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Wenn Hormonsubstitution, dann nur Testosteron

17.09.2001  00:00 Uhr

DER ALTERNDE MANN

Wenn Hormonsubstitution, dann nur Testosteron

von Stephanie Czajka, Berlin

Braucht der alternde Mann Hormone? Nur Testosteron sollte bei stark erniedriegten Blutspiegeln gegeben werden, andere Hormone nicht. Das ist die Meinung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe der deutschen Gesellschaften für Andrologie, Endokrinologie und Urologie. Das Konsensuspapier wurde Anfang September während einer Pressekonferenz anlässlich der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Andrologie in Berlin vorgestellt.

Im Durchschnitt beginnen beim Mann ab dem vierzigsten Lebensjahr die Testosteronspiegel zu sinken. Parallel steigt die Menge des Testosteron-bindenden Proteins (SHBG, Serum-Hormon-bindendes Globulin) im Blut an, freies Testosteron fällt stärker ab. Die Estrogenspiegel des Mannes bleiben meist unverändert, die des androgenen Nebennierenmetaboliten DHEA (Dehydroepiandrosteron) fallen langsam ab. Alle diese Veränderungen verlaufen allerdings individuell sehr unterschiedlich und sind im Einzelfall unvorhersehbar, betonte Professor Dr. Wolfgang Weidner, Urologe an der Universitätsklinik Gießen.

Testosteron wird nur verschrieben, wenn die Blutspiegelwerte unter 8 bis 12 nmol pro Liter sinken (12 nmol/l entsprechen 300 ng/dl). Wichtig ist, das Blut morgens abzunehmen. Wo genau die Grenze zu ziehen sei, müsse auch von den Beschwerden des Patienten abhängig gemacht werden, sagte Professor Dr. Eberhard Nieschlag vom Institut für Reproduktionsmedizin in Münster. Ein Testosteronmangel kann nicht nur Potenz und Libido beeinträchtigen, sondern zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen führen, Müdigkeit oder Depressionen hervorrufen, die Muskelkraft verringern und auch beim Mann die Gefahr einer Osteoporose erhöhen.

Eine benigne Prostatahyperplasie (BPH) ist keine Kontraindikation für die Gabe von Testosteron, wohl aber ein Prostata-Karzinom. Wichtig ist daher eine sorfältige urologische Diagnostik. Das Konsensuspapier sieht rektale Untersuchung, PSA-Bestimmung und transrektale Sonographie vor. Alle drei Monate sollte der Patient den Arzt aufsuchen, um ein Prostatakarzinom sicher auszuschließen. Bei Schlaf-Apnoe und virilem Mammakarzinom ist Testosteron gleichfalls kontraindiziert.

Die Estrogenspiegel brauchen dem Konsensuspapier zufolge nicht bestimmt zu werden. Wird mit natürlichem Testosteron substituiert, erhalte der Mann das nötige Estrogen durch die Metabolisierung des männlichen Geschlechtshormons, sagte Nieschlag. Beim Mann könne eine Estrogensubstitution sogar erheblichen Schaden anrichten. Sein Blutgerinnungssystem reagiere sehr sensibel; die Gefahr, Thromboembolien zu verursachen, sei hoch.

Auch die Substitution mit DHEA wird von den am Konsensuspaper beteiligten Ärzten nicht empfohlen. Professor Dr. Hartmut Porst verabreicht den Wirkstoff eigenen Aussagen zufolge dennoch manchen Patienten. Erniedrigte Spiegel korrelierten mit kardiovaskulären Risiken, sagte Porst. Umfangreiche Studien, die einen Nutzen bestätigen, gebe es aber nicht.

Erektionsstörungen können ein erstes Symptom für schwerwiegende Herz-Kreislauferkrankungen sein. Umfragen zufolge litten 70 Prozent der Herzinfarkt-Patienten schon fünf bis sieben Jahre vor dem Infarkt unter Erektionsstörungen, berichtete Dr. Gralf Popken, Helios-Klinikum Berlin-Buch. Die Risikofaktoren für eine erektile Dysfunktion (ED) entsprächen denen für Herz-Kreislauferkrankungen, zum Beispiel Übergewicht, Rauchen oder Bluthochdruck. Bei den meisten Männern bestehe über diese Ursachen erheblicher Aufklärungsbedarf, sagte Popken. Persönliche oder anonyme Hilfe bietet seit 1999 das Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V. (ISG) (siehe Kasten).

 

Das Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e. V. (ISG) wurde 1999 von Ärzten und Wissenschaftlern an der Universität Freiburg gegründet. Von dort aus werden schriftliche und telefonische Anfragen beantwortet. Das ISG gibt außerdem Informationsbroschüren heraus, zum Beispiel zu den Themen "Erektile Dysfunktion", "Hormone für den alternden Mann" oder "Diabetes und Sexualität". Ein ausführliches Lexikon findet sich auf der Internetseite. Dort können Männer auch ihr persönliches Risiko testen. Nach Auswertung des Tests wird zum Beispiel mitgeteilt, ob ein Besuch beim Arzt angebracht ist. Das Internet scheint auch ältere Menschen nicht abzuschrecken. Das Durchschnittsalter der Besucher der Internetseiten von ISG liegt bei immerhin 52 Jahren.

ISG - Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V.
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