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Mehr als eine traurige Stimmung

27.09.2004  00:00 Uhr

Depressionen

Mehr als eine traurige Stimmung

von Dagmar Knopf, Limburg

Depressionen werden häufig unterschätzt und als Einbildung oder Überempfindlichkeit abgetan. Doch tatsächlich handelt es sich um eine lebensgefährliche Krankheit, die in fundamentaler Weise die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigt. Etwa 12.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben.

In Deutschland leiden vier Millionen Menschen an depressiven Störungen. Sie plagen sich mit Schuldgefühlen und geringem Selbstwertgefühl, bringen selbst für ihre Liebsten kaum noch Interesse auf und liegen nachts oft stundenlang wach und grübeln. Hoffnungslosigkeit und eine tiefe Traurigkeit, die das Herz zuschnürt und die Seele einengt, hat sie erfasst. Oft äußert sich die Depression mit körperlichen Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen, Magenproblemen und einer permanenten Müdigkeit.

Nicht jeder der Betroffenen – oder seiner Familienmitglieder und Freunde – deutet die Symptome richtig und sucht Hilfe, beziehungsweise wird von seinem Hausarzt als depressiv erkannt. Dabei haben wissenschaftliche Studien ergeben, dass Patienten, die mit unspezifischen körperlichen Beschwerden in eine Hausarztpraxis kommen, vielfach unter einer leichteren Form der Depression leiden. Tatsächlich erhalten nur 10 Prozent der depressiven Menschen eine adäquate Behandlung.

Um diesen Missstand aufzuheben, ruft die European Depression Association am 7. Oktober dieses Jahres zum ersten Mal den Europäischen Depressionstag aus. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit für die seelische Erkrankung zu erhöhen, Depressionen schnell und sicher zu erkennen, sie ernst zu nehmen und entsprechend zu behandeln.

Depressionen sind alles andere als „nur“ eine traurige Stimmung. Wie wichtig es ist, die Symptome richtig zu deuten und ernst zu nehmen, zeigen die erschreckenden Suizidzahlen. Jedes Jahr stirbt weltweit rund eine Million Menschen durch Suizid. Das bedeutet: Alle 40 Sekunden geschieht ein Selbstmord. Allein in Deutschland nehmen sich jährlich 12.000 Menschen das Leben. Unter jungen Menschen nimmt diese Todesart gar einen traurigen Spitzenplatz ein. Bei jedem zweiten Todesfall bei Menschen zwischen 15 und 35 Jahren ist die Ursache Suizid. Noch drastischer ist die Zahl der Selbstmordversuche. Schätzungen gehen von 20 bis 50 Millionen nicht tödlich endender Suizidversuche weltweit aus.

Keine Frage des Alters

Von Depressionen betroffen sind alle Altersgruppen. Sogar Kindergartenkinder können schon die typischen Symptome wie Vereinsamung, Traurigkeit und geringes Selbstwertgefühl zeigen, wie eine Untersuchung der amerikanischen gemeinnützigen Organisation RAND Corporation zeigt (1). Ursache für die kindliche Depression, die mit Verhaltensauffälligkeiten wie impulsivem Verhalten und häufigen Wutausbrüchen assoziiert ist, war vor allem Übergewicht, so die Ergebnisse von Ashlesha Datar und Roland Sturm von RAND. Zu viele Pfunde schaden offensichtlich nicht nur der Gesundheit, sondern drücken schon Kindern aufs Gemüt. Doch Übergewicht ist keinesfalls der wichtigste oder gar einzige Auslöser für Depressionen im Kindesalter. Schulprobleme, Missbrauch und Misshandlungen oder die Scheidung der Eltern können hinter der Erkrankung stehen. Eine Studie der Universität Bremen an 1000 Jugendlichen ergab, dass bereits 18 Prozent der Befragten im Laufe ihres Leben an einer Depression gelitten haben.

Bei Kindern äußern sich Depressionen oft ganz anders als bei Erwachsenen und variieren auch innerhalb der Altersgruppen, so dass nicht von „klassischen Symptomen“ gesprochen werden kann. Im Alter zwischen ein und drei Jahren wirkt das Kind nicht nur traurig, weint schnell oder bekommt Wutausbrüche, sondern wiegt sich möglicherweise auch hin und her oder lutscht viel am Daumen. Oft sind depressive Kinder ängstlich und schüchtern. Allerdings werden die meisten Kinder im Kleinkindalter generell schnell wütend und traurig. Eine besonders genaue und kritische Beobachtung ist hier nötig. Werden die Kinder älter, zeigen sich andere Verhaltensauffälligkeiten. Schulkinder fühlen sich oft von den Eltern vernachlässigt, haben unbegründete Schuldgefühle oder ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Manchmal reden sie gar von Selbstmord. Bei Jugendlichen lassen sich neben Teilnahmslosigkeit und Konzentrationsschwäche ein geringes Selbstvertrauen und Schlaf- und Appetitstörungen beobachten. Einige Kinder zeigen ihre seelischen Nöte ganz deutlich und fügen sich selbst Verletzungen zu.

Bei Erwachsenen können auch Arbeitslosigkeit und Armut Depressionen auslösen. In Japan etwa schnellte die Rate der Selbstmorde im Jahre 1998 um 35 Prozent nach oben. Die vorherige Banken- und Finanzkrise trieb mindestens 6000 Menschen in den Tod. Grund für den Selbstmord waren oft Schulden, Arbeitslosigkeit und Existenznot. Auch die permanente Angst um den Arbeitsplatz, Mobbing durch Kollegen oder Vorgesetzte und eine Unter- oder Überforderung im Job können Risikofaktoren für depressive Erkrankungen darstellen. Der Verlust eines geliebten Menschen, Trennung oder Scheidung sowie Dauerstress können die Erkrankung auslösen. Mittlerweile häufen sich die Indizien, dass genetische Disposition beim Ausbruch der Erkrankung eine Rolle spielt. Menschen mit depressiven Familienmitgliedern erkranken deutlich häufiger an Depressionen als andere.

Bei älteren Menschen oft unentdeckt

Tritt die Depression im Alter auf, bleibt sie noch häufiger unerkannt als in jüngeren Jahren. Oft wird sie schlicht übersehen. Mangelnde Energie und Hoffnungslosigkeit wird fälschlicherweise mit dem natürlichen Alterungsprozess erklärt. Wer älter wird, dessen Leistungsfähigkeit nimmt ab, körperliche Beschwerden nehmen zu und es wird schwieriger, mit gewohntem Tempo dem Alltag zu begegnen. Interesse- und Hoffnungslosigkeit, herabgesetztes Selbstwertgefühl und Antriebs- und Energielosigkeit sind jedoch keine Frage des Alters sondern Warnzeichen für eine Depression, die unbedingt ernst genommen werden müssen. Hinzu kommen oft körperliche Symptome wie Magen- und Rückenschmerzen oder Schlaf- und Appetitlosigkeit.

Die Depression gehört neben der Demenz zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Alter. Während von den unter 65-Jährigen jeder 20. an Depressionen erkrankt ist, ist jeder Zehnte Bewohner eines Alten- oder Pflegeheims behandlungsbedürftig. Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass Depressionen gar das Alzheimerrisiko erhöhen. Pedro Modrego und Jaime Ferrandez vom Hospital De Alcañiz, Spanien, wiesen diesen Zusammenhang kürzlich nach, als sie ältere Patienten mit einer so genannten milden kognitiven Beeinträchtigung (MCI) begleiteten. Bei MCI handelt es sich um ein äußerst labiles Zwischenstadium zwischen den normalen Alterungsprozessen des Gehirns und einer Demenz. Drei Jahre später zeigten 85 Prozent der depressiven MCI-Patienten Alzheimersymptome, während es bei den Nichtdepressiven nur 32 Prozent waren (2).

Depressionen sind gut behandelbar

Werden Symptome, ob bei sich oder bei Freunden und Familienmitgliedern, erkannt, sollte dringend der Hausarzt aufgesucht werden beziehungsweise zu einem Arztbesuch geraten werden. Depressionen lassen sich gut therapieren. Der Therapieerfolg liegt bei etwa 80 Prozent.

Die beiden wichtigsten Säulen der Behandlung sind die Pharmakotherapie mit Antidepressiva und die Psychotherapie. Wenn möglich, sollten beide Behandlungen miteinander kombiniert werden. Bislang hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksames Mittel erwiesen, negative Denkmuster – die bei der Entstehung einer Depression eine Schlüsselrolle spielen – zu erkennen und in neue Verhaltensmuster umzuwandeln. Statt das erlernte Fehlverhalten immer wieder anzuwenden und so bei jeder größeren Krise erneut in eine Depression zu fallen, entwickelt der Patient mit Hilfe seines Therapeuten neue Wege, mit dem Ziel, seine soziale Kompetenz wiederzuerlangen und der Depressionsspirale dauerhaft zu entkommen.

Für ältere Menschen eignet sich die interpersonelle Therapie besonders gut. Hier stehen die Beziehungen zu anderen Menschen, der Abschluss von Lebensabschnitten und die Trauer um einen geliebten Menschen im Mittelpunkt der therapeutischen Gespräche.

Bei mittelschweren und schweren Depressionen sollten Arzt und Patient zusätzlich die Einnahme von Antidepressiva erwägen. Diese Medikamente bewirken bei der Mehrheit der Patienten innerhalb von zwei bis sechs Wochen ein Abklingen der depressiven Symptome. Die Behandlung ist mindestens für sechs Monate fortzusetzen. Erst dann können Arzt und Patient über das Absetzen der Medikamente nachdenken.

Deutlich optimistischer

Viele Patienten stellen sich die Frage, wie Medikamente helfen sollen, wenn Stress im Beruf, Spannungen in der Partnerschaft oder eine andere schwierige Lebenssituation der Grund für die Probleme sind. Diese können selbstverständlich durch Medikamente nicht beseitigt werden, doch zeigt die Erfahrung, dass mit der erfolgreichen Behandlung der Depression diese Probleme wieder auf ein normales Maß zurückgehen. Die Patienten können besser mit alltäglichen Schwierigkeiten umgehen und schätzen ihre Lage meist weniger pessimistisch ein als zuvor.

Für Kinder und Jugendliche ist die Einnahme von Antidepressiva möglicherweise nicht die beste Wahl, wie die vielen kontroversen Diskussionen der letzten Zeit vermuten lassen. Lebensbedrohende Nebenwirkungen, nicht zuletzt die Zunahme von Suizidversuchen, wurden von den Pharmaunternehmen teilweise verschwiegen (PZ 20/04). Bei der Behandlung depressiver Kinder ist eine einseitige Therapie mit Antidepressiva (speziell der Serotoninwiederaufnahmehemmer, SSRI) fahrlässig, da sie Kind und Angehörige in falscher Sicherheit wiegt. Eine begleitende Psychotherapie ist hier unverzichtbar.

 

Literatur

  1. Datar, A., et al., Childhood Overweight and Parent- and Teacher-Reported Behavior Problems. Arch Pediatr Adolesc Med, Band 158 (2004) 804 - 810.
  2. Modrego, P., et al., Depression in Patients With Mild Cognitive Impairment Increases the Risk of Developing Dementia of Alzheimer Type. Arch Neurol, Band 61 (2004) 1290 - 1293.

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