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Hustattacken am Morgen

10.10.2005  00:00 Uhr
Hausstauballergie

Hustattacken am Morgen

von Christina Hohmann, Eschborn

Wenn man sich abends ins Bett kuschelt, macht es sich eine Vielzahl kleinster Lebewesen ebenfalls gemütlich: die Hausstaubmilben. Die Tiere leben in Matratze oder Bettwäsche und können durch den ständigen Kontakt allergische Atemwegserkrankungen beim Menschen auslösen.

Etwa 20 bis 25 Prozent der Patienten mit allergischen Atemwegserkrankungen sind gegen Hausstaubmilben allergisch, beziehungsweise gegen deren Kot. Die Betroffenen reagieren überempfindlich auf die winzigen, proteinhaltigen Ausscheidungen der Tiere, die durch das Bewegen von Textilien, wie Teppichsaugen oder Schütteln der Bettdecke, aufgewirbelt werden und dann in die Atemluft gelangen. Hausstaubmilben sind mit 38,3 Prozent, nach den Pollen mit 85,9 Prozent, der zweithäufigste Auslöser allergischer Atemwegserkrankungen in Deutschland, wie eine Untersuchung von Professor Dr. Karl-Christian Bergmann, Allergie- und Asthma-Klinik in Bad Lippspringe, zeigte. Milben kommen aber im Gegensatz zu Pollen das ganze Jahr über vor, weshalb die Erkrankung auch als Ganzjahresallergie bezeichnet wird.

Betroffene leiden vor allem nachts und am frühen Morgen an Symptomen wie Niesen, Dauerschnupfen, juckenden und tränenden Augen, Hustattacken bis hin zu Atemnot. Denn Milben leben bevorzugt im Bett, wo der Mensch die meisten Hautschuppen und Haare verliert, von denen sich die Tiere ernähren. Außerdem behagt ihnen das Klima dort: Eine Temperatur zwischen 25 und 30 Grad sowie eine hohe relative Luftfeuchtigkeit (bevorzugt um die 75 Prozent) stellen optimale Lebensbedingungen für Milben dar. Daher sollten Patienten mit einer Milbenallergie das Schlafzimmer möglichst gut lüften, um die Feuchtigkeit zu eliminieren, und nicht heizen, sodass die Temperatur dort etwa 18 Grad Celsius beträgt. Außerdem sollten Bettdecke und Kopfkissen regelmäßig bei mindestens 60 Grad Celsius gewaschen werden, um die Tiere zu töten. Wenn Textilien bei niedrigeren Temperaturen gewaschen werden, ist der Zusatz eines speziellen milbenabtötenden Waschmittels notwendig. Bei einem Kopfkissen, das mehr als zwei Jahre alt ist und nicht mindestens alle vier Wochen gewaschen wird, geht ein Zehntel des Gewichts auf lebende und tote Milben sowie deren Kot zurück.

Haut fressende Spinnentiere

Hausstaubmilben sind etwa 0,3 mm große Organismen, die zur Klasse der Spinnentiere gehören. Zwei Arten sind von besonderer Bedeutung: Dermatophagoides pteronyssinus und Dermatophagoides farinae. Sie fressen Hautschüppchen, wie schon ihr zoologischer Name erkennen lässt. Täglich verliert der Mensch circa 1,5 Gramm dieser Hautpartikel, wodurch er rund eine Million Milben ernähren kann. Die Tiere leben im Mittel drei Monate und scheiden in dieser Zeit das 200fache ihres Körpergewichts aus. Weibliche Milben legen täglich bis zu vier Eier, aus denen Larven schlüpfen, die sich innerhalb von drei bis vier Wochen zu geschlechtsreifen Tieren entwickeln.

In den Monaten Mai bis Oktober, wenn die Temperaturen hoch sind, vermehren sich die Milben besonders stark. Mit Beginn der Heizperiode im Oktober sinkt dann die relative Luftfeuchtigkeit und ein Großteil der Tiere stirbt ab. Dadurch nimmt allerdings die Allergenbelastung nicht ab. Vielmehr haben sich so viele Exkremente in den Textilien angesammelt, dass in dieser Zeit die Symptomatik am stärksten ist.

Außer in Betten nisten sich Milben auch in allen möglichen anderen Textilien, wie in Kleidern, Vorhängen, Polstermöbeln, Stofftieren und vor allem Teppichen ein. »Die Milbenkonzentration auf Teppich ist signifikant höher als auf wischbarem Boden, dies wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen«, sagt Dr. Horst Müsken, Bad Lippspringe, in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) sowie des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen. Bewiesen sei allerdings nicht, dass bei wischbaren Böden auch weniger Beschwerden entstehen.

 

Tipps für Milbenallergiker Folgende Ratschläge haben die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) und der Ärzteverband Deutscher Allergologen erarbeitet:
  • Milbendichte Matratzenüberzüge (»Encasings«) verwenden.
  • Häufiges Stoßlüften des Schlafzimmers, damit die Feuchtigkeit entweicht. Keine Luftbefeuchter verwenden.
  • Das Schlafzimmer kühl halten: Gar nicht bis wenig heizen.
  • Bettdecken, Laken und Kissen regelmäßig bei mindestens 60 Grad Celsius (besser noch 95 Grad Celsius) für mindestens eine Stunde waschen. Nicht waschbare Textilien wie Stofftiere
  • oder empfindliche Kleidungsstücke für 24 Stunden ins Gefrierfach legen, um die Milben zu töten.
  • Entgegen bisherigen Empfehlungen ist synthetisches Bettzeug unvorteilhaft, besser sind natürliche Materialien wie Daunen oder Federn, sie haben laut einer Metaanalyse von sieben Studien einen protektiven Effekt.
  • Wischbarer Fußboden ist besser als Teppich, vor allem im Schlafbereich.
  • Überflüssige Staubfänger wie schwere Vorhänge, Trockensträuße oder offene Bücherregale aus dem Schlafzimmer entfernen. Keine Tiere ins Schlafzimmer lassen.
  • Im Urlaub bevorzugt in die Berge reisen, da ab einer Höhe von 1500 Metern die Luftfeuchtigkeit derart absinkt, dass keine Milben mehr vorkommen.

 

Die Erkrankung wird anhand der geschilderten Symptome und des Zeitpunkts des Auftretens diagnostiziert. Gefestigt wird die Diagnose durch einen Pricktest, bei dem der Hautarzt oder Allergologe das Allergen mit einem Nadelstich in die Haut einbringt und die auftretende Reaktion beurteilt. Auch ein Antikörpernachweis im Blut ist möglich.

»Wird eine allergische Rhinitis nicht behandelt, droht der so genannte Etagenwechsel, eine Ausweitung der Beschwerden von den oberen auf die unteren Atemwege ­ Asthma ist die Folge«, sagt Professor Dr. Schultze-Werninghaus, Präsident der DGAKI. Für Patienten mit einer schweren Allergie kann daher eine Hyposensibilisierung hilfreich sein. Hierbei erhält der Betroffene über einen Zeitraum von meist zwei bis drei Jahren das Allergen in kleinen, langsam steigenden Dosen gespritzt, um den Körper an die Substanz zu gewöhnen. Diese Behandlung sei bei etwa 90 Prozent der Allergiker erfolgreich, heißt es in der Pressemitteilung. Ein Nachteil der Methode ist allerdings, dass die Patienten in dieser Zeit keine antiallergischen Medikamente einnehmen dürfen. Die effizienteste Methode für Haustauballergiker ist die vollständige Sanierung des Schlafzimmers ­ damit man das Bett endlich wieder für sich hat. Top

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