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Natürliches Antibiotikum in menschlichem Schweiß

05.11.2001
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Natürliches Antibiotikum in menschlichem Schweiß

von Ulrike Wagner, Eschborn

Der menschliche Schweiß enthält ein antibiotisches Peptid, das die Keimbesiedlung der Haut reguliert. Das hat eine Forschungsgruppe der Sektion Dermatologische Onkologie des Universitätsklinikum Tübingen unter der Leitung von Professor Dr. Claus Garbe herausgefunden. Die Entdeckung von Dr. Birgit Schittek und ihren Mitarbeitern wird in der Dezember-Ausgabe von Nature Immunology erscheinen, heißt es in einer Pressemitteilung der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

In den letzten Jahren hatten Wissenschaftler bereits eine Reihe von antibiotischen Peptiden als Wirkstoffe der menschlichen Immunabwehr entdeckt. Die bislang beim Menschen bekannten, an der Haut wirksamen Peptide werden jedoch erst bei Verletzungen, Entzündung oder bereits eingetretenen Infektionen freigesetzt. Bei Pflanzen, Insekten und Amphibien sind antibiotische Peptide seit längerem als Vermittler der Infektabwehr bekannt.

Dermcidin, das neu entdeckte antibiotische Peptid, wird ausschließlich von den Schweißdrüsenzellen produziert und gelangt mit dem Schweiß auf die Oberfläche der Haut. Die Hauptform des Peptids besteht aus 47 Aminosäuren.

Gegen Bakterien und Pilze

Getestet haben die Tübinger Wissenschaftler das Peptid bislang gegen vier Mikroorganismen: Escherichia coli, Enterococcus faeces, Staphylococcus aureus und Candida albicans, erklärte Schittek auf Nachfrage der PZ. Es wirkte sehr gut gegen die grampositiven und gramnegativen Bakterien sowie gegen den Pilz. Die Wirksamkeit bleibt auch unter den sauren pH-Bedingungen des Schweißes erhalten und wird durch die Salze des Schweißes nicht beeinträchtigt. Zurzeit laufen weitere Untersuchungen mit anderen Keimen, informierte Schittek. Damit wollen die Forscher das Wirkspektrum des Antibiotikums weiter untersuchen und auch herausfinden, ob es Unterschiede zum Beispiel in der Wirksamkeit gegenüber den Mikroorganismen der physiologischen Hautflora und pathogenen Keimen gibt.

Die Entdeckung von Dermcidin trägt auch zur Erklärung der von Hautärzten immer wieder gemachten Beobachtung bei, dass Ekzeme häufig bei Personen auftreten, die sich sehr oft waschen. Der mit Dermcidin aus dem Schweiß entstehende antibiotische Schutzmantel wird durch häufiges Waschen wahrscheinlich zu stark reduziert.

Zudem spielt Staphylococcus aureus zum Beispiel bei Neurodermitikern eine Rolle. Bei diesen Patienten ist der Keim oft an Infektionen beteiligt, auch wenn er bei anderen Menschen auf der Haut vorkommt, ohne Krankheitssymptome hervorzurufen. Da Neurodermitiker meist weniger schwitzen und damit auch geringere Mengen des antibiotischen Peptids ausscheiden, scheint die Verbindung zu Dermcidin logisch. Ob es tatsächlich einen Zusammenhang zu dem Peptid gibt, müssen jedoch weitere Untersuchungen zeigen.

Neue Struktur

Was die Aminosäuresequenz angeht, gibt es keine Homologie zu bisher bekannten antibiotisch wirksamen Peptiden, sagte Schittek. Auch in der Struktur zeigen sich keine Ähnlichkeiten. So ist das neue Peptid im Gegensatz zu den anderen Peptidantibiotika negativ geladen. Daher gehen die Tübinger Wissenschaftler davon aus, dass es wahrscheinlich keine Poren in der Bakterienwand bildet, wie viele andere Peptide. "Aber letztendlich kennen wir den Wirkmechanismus noch nicht ", sagte Schittek. Das Peptid könnte auch an ein bestimmtes Protein auf der Bakterienwand oder im Bakterium binden.

Dermcidin ist damit das erste antibiotische Peptid, das einen dauernden Schutz der Haut vor Infektionen mit Keimen bewirkt. Bisher hatten Wissenschaftler vermutet, dass vor allem der leicht saure pH-Wert an der Hautoberfläche ein wichtiger Schutzmechanismus wäre.

Die Entdeckung des Dermcidin ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Infektabwehr an der Haut als der wichtigsten Grenzfläche beim Menschen zur Umwelt. Es ist vorstellbar, dass die Anwendung von Dermcidin längerfristig eine therapeutische Bedeutung bei Neigung zu vermehrten Hautinfektionen und Hautentzündungen erlangen kann, heißt es in der Pressemitteilung. Auch ein prophylaktischer Einsatz scheint naheliegend. Zumal die Wissenschaftler eine außerordentlich gute Hautverträglichkeit erwarten. Top

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