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Kinder vor dem Qualm schützen

11.10.2004
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Aktion gegen das Passivrauchen

Kinder vor dem Qualm schützen

von Conny Becker, Berlin

Tabakrauch gilt als krebserzeugender Schadstoff Nummer eins. Während Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch auf einen rauchfreien Arbeitsplatz haben, sind über sechs Millionen deutsche Kinder dem Tabakrauch hingegen täglich ausgesetzt, ohne dass politische Konsequenzen folgen.

„60 Prozent aller Kinder im Alter bis zu sechs Jahren leben in Deutschland in Raucher-Haushalten”, sagte Gerd Nettekoven, Geschäftsführer der Deutschen Krebshilfe, bei einer Pressekonferenz anlässlich der “Europawoche gegen den Krebs”, die vom 11. bis 17. Oktober zum Thema „Passivrauchen“ stattfindet. Sind Kinder dauerhaft Tabakrauch ausgesetzt, erhöhe sich ihr Erkrankungsrisiko gegenüber Kindern, die rauchfrei aufwachsen. Deshalb fordert die Deutsche Krebshilfe zusammen mit dem Kinderschutzbund und anderen Organisationen effektive Maßnahmen, um Kinder vor dem schädlichen Qualm zu schützen. So müsste das Rauchen in öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Sportstätten sowie auf Kinderspielplätzen und in Einkaufszentren, Gaststätten oder öffentlichen Transportmitteln künftig per Gesetz verboten sein.

Vor allem müsse aber das öffentliche Bewusstsein und Verhalten in Bezug auf das Rauchen geändert werden, wozu im Rahmen der diesjährigen Informationskampagne bundesweit Plakate mit dem Titel „Körperverletzung“ bei Gesundheitsämtern und Krankenkassen aushängen und entsprechende Postkarten in Gaststätten verteilt werden. Raucher müssten sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren Mitbürgern, besonders den Kindern, stärker bewusst werden, sagte Nettekoven.

Gefahren für Kinder

Kampagnen gegen das Passivrauchen haben triftige Gründe, erläuterte Dr. Volker Beck von der Deutschen Krebsgesellschaft e. V.: „Weltweit leiden nach Erhebungen der US-amerikanischen Environmental Protection Agency bis zu einer Million Kinder an Asthma, das durch Passivrauchen ausgelöst oder verstärkt wurde.“ Darüber hinaus habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1999 in einem Bericht zu Passivrauchen und Kindergesundheit weitere Gesundheitsgefahren für die Heranwachsenden zusammengefasst. Demnach haben Kinder rauchender Mütter ein erhöhtes Risiko für Mittelohrentzündungen oder Erkrankungen der Atemwege sowie eine um 38 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, wegen einer Bronchitis oder Lungenentzündung in ein Krankenhaus zu müssen, als rauchfrei aufwachsende Kinder.

Zudem ist Passivrauchen eine Hauptursache für den plötzlichen Kindstod. Ein Drittel und damit hier zu Lande jährlich etwa 170 bis 200 dieser Todesfälle werden dem Tabakrauch angelastet und wären somit vermeidbar. Darüber hinaus leiden Kinder aus Raucher-Haushalten etwa doppelt so häufig an Schwindel, Husten, Kopfschmerzen und dreimal so häufig an Schlafstörungen wie Kinder, deren Eltern nicht rauchen. Laut WHO-Bericht kann Passivrauchen auch zu physiologischen Veränderungen führen, die das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen, und mindert den HDL-Cholesterol-Spiegel im Blut.

Möglicherweise kann Passivrauchen Lern- und Verhaltensprobleme bei Kindern verursachen oder gar Krebs auslösen. Hierzu ist die Datenlage laut Beck noch dünn, eine neue Studie aus Schweden weise allerdings auf einen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und dem Auftreten von Leukämie oder Gehirntumoren bei Kindern hin.

Müssen die Kleinen bereits im Mutterleib die Zigaretten mitrauchen, drohen neben einem geringeren Geburtsgewicht und eingeschränktem Wachstum auch Totgeburten, sagte Beck. Neugeborene können zudem an Nikotinentzugssymptomen leiden und haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, später selbst mit dem Rauchen zu beginnen. Diese Vielzahl an möglichen Gesundheitsschäden lässt für Beck nur einen Schluss zu: „Das Rauchen in der Umgebung von Kindern muss gesellschaftlich stigmatisiert werden.“

 

Mehr als eine Utopie Rauchfreie Spielplätze oder Kindertagesstätten sind nicht nur Wunschtraum, sondern werden derzeit bereits Realität. Im Berliner Stadtteil Steglitz etwa sind die Kleinen beim Spielen vor Zigarettenqualm und giftigen Kippen im Sand nun besser geschützt. Seit Anfang des Monats stehen hier Schilder mit der Bitte, nicht zu rauchen. Zwar ist dies kein gesetzliches Verbot, die Aktion appelliert jedoch an die Vernunft der Erwachsenen. Ein verpflichtendes Rauchverbot wird ab 1. November in allen Kindertagesstätten des Bezirks gelten. Das Bezirksamt bietet zusammen mit der Barmer Ersatzkasse den rauchenden Erzieherinnen im Gegenzug kostenlose Entwöhnungskurse an. Was ältere Kinder und Jugendliche betrifft, ist die gesamte Hauptstadt bereits Vorbild für alle deutschen Städte: Seit Ende der Sommerferien herrscht hier ein generelles Rauchverbot an allen Schulen.

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