Pharmazeutische Zeitung online

Zucker-Knacker verspricht Fettschmelze

20.12.1999
Datenschutz bei der PZ

-MedizinGovi-Verlag

Zucker-Knacker verspricht Fettschmelze

von Annette Immel-Sehr, Bonn

"Alle Gesellschaften, die mit ihm in Kontakt kamen, wurden sofort abhängig von seinem Wohlgeschmack und leider auch von seinen negativen Einflüssen." Die Rede ist nicht etwa von einem gefährlichen Suchtmittel, sondern von Zucker. "Zucker ist Gift", so lautet die Kernaussage einer neuen Diät aus den USA.

Der Bestseller "Sugar Busters™! Cut Sugar To Trim Fat" kam im Frühjahr dieses Jahres unter dem Titel "Zucker-Knacker" auf den deutschen Buchmarkt und findet nun auch bei uns viele Leser und Fans. Die Diät – als Ernährungskonzept der Zukunft gepriesen - verspricht dauerhaften Gewichtsverlust. Frauen, die es schwer mit dem Abnehmen haben, sollen davon besonders profitieren.

Nach Aussage der Autoren, ist Zucker deswegen so giftig, weil er die Ausschüttung von Insulin veranlasst, eines der mächtigsten Hormone unseres Körpers. Insulin soll verschiedene negative Einflüsse auf den Fettstoffwechsel des Körpers haben, dazu wird die Stimulation der Fettsynthese und die Hemmung der Lipolyse gezählt.

Konsequenterweise bewertet die Zucker-Knacker-Diät aber nicht nur Zucker als schlechtes Lebensmittel, sondern auch andere Kohlenhydrate, die einen starken Anstieg des Insulinspiegels hervorrufen. Völlig verzichten sollte man deswegen auf Kartoffeln, Mais, geschälten Reis, Brot aus weißem Mehl, Rüben, Karotten, viele andere Wurzelgemüse, Honig, Cola und andere zuckerhaltige Getränke. Soßen und Dressings mit verstecktem Zucker muss man ebenso meiden wie Wassermelonen, Ananas, Rosinen und Bananen. Die Autoren empfehlen, zum Essen nur wenig zu trinken, da reichliche Flüssigkeitsaufnahme die Verdauungssäfte verdünnt und ihre Fähigkeit zur optimalen Interaktion mit der Nahrung verringert. Alkohol ist in Maßen erlaubt – Bier ausgenommen. Denn es enthält zu viel Maltose, die ebenfalls als ungesunder Zucker eingestuft wird. Fruktose dagegen gilt als unschädlich, wenn sie nicht in ungünstiger Kombination aufgenommen wird. Obst sollte deswegen nur als separater Imbiss auf dem Speiseplan stehen.

Der physiologische Gegenspieler des Insulins, das Glucagon, wird als gutes Hormon angesehen, denn es fördert die Lipolyse. Proteinreiche Mahlzeiten sind empfehlenswert, weil sie die Ausschüttung von Glucagon anregen. Die Portionen sollten aber vernünftig sein. Nach den Diät-Vorschriften bedeutet dies, dass Fleisch und Gemüse auf den Boden eines Standardtellers passen und nicht auf oder über den Tellerrand ragen.

Nach Meinung der Zucker-Knacker-Erfinder wird Fett in der Nahrung zu Unrecht verdammt. "Es ist nicht unbedingt das Fett, das Sie essen, sondern das Fett, das Sie aus Zucker umwandeln, das Ihre Erscheinung und Ihre Gesundheit ruiniert". Trotzdem sollte man Fett nur in Maßen essen und Oliven- und Rapsöl bevorzugen. Insgesamt versprechen die Autoren eine Gewichtsabnahme allein durch den Verzicht auf die verbotenen Kohlenhydrate und ohne lästiges Kalorienzählen.

Als Vorteil der Diät wird ihre Praktikabilität gepriesen, da der Zucker-Knacker-Lebensstil auch für Menschen leicht umsetzbar ist, die oft auswärts essen. Auch in einer anderen Frage kommt Zucker-Knacker der Lebensweise vieler Menschen entgegen: Sport – so gesund er auch ist – muss nicht sein.

Bewertung

Die Zucker-Knacker-Diät ist in die Gruppe der kohlenhydratarmen, proteinreichen Diäten einzureihen. Sie basiert auf vielen nicht belegten und wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen. Insulin und Glucagon sind weder schlecht noch gut, sondern schlicht wichtige Gegenspieler in der Regulation unseres Stoffwechsels. Zucker im Speziellen und Kohlenhydrate im Allgemeinen sind kein Gift. Seit Jahrhunderten gehören Kartoffeln und Möhren hierzulande zu den Grundnahrungsmitteln, ebenso wie in Frankreich das weiße Brot. Moderater Verzehr von Haushaltszucker ist nicht schädlich. Auch Diabetikern, die in der Vergangenheit unter vielen Ernährungsverboten zu leiden hatten, ist Zucker heute erlaubt.

Der glykämische Index ist eine Richtgröße dafür, in welchem Maß der Blutglucose-Spiegel nach Verzehr eines Nahrungsmittels ansteigt. Wegen der großen individuellen Unterschiede hat der glykämische Index allerdings in der Ernährungsberatung keinesfalls die herausragende Bedeutung, wie sie ihm von der Zucker-Knacker-Diät zugeschrieben wird. Die postprandiale Glucosekonzentration hängt zudem auch von der Zusammensetzung der Mahlzeiten ab, beispielsweise dem gleichzeitigen Verzehr fett- oder ballaststoffreicher Nahrungsmittel.

Entscheidend für eine Gewichtsreduktion ist, dass die Energiezufuhr unter dem Energieverbrauch liegt. Kalorien sollten zwar auch an Kohlenhydraten, aber vor allem bei den Fetten gespart werden, so die Meinung von Ernährungsspezialisten. Empfehlenswert ist eine niedrigkalorische Ernährung, bei der Gemüse, Obst, Getreide und Kartoffeln im Vordergrund stehen und die durch fettarme tierische Lebensmittel und den sparsamen Konsum von Fett sinnvoll ergänzt wird.

Die Erlaubnis, auf Sport verzichten zu dürfen, macht die Zucker-Knacker-Theorie sicher für manchen sympathisch. Dieser großzügige Freispruch ignoriert allerdings wichtige Fakten: Regelmäßige körperliche Bewegung verbraucht nicht nur während des Trainings Energie, sondern erhöht auch den Grundumsatz. Ein Effekt, auf den niemand verzichten kann, der Gewicht verlieren und sein Wunschgewicht später halten möchte. Kurzfristige Erfolge der Zucker-Knacker-Diät sind nicht auszuschließen. Sie sind aber nicht auf das Zucker-Verbot zurückzuführen, sondern darauf, dass der für 14 Tage abgedruckte Speiseplan viele kalorien- und fettarme Mahlzeiten vorsieht. Langfristig bietet Zucker-Knacker nichts, das Grund zur berechtigten Hoffnung gäbe, damit eine dauerhafte Gewichtsreduktion erzielen zu können. Es ist eine alte Erfahrung, dass Diäten, die aus Verboten bestehen, früher oder später scheitern. Schliesslich macht das Abnehmen ja auch keinen Spaß, wenn dem Leben die Süße fehlt.

Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa