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Gut geschützt gegen Grippe

20.09.2004
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Influenza-Impfstoffe

Gut geschützt gegen Grippe

von Imme Schröder, Frankfurt am Main

In Kürze beginnt die Grippesaison. Daher ist jetzt im Herbst die beste Zeit, sich vor den Influenzaviren durch eine Impfung zu schützen. Ein neues Verfahren soll die Produktion von Impfstoffen effizienter gestalten: Es kommt ohne das klassische Verfahren mit Hühnereiern aus, indem es Zellkulturen zur Vermehrung der Viren nutzt.

Etwa 20 bis 25 Millionen Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an Influenza. Experten schätzen die Zahl der Todesfälle durch das Virus auf 15.000 – was etwa 5 Prozent der Infizierten entspricht. Bei der letzten großen Grippewelle 1995/96 kamen bundesweit rund 30.000 Menschen ums Leben. Dennoch wird das Problem von Bevölkerung, Ärzten und medizinischem Personal häufig nicht ernst genommen.

Die Diagnose einer Grippe ist oft schwierig, da die Infektion leicht mit dem so genannten grippalen Infekt, der in einigen Symptomen mit der echten Grippe übereinstimmt, verwechselt wird. Typische Anzeichen für eine echte Grippe sind ein plötzliches Auftreten von hohem Fieber und starken Schmerzen, zum Teil im ganzen Körper. Die Erkrankung selbst ist dabei meist nicht so gefährlich, wie die Komplikationen, die auftreten können. Dazu zählen zum Beispiel Staphylokokken-Infektionen der Atemwege, Pneumonien, Myokarditis oder eine Hypertonie, die zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut empfiehlt deshalb eine Grippeimpfung gerade für Menschen mit einer Grunderkrankung wie Diabetes mellitus. Auch Kindern ab sechs Monaten, Jugendlichen und Menschen über 60 Jahren wird dringend eine Schutzimpfung empfohlen. Wer im Gesundheitswesen oder einem Ort mit hohem Publikumsverkehr arbeitet, sollte sich ebenfalls impfen lassen. Bisher suchen allerdings gerade einmal 50 Prozent der über 60-Jährigen den Arzt für eine Impfung auf, beim Personal im Gesundheitswesen sind es lediglich 20 Prozent. Die Bundesländer Baden-Württemberg, Niedersachsen und Brandenburg empfehlen eine generelle Grippeschutzimpfung für alle, eine Ausnahme bilden nur Säuglinge unter sechs Monaten. Die Praxisgebühr fällt bei der Grippe-Schutzimpfung nicht an, da es sich um eine rein prophylaktische Maßnahme handelt, auch sonst entstehen den Patienten keinerlei Kosten.

Die Grippeschutzimpfung sollte zwischen September und Dezember erfolgen. Gereinigte und inaktivierte Virenbestandteile werden in den Oberarm injiziert und rufen im Körper eine Immunantwort hervor – es werden vor allem Antikörper gegen die viralen Oberflächenproteine Hämagglutinin und Neuramidase gebildet. Nach 7 bis 14 Tagen ist der Schutz wirksam. Die Wirksamkeit beträgt 60 bis 80 Prozent und nur eine jährliche Impfung kann der Infektionsgefahr wirksam begegnen. In der Regel sind die Impfstoffe relativ gut verträglich und wirken sich nicht auf Grunderkrankungen des Stoffwechsels, wie etwa bei Diabetikern, aus. Im vergangenen Jahr zeigte eine Untersuchung der Verträglichkeit des Grippe-Impfstoffs Fluad an 4000 Patienten, dass 99 Prozent der Probanden ihn gut vertrugen. Erstmals wurde der Impfstoff ohne das Konservierungsmittel Thiomersal hergestellt.

Hoher Bedarf an Grippeimpfstoff

„Die nächste Pandemie kommt bestimmt“, sagte Professor Dr. Adolf Windorfer, Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes bei einem Pressegespräch in Frankfurt am Main. „Wir wissen nur nicht wann.“ Unter einer Pandemie wird die weltumspannende Ausbreitung eines Virus verstanden. Ein Beispiel ist die „Spanische Grippe“ von 1918/19, bei der weltweit mindestens 40 Millionen Menschen an einer extrem letalen Variante des Influenzavirus starben. Pandemien treten in der Regel alle 12 bis 30 Jahre auf, die letzte liegt nun schon über 30 Jahre zurück. Wissenschaftler sind deshalb nun ständig in Alarmbereitschaft. Experten befürchten auch heute verheerende Auswirkungen einer Pandemie, falls nicht frühzeitig gegen einen sich weltweit verbreitenden Erreger geimpft würde. Die Vakzine-Produzenten müssten in diesem Fall sehr schnell sehr viel Impfstoff liefern.

Für jede Grippesaison, die meist von Dezember bis Ende April andauert, muss ein neuer Impfstoff entwickelt werden, denn Influenza-Viren unterliegen ständigen Veränderungen. Besonders gefährlich sind Gen-Shifts, bei denen Erreger verschiedener Arten, zum Beispiel Vogel- und Schweine-Viren, gemeinsam eine Wirtzelle befallen und einen Genstück-Austausch, so genannte Reassessments, vornehmen. Dabei handelt es sich um Influenza-A-Viren, deren Subtypen den Sprung vom Tier auf den Menschen meistern. Diese Viren können sich besonders schnell ausbreiten und zu länderübergreifenden Pandemien führen. Geringe Veränderungen im viralen Erbgut und der Entstehung einer neuen Variante werden als Gen-Drift bezeichnet, der meist lokal begrenzte Grippewellen auslöst.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) überwacht mit einem Bobachtungsnetz die Veränderungen im viralen Genom und erfasst das Auftreten neuer Varianten und Subtypen. Anhand dieser Analyse wird vorausgesagt, welche Virusstämme sich voraussichtlich im nächsten Jahr auf der Nord- beziehungsweise Südhalbkugel durchsetzen werden. Diese verwenden die Impfstoffhersteller für die Vakzineproduktion. Die Impfstoffe enthalten also Bruchstücke von inaktivierten Viren, die vor der Grippesaison am häufigsten vorkamen.

Zellkulturen statt Hühnereiern

Für die Produktion von Grippe-Vakzinen werden derzeit embryonierte, also befruchtete Hühnereier benutzt. Nach einer Infizierung mit drei verschiedenen Virusvarianten können sich die Erreger in den Eiern vermehren. In der Endphase werden die Viren aufgereinigt, inaktiviert und zu Vakzinen verarbeitet. Die Produktion ist insgesamt sehr aufwendig, weil eine ständige Kontrolle mittels Durchleuchtung erfolgen muss. „Pro Woche benötigen wird eine halbe Million Eier“, sagte Dr. Ulrich Valley, Leiter der Abteilung Technologie Entwicklung auf einer Pressekonferenz der Firma Chiron Vaccines Behring. Die begrenzte Verfügbarkeit von Hühnereiern erschwerten eine Vergrößerung des Produktionsvolumens. Lange Vorbereitungs- und Planungsphasen von sechs bis acht Monaten reduzierten außerdem die Flexibilität der Herstellung, verdeutlichte der Wissenschaftler. Gleichzeitig könnten Vogelgrippen und andere Geflügel-Epidemien zu einer ernsthaften Gefährdung der Impfstoff-Produktion gegen Influenza führen.

Ein neues Verfahren soll die Impfstoff-Produktion künftig unabhängig von Hühnereiern und den damit verbundenen logistischen Schwierigkeiten machen. In Zukunft könnten größere Mengen Impfstoff schneller produziert werden, und damit auch die Vakzine besser an die jeweiligen Viren angepasst werden, da der optimalen Impfstoffzusammensetzung eine längere Entwicklungsdauer eingeräumt werden könnte. Die reine Impfstoffproduktionsphase sei so auf nur noch zwei Monate zu verkürzen.

Die so genannte „Flu Cell Culture“-Technologie nutzt für die Vermehrung des Virus Zellkulturen tierischen Ursprungs. Die gekühlten Saatzellen werden zunächst belüftet und in Fermentern vermehrt. Nach dem Infizieren mit dem Influenza-Virus teilen sich die Zellen, bis sie das Virus freisetzten können. Der folgende Produktionsschritt zentrifugiert die Zellen ab, das Virus liegt danach in einer Suspension vor und kann mit Hilfe von chromatographischen Methoden aufgereinigt werden. Im Anschluss wird das Virus inaktiviert. „Der Erntekessel fasst ein Volumen von 2500 Litern“, erläuterte Valley das Produktionsverfahren für den Impfstoff, der ab September in einer Phase-III-Studie mit 3000 Probanden getestet wird.

Für die Mitarbeiter besteht auf Grund des geschlossenen Systems im Produktionsbereich keine Ansteckungsgefahr. Da der Prozess sehr robust sei und eine schnelle Herstellung von Grippe-Impfstoffen erlaube, setzen die Experten auch im Fall einer länderübergreifenden Pandemie auf das neue Verfahren. Auch für auf Geflügel pathogen wirkende Stämme ist die „Flu Cell Culture“-Technologie geeignet, Menschen mit Hühnereiweiß-Allergie bietet das Verfahren eine Möglichkeit, sich gefahrlos impfen zu lassen. Top

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