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"Jeder bekommt Alzheimer"

11.12.2000
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ANTI-AGING-KONGRESS

"Jeder bekommt Alzheimer"

von Ulrike Wagner, Heidelberg

Das Patentrezept für ein langes gesundes Leben gibt es bereits. Menschen, die geistig aktiv sind, Sport treiben, ihren Körper mit Antioxidantien versorgen, sich maßvoll und gesund ernähren, ihren Hormonstatus unter Kontrolle haben und sich Stress nicht allzu häufig aussetzen, haben gute Chancen, gesund alt zu werden. Das Fazit konnten die Teilnehmer Kongresses "Lifestyle & Anti-Aging" vom 6. bis 9. Dezember in Heidelberg ziehen.

Die größte Bedrohung geht von der Alzheimer-Demenz aus. "Jeder bekommt Alzheimer, er muss nur alt genug werden", sagte Professor Dr. Konrad Beyreuther, Direktor des Zentrums für Molekulare Biologie, Heidelberg. Von 17 Menschen, die älter als 100 Jahre waren, hatten in einer kürzlich veröffentlichten holländischen Studie fünfzehn die Kriterien für die Diagnose Alzheimer-Demenz erfüllt. Die beiden anderen waren nicht in der Lage, sich der Diagnostik zu unterziehen, berichtete Beyreuther.

Welche Rolle spielen die Erbanlagen?

"Es gibt keine Gene fürs Altern, denn Altern ist schlecht für Gene", so der Heidelberger Wissenschaftler. Erbfaktoren, die einen Alterungsprozess hervorrufen, würden während der Evolution eliminiert werden. Allerdings gibt es Gene, die das Altern beeinflussen. Von diesen so genannten Gerontogenen gibt es nur drei Gruppen. "Und alle stehen unter unserer eigenen Kontrolle", sagte Beyreuther.

Zur ersten Gruppe gehören die Gene, deren Produkte oxidativen Stress regulieren. Dazu zählen zum Beispiel die Superoxiddismutase und die Katalase. Bei der Entwicklung von Alzheimer scheinen oxidative Prozesse eine Rolle zu spielen. In einer Studie hatten niedrige Serumspiegel von Vitamin E mit kognitiven Dysfunktionen korreliert. Für andere Antioxidantien hatten sich keine Korrelationen gezeigt. Die Kombination von Vitamin E und C verringere das Risiko für eine Demenz, sagte Beyreuther.

Die zweite Gruppe der Gerontogene reguliert den Energieverbrauch über Insulin. Bei den untersuchten Modellorganismen, Caenorhabditis elegans und der Hefe Saccharomyces cerevisiae zeigte sich, dass Hungern das Leben verlängert - und zwar um etwa 30 bis 40 Prozent. Den Menschen empfahl Beyreuther nicht unbedingt zu hungern, aber einen Body-Mass-Index von 25 bis 27 nicht zu überschreiten.

Stressgene gehören zur dritten Gruppe der Gerontogene. Bei C. elegans heißen sie "Clock"-Gene. Schaltet man sie aus, erhöht sich die Lebenserwartung auf das Zehnfache. Die Stressgene kontrollieren das angeborene Antistressprogramm, das zu einer erhöhten Lebensspanne führt.

Umwelt und Verhalten

Der Einfluss der Gene macht nach Schätzungen Beyreuthers insgesamt nur 25 Prozent des Alterns aus. Den Rest beeinflussen Umwelt und Verhalten. So erhält geistige Regsamkeit die Funktionen der Nervenzellen. Nervenzellen, die keine trophischen Anregungen erfahren werden apoptotisch und gehen damit zugrunde. Das Gehirn eines neugeborenen Kindes beherbergt wesentlich mehr Nervenzellen als das eines Erwachsenen. Im 30. Lebensjahr sind dies etwa 40 Prozent der Nervenzellen eines Säuglings. Menschen, die geistig aktiv sind, trainieren ihre Nervenzellen und erhalten die synaptischen Kontakte im Gehirn. Je mehr synaptische Kontakte vorhanden sind, desto langsamer kann die Alzheimer-Demenz fortschreiten, prognostizierte Beyreuther. So hatte eine Studie gezeigt, dass linguistische Fähigkeiten im Alter von 22 Jahren invers korreliert waren mit der Alzheimer-Demenz 58 Jahre später.

Auch Hormone beeinflussen Nervenzellen. So kontrolliert Estradiol die Bildung von Nervenzellkontakten während der Gehirnentwicklung und beeinflusst die Plastizität im erwachsenen Gehirn. Estrogen wirkt protektiv beim Auswachsen von Nervenbahnen nach Verletzungen.

Hormone in der Alzheimer-Therapie

Kein Wunder, dass mehrere Wissenschaftler auf die Idee kamen, Hormone in der Therapie der Alzheimer-Demenz einzusetzen. Zum Effekt von Estrogenen in der Alzheimer-Therapie gebe es zwei randomisierte doppelblinde Placebostudien. Das enttäuschende Ergebnis: Die Hormontherapie hatte keinen Einfluss auf den kognitiven Verfall bei Frauen mit milder und moderater Alzheimer-Demenz. Beyreuthers Interpretation: Wenn die Nervenzellen schon zerstört sind, ist auch mit Hormonen nichts mehr zu retten. Estrogen wirke nur dann neuroprotektiv, wenn die Gabe vor oder gleichzeitig mit der Nervenzell-Degeneration beginnt.

Acetylcholinesterase-Hemmer sorgen für die Stimulation der Nervenzellen, da sie den Abbau von Acetylcholin hemmen. Dadurch steigerten sich Konzentration und Aufmerksamkeit. Die Wirkstoffe linderten auch Begleitsymptome des Morbus Alzheimer wie zum Beispiel Inkontinenz.

Wie sieht die Alzheimer-Therapie im dritten Millenium aus? An erster Stelle werde hier die Gendiagnose, die Anamnese und - ganz wichtig - das Bekennen zu der Erkrankung stehen. Zweiter Schritt ist die rationale Prävention und gegebenenfalls Therapie. Die Änderung des Lebensstils (Diät, geistiges und körperliches Training) bestimmt dann den dritten Schritt zur Prävention von Morbus Alzheimer.

Auch Professor Dr. Walter E. Müller vom Pharmakologischen Institut für Naturwissenschaftler der Universität Frankfurt bedauerte, dass es noch keine Interventionsstudie zur Wirkung von Estrogenen im Vorstadium der Alzheimer-Demenz gibt. Denn bei leichten kognitiven Störungen hatte die Estrogensubstitution einen signifikanten Effekt auf die Gedächtnisleistung bei postmenopausalen Frauen. Allerdings sei hier noch nicht klar, ob der beobachtete Effekt tatsächlich auf zentralnervösen Wirkungen beruhe und nicht auf der durch die Hormone erhöhten Motivation und besseren Stimmung.

In einem anderen Punkt stimmte Müller nicht mit seinem Vorredner überein, der als einen Risikofaktor für die Alzheimer-Demenz das cerebrale Cholesterol nannte und dies mit dem protektiven Effekt der Statine begründete. Müller bezweifelt den direkten Effekt der Statine auf das Gehirn. Seine Begründung: Lovastatin und Pravastatin zeigten eine Reduktion des Risikos für die Alzheimer-Demenz, Simvastatin nicht. Allerdings gelten Lova- und Simvastatin gelten als ZNS-gängig, Pravastatin nicht. Vielleicht wirken die Statine ja doch über periphere Faktoren wie zum Beispiel kardiovaskuläre Effekte.

Auf eine andere Substanz stürzt sich derzeit vor allem in den USA die Bevölkerung - ohne irgendwelche Daten zur Wirkung, so Müller. Die Menge an Dehydroepiandrosterone (DHEA) nimmt bei Frauen und Männern mit dem Alter ab, genauso wie die Menge an Melatonin. Sowohl die physiologische Funktion, als auch die Relevanz des sinkenden Spiegels mit zunehmendem Alter sind unklar. Derzeit könne man DHEA übers Internet beziehen. In den USA ist es in jedem Supermarkt erhältlich. Müller: "Das ist ein Massenexperiment USA." Schädliche Effekte seien bislang allerdings noch nicht bekannt.

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