Myeloms erfolgt meist in zwei Phasen: einer initialen Therapie (Induktionstherapie), möglicherweise gefolgt von einer Erhaltungstherapie. Ziel der Induktionstherapie ist es, die Tumorzellmasse zu verringern und die Krankheitssymptome zu lindern. Die Erhaltungstherapie soll das erneute Fortschreiten der Erkrankung verzögern.

Zahlreiche Substanzen können die Zellteilung maligner Plasmazellen hemmen und zu einem Krankheitsstillstand oder zu einer Remission führen. Zu den am effektivsten wirksamen Stoffen gehören Glucocorticoide, Alkylanzien und Anthrazykline, die in der Induktionstherapie eingesetzt werden.

Eine Erhaltungstherapie mit Zytostatika verlängert die Überlebenszeit der Patienten nicht und wird wegen der damit verbundenen Nebenwirkungen zurzeit nicht empfohlen. Dagegen kann eine Zytokin-Erhaltungstherapie mit regelmäßig subkutan appliziertem Interferon-a die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung signifikant verlängern. Bei der Monotherapie mit Interferon-a werden Remissionsraten von bis zu 20 Prozent erreicht, die Kombination mit Chemotherapie kann diese Erfolgsquoten noch steigern.

Interferon hemmt direkt das Wachstum der malignen Plasmazellen, hat aber auch Effekte auf das Immunsystem. Eine ähnliche Wirkung hat offensichtlich auch Interleukin-2 (IL-2). Pilotstudien zeigten in der Postremissionstherapie, dass eine Subgruppe von Patienten lange Zeit überlebte, ohne dass die Erkrankung fortschritt.

Ein weiteres Zytokin, das beim Multiplen Myelom eingesetzt wird, ist Erythropoetin. Patienten mit renal bedingtem Erythropoetin-Mangel und symptomatischer Anämie brauchen durch regelmäßige subkutane Gabe von Erythropoetin seltener Transfusionen.

Konventionelle Chemotherapie

Bei konventioneller Therapie überleben die Patienten, abhängig von verschiedenen Risikofaktoren, im Durchschnitt ein bis drei Jahre. Versuche in den letzten 25 Jahren, die Ergebnisse der oralen Chemotherapie mit Melphalan/Prednisolon (MP) durch komplexere Chemotherapien mit zusätzlichen Substanzen und deren intravenöser Gabe zu verbessern, sind gescheitert. Die Überlebenskurven nach MP sind deckungsgleich mit denen anderer konventioneller Regime. Weniger als 5 Prozent der Plasmozytompatienten überleben nach konventioneller Chemotherapie länger als zehn Jahre nach Diagnosestellung. Komplette Remissionen werden dadurch nur sehr selten erreicht.

Hochdosistherapie

Bei Patienten unter 60 Jahren verspricht die Hochdosistherapie Erfolge. Auf hochdosierte Zytostatika folgt dabei die Transplantation autologer Stammzellen. In einer prospektiven randomisierten Studie war bei Patienten mit Multiplem Myelom im Stadium II und III der Zeitraum bis zum Fortschreiten der Erkrankung im Vergleich zur konventionellen Therapie signifikant länger, und die mit Hochdosischemotherapie behandelten Patienten überlebten insgesamt länger. Nach den bisherigen Studiendaten könnte die Transplantation der Blutstammzellen von einem gesunden Spender (meist von Geschwistern) die Erkrankung bei einigen Patienten heilen (allogene Stammzelltransplantation). Allerdings ist diese Behandlung für die Patienten nicht ungefährlich, die Letalität liegt zwischen 20 und 50 Prozent.

Bei circa 50 bis 70 Prozent der Patienten mit neu diagnostiziertem Multiplen Myelom wird durch eine Induktionstherapie mit konventioneller Chemotherapie eine Remission erreicht. Die Mehrzahl der Patienten erleidet jedoch ein Rezidiv. Mit Hochdosistherapie stieg die Rate der kompletten Remissionen von etwa 10 Prozent nach konventioneller Therapie auf 25 bis 50 Prozent.

Komplikationen und Supportivtherapie

Da die Erkrankung nur selten geheilt werden kann, ist die supportive Therapie, die Prophylaxe und Beherrschung von Komplikationen beim Multiplen Myelom besonders wichtig. Der Abbau des Knochengewebes ist dabei eines der Hauptsymptome. Dies führt zu Schmerzen, und häufig sind pathologische Frakturen die Folge. Zudem kommt es oft zu Sinterungen von Wirbelkörpern mit Kompression des Myelon und bei rascher Progression zur Hypercalcämie.

Neben symptomatischen Maßnahmen in Form von Strahlentherapie bei lokalen Manifestationen bieten Bisphosphonate heute eine hervorragende Möglichkeit der prophylaktischen Behandlung: Sowohl Schmerzen als auch die Hypercalcämie werden dadurch verringert.

Strahlentherapie

Die Strahlentherapie hat beim Multiplen Myelom eine wichtige Bedeutung. Die Behandlung umschriebener symptomatischer Knochenmanifestationen lindert bei den meisten Patienten die Schmerzen und kann darüber hinaus das Auftreten von pathologischen Frakturen verhindern.

Bei den selten vorkommenden solitären und extramedullären Plasmozytomen ist die hochdosierte Strahlentherapie die alleinige kurative Therapieoption. Eine sorgfältig geplante Strahlenbehandlung kann hier bei mehr als der Hälfte der Patienten die Krankheit dauerhaft heilen.

 

Anschrift der Verfasserin:
Annette Junker
Apothekerin für klinische Pharmazie
Klinikum Remscheid GmbH
42859 Remscheid
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