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Selbstmedikation bei Krebs

06.12.2004
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Meinungsumfrage

Selbstmedikation bei Krebs

von Gerd Nagel, Steffen Theobald, Barbara Neusetzer und Ines Audörsch, Zürich

Komplementärmedizinische Mittel sind bei Krebspatienten sehr beliebt, werden von vielen Heilberuflern jedoch mit Skepsis betrachtet. So lauten die Ergebnisse einer Umfrage, die Grundlage für eine wissenschaftliche Analyse der Datenlage zu Mistel und Mikronährstoffen sind.

Für viele Krebspatienten steht außer Frage, dass der Verlauf einer Tumorerkrankung auch von den eigenen Abwehrkräften und der Handlungskompetenz in eigener Sache abhängt, was auch prognostische Relevanz der Patientenkompetenz genannt wird. Entsprechend sind die wichtigsten Motive für die Anwendung von Mitteln der Komplementärmedizin die Stärkung der körpereigenen Abwehr und der Wille des Patienten, selbst zur Krankheitsbewältigung beizutragen (1, 2).

Der in unserer Gesellschaft seit einigen Jahren bestehende Trend zu mehr Patientenkompetenz und autonomem Handeln wird vom medizinischen Umfeld der Patienten nicht nur positiv gesehen. Kompetente Patienten beklagen deswegen auch, dass auf ihren Beratungsbedarf bei der Selbsthilfe und ihr Bemühen, sich neu zu orientieren, zu oft ablehnend reagiert wird (3, 4, 5).

Kern der Erhebung

Ziel der Umfrage war es daher, Meinungen und Argumente aus dem Umfeld von Patienten zum Pro und Contra der Patientenkompetenz zu sammeln, um daraufhin konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Orientierungssuche von Patienten zu machen. Dazu mussten die Teilnehmer der Erhebung folgende Fragen schriftlich beantworten:

1. „Wovon hängt nach Ihrer Überzeugung das Ergebnis der Krebsbehandlung (die Krankheitsprognose, gemeint ist der Krankheitsverlauf nach der Krebstherapie) ab?“

  1. Ausschließlich von der medizinischen Tumortherapie (Operation, Bestrahlung, Chemotherapie),
  2. sowohl von der Tumortherapie als auch von Kräften der Selbstheilung des Patienten (Selbstregulation, Patientenkompetenz),
  3. keine eigene Meinung.

2. „Bitte nennen Sie zwei in der Patienten-Selbsthilfe oder Komplementärmedizin häufig verwendete Medikamente/Präparate.“

Darüber hinaus enthielt der Fragebogen Platz für freie Kommentare und einen Abschnitt für persönliche Angaben zu Geschlecht, Alter und Beruf sowie die Frage nach der persönlichen Betroffenheit von Krebs.

Die Frage 1 beantworteten insgesamt 2661 Personen, die Frage 2 eine Untergruppe von 1817 Personen, darunter 422 Patienten und Angehörige, 424 Apotheker und Apothekenangestellte, 160 niedergelassene Ärzte, 208 klinische Onkologe, 179 Krebsforscher, 109 Personen aus der pharmazeutischen Industrie, 168 Pflegende, 59 Personen aus psychosozialen Berufen, 44 Medizinjournalisten sowie 44 selbst an Krebs erkrankte Akademiker (Ärzte, Apotheker, Forscher).

Eine weitere Untergruppe von 376 Personen beantwortete die Fragen in einem persönlichen Interview. Anschließend sollten sie ihre Auffassungen begründen sowie einen Kommentar zur Definition der Patientenkompetenz abgeben.

Einzelheiten zum Ablauf der Umfrage, zu den Ergebnissen der Frage 1, zu den unterschiedlichen Meinungen über den Begriff Patientenkompetenz sowie zur prognostischen Relevanz der Patientenkompetenz wurden bereits veröffentlicht (6, 7). Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Antworten zur Frage 2, das heißt den Ansichten zur Anwendung von komplementärmedizinischen Mitteln in der Patientenselbsthilfe.

 

Die Umfrage in Kürze Gefragt nach persönlichen Auffassungen zu Mitteln und Verfahren in der Patientenselbsthilfe bei Krebs, nannten die Befragten in erster Linie Mistelpräparate und Mikronährstoffe. An der Erhebung vom Frühjahr/Sommer diesen Jahres nahmen insgesamt 1817 Personen teil: Krebspatienten und Angehörige, Apotheker und Apothekenmitarbeiter, Allgemeinmediziner und Onkologen, Pflegende und Sozialberufler, Krebsspezialisten aus der Forschung und der forschenden Pharmaindustrie. Dabei wichen die Antworten zwischen den einzelnen Gruppierungen zum Teil deutlich voneinander ab, geprägt von Beruf oder Lebenssituation. Apotheker wünschten sich häufig mehr Klarheit hinsichtlich der Indikationen zur Anwendung von Mikronährstoffen und der diesbezüglichen Kundenberatung. Entsprechende Empfehlungen zum Einsatz von Mikronährstoffen und zur Verbesserung der Situation des Patienten liefern die Autoren zum Ende des Textes.

 

Unterschiedliche Meinungen

Alle schriftlich nach komplementärmedizinischen Mitteln Befragten nannten am häufigsten Mistelpräparate und Mikronährstoffe. Dabei machten Apotheker, Apothekenangestellte, Patienten, Angehörige, Allgemeinmediziner, Pflegende, Psychologen, Sozialarbeiter und Journalisten ähnliche Angaben zur prozentualen Häufigkeit der meistgebrauchten Mittel in der Patientenselbsthilfe. Patienten sowie ältere Apothekenmitarbeiter nannten wesentlich öfter einzelne Mittel beim Präparatnamen als andere Personen und hierbei mit Abstand am häufigsten die Präparate Iscador® und Selenase®. Nur in den Gruppen der jüngeren Apothekenangestellten, Pflegenden, Forschern und Personen aus der Pharmaindustrie gaben einige Befragte an, keine Meinung zu haben.

Die klinischen Onkologen dagegen reagierten auf zwei verschiedene Weisen. Eine Gruppe machte, ganz im Sinne der gestellten Frage, konkrete Angaben zu den in der Selbsthilfe verbreiteten Mitteln. Auch sie nannte Mistelpräparate und Mikronährstoffe an erster Stelle, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge und insgesamt seltener als die anderen Befragten. Daneben verwiesen die Onkologen auf ein breites Spektrum weiterer Mittel und Verfahren und zwar zu je etwa einem Drittel auf Naturheilverfahren (Physiotherapie, Fitness, Phytotherapie, Ernährungskonzepte, psychologische Ansätze), auf unkonventionelle Mittel (Thymus, Enzyme, Sauerstofftherapie, Akupunktur, diverse Teezubereitungen) und schließlich auf Außenseiterverfahren (Mehrschritttherapie, Eigenblutbehandlung, Zelltherapien, Heilfasten oder Praktiken aus fremden Medizinkulturen). Die andere Gruppe der klinischen Onkologen ließ die Frage entweder völlig unbeantwortet oder nahm eher kritisch Stellung (siehe Interviews).

Von den Befragten aus der Forschung und forschenden pharmazeutischen Industrie hatten 39 Prozent keine Meinung oder Erfahrung. 24 Prozent nannten klassische Tumormittel (Hormone, Biologicals) oder Verfahren der Supportivmedizin (Blutersatz, künstliche Ernährung, Analgetika, Antibiotika, Antidepressiva, Hypnotika, Sedativa).

Was Betroffene denken

Patienten und ihre Angehörigen zeigten sich in den Interviews oft sehr kundig, was die Datenlage aus der wissenschaftlichen Literatur zu Wirkungen, optimalen Zusammensetzungen, Dosierungen, therapeutischen Zielsetzungen und Potenzialen der Mittel in der Patientenselbsthilfe anbelangt. Ferner wussten sie gut zwischen den Begriffen Komplementärmedizin, Naturheilverfahren und der „Alternativmedizin“ (Quacksalberei, Scharlatanerie, Außenseitermedizin) zu unterscheiden.

Häufig gaben diese Befragten an, Mistelpräparate würden Krebspatienten im psychologischen und biologischen Sinne stärken, ihnen eine Hoffnung geben. Günstige Wirkungen von Mistelpräparaten auf die Lebensqualität, die Verträglichkeit der Chemotherapie und die körpereigene Abwehr sahen viele als gesichert an. Die Präferenz von Iscador erklärten sie damit, dass dem Mittel ein positiver Einfluss auf die Selbstregulation, die Wiederherstellung normaler biologischer Rhythmen und den Verlauf der Krebserkrankung zugeschrieben wird.

Die große Akzeptanz der Mikronährstoffe liegt nach Meinung der Befragten vor allem an der soliden wissenschaftlichen Dokumentation ihrer Wirksamkeit. Mit der Krebserkrankung, noch mehr unter der Tumortherapie steige der Bedarf des Körpers an Mikronährstoffen. Strahlen- und Chemotherapie würden oxidativen Stress auslösen, deren Folgeschäden mit Antioxidantien, das heißt Radikalfängern vermieden werden könnten. Zudem seien Entgiftungsprozesse und Abwehrvorgänge von der ausreichenden Zufuhr von Spurenelementen abhängig. Dabei spielt für die Befragten Selen in der Krebsmedizin und -prävention eine zentrale Rolle. Ihre Präferenz der Selenase in der Krebsmedizin erklärten sie mit der sorgfältigen wissenschaftlichen Fundierung, der guten Verträglichkeit selbst bei belastetem Darm und der günstigen Bioverfügbarkeit.

Heilberufler sind skeptischer

Apotheker, Pharmazieingenieure, PTAs und niedergelassene Ärzte waren grundsätzlich positiv zum Willen von Krebspatienten eingestellt, selbst etwas für sich zu tun. Denn solche Patienten stünden ihrer Erkrankung ganz anders gegenüber. Die hohe Stellung von Mistel und Mikronährstoffen begründen sie ähnlich wie die Patienten, betonten aber zudem Aspekte der Arzneimittelsicherheit, der Compliance und der Anwendungsindikationen. Häufig wünschten sich die Heilberufler jedoch mehr Informationen, wann was zu empfehlen sei.

Wenn sich klinische Onkologen, Krebsforscher und Mitarbeiter der Pharmaindustrie zu Mistelpräparaten, Mikronährstoffen und einer aktiven Selbsthilfe durch kompetente Patienten positiv äußerten, so aus ähnlichen Gründen wie die anderen Befragten. Die Skeptiker hingegen waren der Meinung, die Selbsthilfe und Selbstmedikation habe eher negative als erwünschte Folgen. Die Komplementärmedizin vermittle den Patienten nur die Illusion, es ginge auch ohne Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie. Für die Mistel gebe es keine Beweise der Tumorwirksamkeit, vielmehr bestünde die Gefahr der Tumorstimulation. Da die Chemotherapie teilweise über die Freisetzung von Sauerstoffradikalen wirken solle, sei es paradox, gleichzeitig Antioxidantien zu verabreichen. Zudem würden Mikronährstoffe den Tumor ernähren.

Denkstile prägen Meinung

Die Umfrage hat den besonderen Platz von Mistel- und Mikronährstoffpräparaten in der Patientenselbsthilfe bei Krebs bestätigt (8). Ferner hat sie ergeben, warum Personengruppen, die aus unterschiedlichen Gründen mit der Krebsthematik zu tun haben, den Stellenwert dieser Mittel uneinheitlich beurteilen.

Auch in der ersten Frage zur Definition und prognostischen Relevanz der Patientenkompetenz wichen die persönlichen Überzeugungen zum Teil erheblich voneinander ab (6, 7). Nun zeigt sich, dass die Befürworter der Selbstregulation auch die komplementärmedizinische Selbstmedikation positiv einschätzen, die Gegner hingegen beides eher ablehnen.

Während sich viele Auffassungen von Patienten und Personen aus dem Apothekenumfeld decken, weichen die Meinungen eines Teils der befragten Ärzte, Forscher und Pharmamitarbeiter deutlich davon ab. Ähnliches geht auch aus einer Schweizer Umfrage zur Haltung der Bevölkerung gegenüber der Komplementärmedizin hervor (9). Mit den Argumenten pro und contra Komplementärmedizin und Selbsthilfe werden nicht wissenschaftlich fundierte, sondern tradierte und psychologisch bedingte Grundüberzeugungen, standespolitische Positionen, Glaubenshaltungen und subjektive Meinungen verteidigt, die der Stabilisierung des eigenen Selbstverständnisses dienen (10).

Wie subjektiv solche Denkstile sein können, geht aus den Antworten der 44 selbst an Krebs erkrankten Akademiker hervor. Von einer Ausnahme abgesehen, glaubten alle an die prognostische Relevanz der Patientenkompetenz und mehr als 90 Prozent hatten entsprechende Maßnahmen ergriffen: Neuordnung des Lebensstils, körperliche Trainings- und Ausdauerprogramme, Umstellung der Ernährung, auf Stressabbau abzielende mentale Übungen, Einnahme von Mitteln der Komplementärmedizin darunter vor allem Mikronährstoffe und Mistel. In diesem Verhalten unterschieden sie sich klar von Auffassungen und Verhaltensmustern ihrer gesunden Berufskollegen.

Was wissenschaftlich gesichert ist

Es mag überraschen, wie gut Patienten über die aktuelle Datenlage zur Wirksamkeit und Sicherheit von Mistel- und Mikronährstoffpräparaten informiert sind. Orientierungssuche, gezielte Rückfragen beim Arzt oder Apotheker, das Beschäftigen mit evidenzbasierten Quellen sowie wissenschaftlicher Fachliteratur und die Fähigkeit, verschiedene Fakten kritisch gegeneinander abzuwägen, sind Merkmale der Patientenkompetenz (3, 10). Verglichen mit Patienten erwies sich ein Teil der befragten Ärzte, speziell der klinischen Onkologen sowie der Krebsforscher und Pharmaangehörigen weitaus weniger kundig hinsichtlich der wissenschaftlichen Fundierung der Mistel und Mikronährstoffe. Viele führten an, es gebe dazu keine Literatur.

Die Datenlage reicht jedoch sehr wohl für eine logisch begründete Anwendung der Mistel und Mikronährstoffe aus. Gerade in den letzten Jahren sind so viele neue Daten zu Wirksamkeit und Indikationen dieser Stoffgruppen publiziert worden, dass heute eine zumindest teilweise gut fundierte, evidenzbasierte Beratung möglich ist (11, 12, 13).

Die in einzelnen Stellungnahmen bei der Umfrage bezweifelte Sicherheit der Anwendung der Mistel und Mikronährstoffe bei Krebspatienten ist ein bekanntes Motiv, die Mittel der Komplementärmedizin grundsätzlich abzulehnen (9). Aber dies lässt sich nicht mit Ergebnissen aus klinischen Studien untermauern. So stützen sich die regelmäßig vorgetragenen Warnungen vor dem Risiko einer Tumorstimulation durch die Mistel bisher lediglich auf biochemische Hypothesen und einige wenige Experimente an Zellkulturen (14). Letztere erwiesen sich jedoch als nicht reproduzierbar (15, 16). In der für die Frage der Tumorstimulation entscheidenden klinischen Literatur findet sich bisher kein einziger Fallbericht, der die Tumorstimulation durch die Mistel zweifelsfrei belegt (12, 17).

Im Gegenteil: Die jüngsten Untersuchungen zur Wirksamkeit und Sicherheit der Mistel bei Mammakarzinom und malignen Melanom ergaben sogar eine günstige Korrelation zwischen der Mistelanwendung und der Lebenserwartung von Patienten (18, 19, 20). Und schließlich lieferte auch die EORTC-Studie zum malignen Melanom, entgegen früheren Behauptungen, keine signifikanten Hinweise auf Tumorstimulation, wobei in dieser Studie besonders aufmerksam auf unerwünschte Wirkungen der Mistel geachtet wurde (21).

Mikronährstoff-Kombis sind sicher

Was die Sicherheit der Anwendung von Mikronährstoffen in der Krebsmedizin anbelangt, gibt es ebenfalls immer wieder warnende Stimmen (22). Diese stützen sich entweder auf Daten, die nicht aus der Onkologie stammen (23, 23a, b) oder auf die Hypothese, Antioxidantien könnten die Wirkungen der präoxidativen Zytostatika oder der Strahlentherapie aufheben. Betrachtet man hingegen die Daten mit klinischer Relevanz oder aus der Klinik selbst, so überwiegen die Hinweise auf günstige Synergieeffekte zwischen der Tumortherapie und Mikronährstoffen (24, 25, 26). Auch in der kürzlich erschienenen Metaanalyse der Effekte von β-Carotin sowie der Vitamine A, C, E allein oder in Kombination bei über 170 000 Personen mit verschiedenen Krebserkrankungen des Verdauungstraktes finden sich keine Hinweise auf unerwünschte Tumoreffekte (27, 28).

Andere Kritiker beziehen sich im Wesentlichen auf die Ergebnisse von zwei Untersuchungen (29, 30). So erkrankten etwa in der finnischen ATBC-Studie zur Prävention des Bronchialkarzinoms unter β-Carotin mehr chronische Raucher an Lungenkrebs als ohne das Provitamin (3,3 versus 2,8 Prozent). Ob dieser Befund aber wirklich auf β-Carotin zurückgeht, ist fraglich, da es als Monosubstanz keinen klinisch signifikanten Einfluss auf Biomarker für oxidativen Stress und DNA-Schäden wie die Konzentration an Malondialdehyd (MDA) oder 8-Hydroxy-desoxy-Guanosin (8-OHdG) (31) hat.

Zusammengefasst betreffen die sporadischen Warnungen vor der Anwendung von Mikronährstoffen in der Onkologie nur die Anwendung von Antioxidantien in der Mono- oder Oligo-Kombination. Demgegenüber gibt es keine Hinweise darauf, dass die Breitband-Substitution mit Mikronährstoffen negative Effekte hat (32). Als Monosubstanz hat sich in der Onkologie bisher nur das Selen therapeutisch bewährt (11, 13).

 

Zu Mikronährstoffen beraten Mit der wachsenden Selbstmedikation steigt derzeit die Notwendigkeit einer qualifizierten Beratung in der Apotheke (33). Entsprechend zeigte die Umfrage den Wunsch der Apotheker, eine bessere Datenbasis für die evidenzbasierte pharmazeutische Beratung und Betreuung der Kunden an die Hand zu bekommen. Dieser Aufgabe hat sich das Netzwerk Patientenkompetenz gestellt (34).

In der Praxis lassen sich vier hauptsächliche Anwendungssituationen von Mikronährstoffen unterscheiden, zwischen denen jedoch fließende Übergänge bestehen:

1. Gesundheitsbewusste Lebensweise

Hierbei handelt es sich um die klassische Nahrungsergänzung (ohne besondere gesundheitliche Risiken), die viele wünschen, die etwas Zusätzliches zu Fitness oder Wellness tun wollen. Für diesen Bedarf sind die überall erhältlichen, pauschalierten Standardmischungen von Mikronährstoffen konzipiert.

2. Selbsthilfe bei erhöhten Anforderungen und ergänzende bilanzierte Diäten

Gesunde Menschen sollten für eine längere Zeit Mikronährstoffe anwenden, wenn sie auf Grund ihrer Lebensweise den Bedarf mit der Ernährung nicht decken können (zum Beispiel andauernde Stressverhältnisse, längere Phasen der Gewichtsreduktion bei Adipositas, berufliche Situationen, bei denen keine optimale Ernährung möglich ist). Entsprechende Supplemente benötigen zudem Menschen, die eine schwerere Erkrankung sowie die Rekonvaleszenzphase hinter sich haben und ihre Gesundheitsressourcen längerfristig stabilisieren wollen. Darüber hinaus sind Mikronährstoff-Kombipräparate für empirisch bestimmte bilanzierte Diäten gedacht. Hier ist der Apotheker gefragt, um die Anwendungssituation 3 abzugrenzen.

3. Gezielte, individuelle Mikronährstoff-Supplementierung

Grundvoraussetzung ist, dass zunächst die individuelle Versorgungslage mit Mikronährstoffen mittels Labordiagnostik bestimmt wird. Erst dann kann entsprechend dem aufgedeckten Defizit substituiert werden, wobei die Dosierungen in diesen Mikronährstoffgemischen oft über die für Nahrungsergänzungsmittel hinausgehen. Die Herstellung derartiger Rezepturen ist Domäne des Apothekers.

Unterstützung auf dem Gebiet der umfassenden Diagnostik und bedarfsbezogenen Supplementierung von Mikronährstoffen bietet zum Beispiel das Unternehmen Unisan, das kein eigenes Präparat vertreibt, sondern der Beratungsapotheke die Empfehlungen und Grundstoffe für die individuellen Apotheken-Rezepturen im Idealfall nach Blut-, Speichel- und Urinanalysen zur Verfügung stellt (35). Für derartige Analysen und die individuelle Substitution kommen Personen in Frage, bei denen ein chronischer, potenziell krankmachender Mangel an Mikronährstoffen zu vermuten ist, etwa bei erhöhten Homocysteinwerte, denen ein Vitamin B6-, B12- oder Folsäuremangel zu Grunde liegen kann. Ferner gehören zur Mikronährstoff-Risikogruppe Patienten mit therapiebedürftigen chronischen Erkrankungen, mit lange andauernden entzündlichen Darmerkrankungen, polymorbide ältere Menschen oder Krebspatienten unter Chemotherapie. Da es sich hierbei häufig um eine präventive Gabe handelt, ist zur gezielten Patientenberatung eine enge Kooperation von Apothekern und Ärzten erforderlich.

4. Ärztliche Therapie mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln

Zu dieser Gruppe zählen Patienten mit manifesten Mangelzuständen vom Typ der Eisenmangelanämie, mit Stoffwechselstörungen wie sie etwa bei Schilddrüsenerkrankungen vorkommen können, mit eingreifenden Therapien wie der Dialyse sowie Patienten mit systemischen Extrembelastungen. Auch die gezielte Anwendung von Mikronährstoffen zur Prävention von Folgeschäden der Chemotherapie bei Krebs (Colibiogen® zur Prävention der Magen-Darmtoxizität von 5-Fluorouracil oder Vitamin E zur Verhütung der Cisplatin bedingten Neurotoxizität, 36, 37) oder der Einsatz der Selenase im Rahmen der Sepsisbehandlung unterliegt der ärztlichen Verordnung (13).

 

Schlussfolgerungen

War die Versorgung des Krebspatienten mit komplementärmedizinischen Mitteln, vor allem mit Mistelpräparaten und Mikronährstoffen, noch vor wenigen Jahren eine Frage persönlicher Präferenzen des Apothekenpersonals, so ist sie heute immer mehr Thema der evidenzbasierten pharmazeutischen Beratung geworden. Aber obwohl sich die Grundlagen für derartige, auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhende Beratungen immer mehr konsolidieren, werden sie vielfach noch nicht zur Kenntnis genommen. Patienten sind die Leidtragenden dieser Situation.

Diese Umfrage hat einige Ursachen für die Abwehrhaltung gegenüber der Patientenkompetenz, Selbsthilfe und komplementären Selbstmedikation aufgedeckt. Aus diesen Beobachtungen können die folgenden Vorschläge zur Verbesserung der Situation des Orientierung suchenden Krebspatienten abgeleitet werden.

  • Konsequentere Fortbildung zur Beratungskompetenz: Davon ausgehend, dass Apotheker, Pharmazieingenieure und PTAs im Gesundheitswesen die wichtigste Rolle als Patientenberater in komplementärmedizinischen Belangen spielen, ist eine gezieltere und konsequentere Aus-, Fort- und Weiterbildung dieses Personenkreises erforderlich (38). Dabei muss eine Schulung nicht nur die Fachkompetenz stärken, sondern auch die Sozialkompetenz, nämlich die Fähigkeit, die Bedürfnisse des individuellen Kunden richtig einzuschätzen.
  • Dienstleistungen und Datenbanken für die evidenzbasierte Patientenberatung verbessern: Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zum Stellenwert komplementärmedizinischer, für die Selbsthilfe geeigneter Mittel werden häufig nur ungenügend zur Kenntnis genommen. Dafür gibt es mehrere Gründe, unter anderem die Schwierigkeit, rasch an relevante und verlässliche Informationen zu kommen. Mit der Schaffung des Adexa-Netzwerks Patientenkompetenz und dessen Info-Diensten für die Berater-Apotheken wurde eine Initiative ergriffen, die evidenzbasierte Kundenberatung zu erleichtern (39).
  • Den Begriff Komplementärmedizin klären: Es ist erstaunlich, welche Sprachverwirrung nach wie vor bezüglich der Begriffe und Inhalte rund um die Patientenselbsthilfe herrscht. So gibt es laut der Umfrage immer noch Personen, die Mistel- und Mikronährstoffpräparate der Paramedizin zurechnen. Dabei handelt sich hier um klassische Mittel der Naturheilverfahren (Mistel/Phytotherapie, Mikronährstoffe/Ernährungsmedizin) und damit um Bestandteile der schulmedizinischen Therapielehre beziehungsweise besonderen Therapierichtungen, auf die sich der Begriff Komplementärmedizin bezieht. Mistel und Mikronährstoffe sind Mittel aus dem salutotropen Therapieverständnis, welche die eigentliche, auf die Vernichtung der Krebszellen ausgerichtete, pathotrope Tumortherapie sinnvoll ergänzen.
  • Auch Patienten müssen noch dazu lernen: Wem die Verbesserung der Situation von Krebspatienten ein Anliegen ist, sollte diesen Mut machen, sich selbst in die eigenen Angelegenheiten einzumischen. Die Umfrage hat bestätigt: Das Bestreben nach Patientenkompetenz ist die Suche nach dem persönlichen Weg in der Krankheit und keine Kritik an der Kompetenz der Ärzte oder Apotheker in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen. Aber Patienten sollten wissen, dass und warum komplementärmedizinische Selbsthilfe von empfindlichen Therapeuten als Kränkung wahrgenommen werden kann. Das beratende Apothekenteam könnte diesbezüglich sehr viel konstruktive Aufklärungsarbeit leisten.
  • Gemeinsame moralische Verantwortung von Ärzten und Apothekern: Auch in dieser Umfrage klagten viele Patienten über ihre Position als hilflose Weltkinder zwischen den Interessensgruppen der Ärzte und Apotheker. Zudem gab es zahlreiche Sticheleien zwischen den Interessensgruppen.

Unser Gesundheitswesen ist auf das Wohl des Patienten ausgerichtet. Wenn Patienten davon reden, dass sie bei der Anwendung von Mistel oder Mikronährstoffen in einen Loyalitätskonflikt zwischen Arzt und Apotheker geraten, zeigt dies aber genau das Gegenteil an. Das Wohl des Patienten ist zu einem untergeordneten Gut geworden. Deswegen müssen sowohl medizinische und pharmazeutische Fachgesellschaften als auch Ärzte und Apotheker an der Basis zusammenfinden, um den erforderlichen ethischen Diskurs zum Thema Patientenkompetenz, Patientenselbsthilfe und Komplementärmedizin zu führen. 

Danksagung: Wir danken der Fördergesellschaft Forschung Tumorbiologie Freiburg für die Unterstützung im Rahmen des Forschungsprojektes „Statuserhebung Antioxidantien“ (40).

 

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Für die Verfasser:
Professor Dr. Gerd Nagel
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