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Immer mehr Pestizide im Essen

04.10.2004
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Immer mehr Pestizide im Essen

von Dagmar Knopf, Limburg

Obst und Gemüse in deutschen Supermärkten wird immer giftiger. Weintrauben sind zu 96 Prozent belastet, jede vierte Paprika weist Pestizidrückstände bis an die Grenze der erlaubten Höchstwerte auf, sagt Greenpeace. Frei von Rückständen sind nur biologisch angebautes Obst und Gemüse.

Wer sich gesund ernähren will, sollte häufig zu Obst und Gemüse greifen. Fünf mal am Tag lautet eine Faustregel, sollte man jeweils eine Hand voll der gesunden Nahrungsmittel verzehren, um Krebs oder des Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Liest man jedoch die neuesten Höchstwerte der in Obst und Gemüse gemessenen Pestizide, erscheint der Rat plötzlich weder sinnvoll noch verlockend.

Dabei verführt momentan der Anblick großer, dicker Weintrauben den Kunden zum Griff ins Obstregal. Was äußerlich so appetitanregend aussieht, offenbart sich bei näherer Betrachtung als wahre Giftspritze. Rund 96 Prozent der von Greenpeace Ende August getesteten Trauben enthielten Pestizidrückstände. 35 Prozent von ihnen erreichten die gesetzlich vorgeschriebenen Höchstwerte von Pestiziden oder überschritten sie sogar – etwa für das krebserregende Insektenbekämpfungsmittel Flusilazol und das in Deutschland verbotene Pestizid Lufenuron, das ebenfalls karzinogen ist. Die ungesunden Trauben stammten aus Filialen der sieben größten deutschen Supermarktketten, so zum Beispiel Aldi, Rewe, Lidl, Metro und Spar. Frei von Rückstände waren lediglich Bio-Trauben. Dies ist kein erschreckendes Einzelergebnis: Im Jahre 2003 erreichten oder überschritten 25 Prozent der Supermarkttrauben die Höchstgrenze für Pestizide.

Einseitiger Verzicht auf Weintrauben schützt nicht vor Spritzrückständen, denn auch anderes Obst und Gemüse ist belastet. Erst im Juli dieses Jahres berichtete Greenpeace, dass auch Gemüsepaprika Pestizide enthält. Jede vierte Paprika erreicht oder überschreitet den Grenzwert. Gegenüber dem Vorjahrestest stieg damit die Überschreitungsquote um weitere 4 Prozentpunkte an und bestätigt den ebenfalls bei den Trauben ermittelten Anstieg der belasteten Proben. Manche Paprika aus konventionellem Anbau enthielt bis zu 20 Mal mehr Pestizide als gesetzlich erlaubt. Besonders schlecht schnitten türkische und spanische Paprika ab. Beim biologischen Anbau bestätigen die Untersuchungen die Ergebnisse der Trauben. Bio-Paprika aus Deutschland und den Niederlanden weisen meist nur geringe oder gar keine Rückstände auf.

 

PestizidBekannte Eigenschaften Thiabendazol, Chlorthalonil,
Captan und Folpet krebserzeugend beim Menschen Iprodion krebserzeugend beim Menschen, hormonell wirksam, Hinweise auf Neurotoxizität Clofentezin krebserzeugend beim Menschen¸ vermutlich hormonell wirksam Myclobutanil reproduktionstoxisch, eventuell hormonell wirksam Cyfluthrin hormonell wirksam, eventuell neurotoxisch Azoxystrobin eventuell mutagen Fenhexamid grundwassergefährdend

Bekannte toxische Eigenschaften der Pestizide mit den stärksten Grenzwertanhebungen
Quelle: PAN Pestizid-Datenbank, Stand: 10. August 2004, www.pesticideinfo.org

 

Der Chemieexperte von Greenpeace, Manfred Krautter, warnt vor dem Konsum konventionell angebauter Paprika.“ Die Pestizidrückstände in Paprika sind gesundheitlich bedenklich.“ So enthalten belastete Paprika etwa das Insektizid Cyfluthrin, das unter Verdacht steht, hormonell wirksam und eventuell gar neurotoxisch zu sein. Ebenfalls messbar war das Fungizid Myclobutanil, das auch im konventionellen Anbau von Zitrusfrüchten, Bananen, Johannis- und Stachelbeeren verwendet wird. Myclobutanil soll ebenfalls endokrin wirken und die Fruchtbarkeit verringern. Auf immun- und neurotoxische Eigenschaften ist es bisher nicht systematisch untersucht worden.

Es gibt kaum Obst- und Gemüsesorten, die frei von Pestzidrückständen wären. Bananen weisen das als möglicherweise krebserregend eingestufte Fungizid Prochloraz auf. Anhand des besonders bei Kindern beliebten Obstes lässt sich ein erschreckender Trend beobachten. Die gesetzlich zulässigen Höchstwerte der Pestizide steigen jährlich. In den vergangenen fünf Jahren sind in Deutschland rund 1000 Einzelveränderungen der Höchstmengen für Pestizide in pflanzlichen Erzeugnissen vorgenommen worden. Hierbei standen 670 Anhebungen (59 Prozent) 462 Absenkungen (41 Prozent) gegenüber. Genauso bei den Bananen. Hier wurde der Höchstwert für Prochloraz von 0,05 mg/kg auf 8 mg/kg angehoben. Dies entspricht einer Erhöhung um das 160-fache. Der zulässige Wert für Myclobutanil wurde gar um das 200-fache erhöht. Da die maximal zulässige tägliche Aufnahme bei 0,6 mg liegt, reichen schon 75 g Banane, um den zulässigen Grenzwert zu erreichen. Jeden Tag eine belastete Banane zu essen, wäre somit ein gesundheitliches Risiko mit verminderter Fruchtbarkeit und erhöhter Gefahr einer Krebserkrankung.

Auch die im Frühling so verlockenden Erdbeeren sind keine gesunde Alternative. Bei ihnen lässt sich das Fungizid Chlorthalonil nachweisen. Dies ist beim Menschen als möglicherweise karzinogen eingestuft. Im Jahre 2000 wurde der gesetzlich zulässige Höchstwert für dieses Pestizid von 0,01 mg/kg um das 300-fache auf 3 mg/kg heraufgesetzt. Die gesundheitlich unbedenkliche Aufnahme liegt bei 0,9 mg/d. Dies entspricht mit 300 g einer halben Schale Erdbeeren. Vor der Anhebung des Grenzwertes hätte der Konsument theoretisch 90 Kilogramm des roten Obstes verzehren dürfen.

Besonders kritisch sind die Pestizide im Essen für Babys und Kleinkinder. Wer seine Kinder grundsätzlich gesund ernähren will, scheint gänzlich auf Obst und Gemüse aus herkömmlichen Anbau verzichten zu müssen. Nicht nur Bananen sind belastet. Auch die ebenfalls von Kindern geliebten Äpfel und Birnen weisen Pestizidwerte auf, die oberhalb der Grenze von Kleinkindnahrung liegen. Dass herkömmliches Obst und Gemüse für die Ernährung von Kleinkindern nicht uneingeschränkt geeignet sind, wissen auch die Handelsketten. So schrieb im Sommer letzten Jahres Rewe einem besorgten Verbraucher: “Wenn Sie die Nahrung selbst zubereiten möchten, empfehlen wir Ihnen, Produkte aus ökologischer Landwirtschaft zu verwenden.“ Dass wissentlich derart belastete Ware angeboten wird, ist unverantwortlich. Sinnvoll wäre die Kennzeichnung der Ware mit dem Hinweis „Für die Ernährung von Kleinkindern ungeeignet“. Denn Säuglinge und Kleinkinder sind besonders empfindlich und in hohem Maße durch Pestizide gefährdet. Die Gifte können bei ihnen zu Langzeitschäden des Nerven- und Immunsystems führen. Deshalb gelten hier auch strengere Richtlinien. Kleinkindnahrung darf nur 0,01 mg Pestizid pro kg Nahrung enthalten. Verkauft werden aber Obst und Gemüse, deren legale Grenzwerte beim 500-fachen liegen. Auch EU-Verbraucherkommissar David Byrne schließt bei diesen hohen Werten Gesundheitsschäden nicht mehr aus. Erstrebenswert wäre eine Absenkung der Höchstgrenzen auf das für Kindernahrung gültige Maß. Wer bis dahin auf Obst nicht verzichten will, sollte auf nachweislich nicht belastetes Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau zurückgreifen. Top

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