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Infektion mit Vorsatz

05.09.2005
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Masernpartys

Infektion mit Vorsatz

von Ulrike Wagner, Sydney

Masernpartys erhitzen derzeit die Gemüter. Dabei sind sie nur die Spitze des Eisbergs in der oft sehr emotional geführten Diskussion um empfohlene Schutzimpfungen. Viele Eltern fühlen sich von den Kinderärzten nicht ausreichend informiert.

Seit den Masernepidemien in Bayern und Hessen geistern auch Masernpartys wieder durch die Medien. Die Vorstellung, dass Eltern ihre gesunden Kinder absichtlich einem Infektionsrisiko aussetzen, wirkt offenbar so grotesk, dass der Begriff immer wieder für großes Medieninteresse sorgt.

Das Internet liste hunderte Einträge und Chats zu dem Thema auf, heißt es etwa in einer viel zitierten Pressemeldung der BKK Hessen. Wer sich jedoch selbst auf die Suche nach entsprechenden Angeboten begibt, geht mit großer Wahrscheinlichkeit leer aus. Das Internet liefert zwar seitenweise sich widersprechende Informationen zu Impfungen ­ abhängig davon, ob man auf die Seiten der Impfgegner oder -befürworter gerät. Kontaktbörsen für Masernpartys sind jedoch kaum aufzutreiben.

Der Verdacht drängt sich auf, dass Masernpartys vor allem in den Medien stattfinden. Das Internet dient Eltern in Partylaune zumindest kaum als Plattform für infektiöse Verabredungen. Masernpartys scheinen nach wie vor eine wenn auch Aufsehen erregende Randerscheinung der Diskussion um Schutzimpfungen zu sein, die in Deutschland immer wieder hohe Wellen schlägt.

Kontakt mit Erkrankten

Was steckt hinter den Masernpartys? Auch Impfgegner wissen, dass Masern in höherem Alter wesentlich häufiger zu schweren Komplikationen führen. Daher bringen sie ihre ungeimpften Sprösslinge absichtlich mit Masernkranken in Kontakt. Mit relativ großer Wahrscheinlichkeit infizieren sich die Kinder dabei, gehören die Masernviren doch zu den ansteckendsten Krankheitserregern überhaupt.

Experten verurteilen diese Vorgehensweise aufs Schärfste. Denn gerade bei Masern handelt es sich keineswegs um eine harmlose Kinderkrankheit. Die Masern verlaufen oft schwer, die betroffenen Kinder leiden beträchtlich. Der Anteil derjenigen, die zusätzlich Komplikationen erleiden, ist auch in jungen Jahren groß. Ursache ist eine etwa sechs Wochen andauernde Immunschwäche, die das Masernvirus hinterlässt. Sekundärinfektionen sind recht häufig die Folge. So kommt es im Zuge einer Maserninfektion bei 10 bis 20 Prozent der Erkrankungen zu Komplikationen wie Mittelohrentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung und Durchfall.

Besonders gefürchtet ist eine Enzephalitis, die nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) etwa bei einem von 1000 bis 2000 Erkrankten auftritt. 10 bis 20 Prozent der Betroffenen sterben an der Komplikation, 20 bis 30 Prozent tragen bleibende Hirnschäden davon.

Eine sehr seltene Spätkomplikation der Masern (ein bis fünf Betroffene pro eine Million Erkrankungen) ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Dabei kommt es zur schleichenden Zerstörung des Gehirns. Erste Symptome wie psychische und intellektuelle Veränderungen treten in der Regel sechs bis acht Jahre nach der Infektion auf. Die Erkrankung endet immer tödlich. Solche dramatischen Folgen von Kinderkrankheiten sind heutzutage, nachdem diese Erkrankungen völlig aus dem Blickfeld verschwunden sind, nur den wenigsten bekannt.

Krankheit als Bewusstseinswandel

Viele Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, sehen gerade in der Schwere der Masernerkrankung einen Vorteil. Kinderkrankheiten gelten zum Beispiel unter den Anthroposophen als Knotenpunkte der Entwicklung. Unterdrückt man diese, komme es beim Erwachsenen zu einem Immundefizit, das dann zum Beispiel zu einer Krebserkrankung führen könne, so die Annahme. Kinderkrankheiten gelten als »mächtige Impulse« für die psychische und physische Entwicklung der Kinder, und das Durchmachen jeder Krankheit führe zu einem Bewusstseinswandel. Belegt wird dies durch Entwicklungsschübe, die nach längeren Krankheiten auftreten wie etwa ein beschleunigtes Längenwachstum, plötzliche Sauberkeit der Kinder et cetera. Außerdem fühlen sich die Eltern in der Lage, ausgestattet mit homöopathischen Medikamenten und betreut von entsprechend ausgerichteten Ärzten, ihre Kinder im Falle einer Erkrankung so gut zu pflegen, dass es nicht zu Komplikationen kommt. Dass dies zur Prävention von Spätfolgen ausreicht, bezweifeln allerdings viele Schulmediziner.

Eltern nicht geimpfter Kinder sehen einen Zusammenhang zwischen besonderen Fähigkeiten ihrer Sprösslinge und der Entscheidung gegen Impfungen. So beschreiben sie ihre Kinder auf entsprechenden Internetseiten als aufgeweckter, lustiger und ausgeglichener im Vergleich zu geimpften Geschwistern oder Schulkameraden. Sogar das Tragen einer Brille wird von Impfgegnern der Impfung zugeschrieben, und geringes Interesse am Fernsehen zumindest teilweise auf die fehlenden Impfungen zurückgeführt.

 

Partygeschichte Die Idee der Masernpartys ist nicht neu. Im englischsprachigen Raum, vor allem in den USA und in Großbritannien, waren in den 50er- und 60er-Jahren Treffen von an Masern erkrankten mit gesunden Kindern ein durchaus üblicher Weg, sich mit dem Erreger zu infizieren. Die flächendeckende Masernimpfung, die 1968 in den USA eingeführt wurde, machte dem Trend zunächst ein Ende.

 

Was viele Eltern vergessen ist, dass ihre Entscheidung gegen die Impfung auch Gefahren für andere Menschen birgt. So erkrankte kürzlich ein Kind an SSPE, das sich mit fünf Monaten in der Praxis eines Kinderarztes bei einem älteren ungeimpften Kind mit Masern angesteckt hatte. Der Säugling war noch nicht gegen Masern geimpft, dies ist erst ab einem Alter von elf Monaten möglich. Die Mutter des Babys hatte vor, ihr Kind wie auch dessen älteren Bruder gegen Masern impfen zu lassen. Fünf Jahre nach der Masernerkrankung des kleinen Jungen traten erste Symptome der SSPE auf, berichtete seine Mutter kürzlich in der ARD-Sendung Kontraste. Dabei zerstört das Masernvirus langsam, aber unaufhaltsam das Gehirn. Er wird an der Erkrankung sterben. Die glückliche impfungsfreie Kindheit der im Internet beschriebenen Kinder erhält angesichts dieses Berichts einen bitteren Beigeschmack.

Impfgegner machen auch für die Erkrankung des kleinen Jungen die Impfung verantwortlich. Sie führen den fehlenden »Nestschutz« durch die Mutter ins Feld. Dadurch, dass viele Frauen die Masern nicht mehr selbst durchgemacht haben, sondern geimpft wurden, ist der Schutz von Neugeborenen und Säuglingen durch die Antikörper der Mutter weniger wirksam, so die Theorie. Jedoch spricht besonders diese Vermutung gerade für eine Impfung. Denn wer kennt schon den Nestschutz des Säuglings in der Nachbarschaft? Nicht jedes Baby wird gestillt und auch einige Erwachsene wurden in ihrer Kindheit weder geimpft, noch haben sie die Masern durchgemacht. Auch für sie ist das Komplikationsrisiko besonders hoch. Die Masernerkrankung des eigenen Kindes birgt so unkalkulierbare Risiken für andere, völlig unbeteiligte Menschen.

Viele Eltern lassen nicht impfen, weil sie vor allem die Zusatzstoffe in Impfstoffen für bedenklich halten. Deren Sicherheit ist jedoch in großen Studien getestet, und sie sind meist für den Erfolg der Impfung unabdingbar. Eltern fürchten sich zudem vor Komplikationen oder gar Impfschäden durch den Impfstoff. Diese sind im Vergleich zu den Komplikationen der Krankheit jedoch selten. So kann es zwar auch nach einer Masernimpfung zu einer Gehirnentzündung kommen. Sie tritt aber nur bei einem Impfling pro ein bis zwei Millionen Impfungen auf.

 

Mumps- und Windpockenpartys Ähnlich wie bei den Masernpartys verfahren einige Eltern auch bei Mumps. Allerdings wird das verantwortliche Virus durch Speichel übertragen. Daher werden die gesunden Kinder aufgefordert, Essen und Trinken mit den kranken Kindern zu teilen, so Berichte aus Deutschland und Neuseeland. Außerdem scheinen einige Eltern auch in Deutschland Windpockenpartys zu arrangieren.

 

Die Argumente der Impfbefürworter und Behörden sind den Eltern oft nicht überzeugend genug. Viele befürchten eine Art Verschwörung zwischen profitorientierter Pharmaindustrie und den Behörden. Einmal geäußerte Vermutungen wie der Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus sowie entzündlichen Darmerkrankungen halten sich hartnäckig. Die Annahme basierte vor allem auf einer Studie mit nur zwölf Teilnehmern. Zahlreiche größere Studien haben den Zusammenhang nicht bestätigt. Ähnlich verhält es sich bei dem Verdacht, Impfungen könnten für die steigende Zahl der Typ-1-Diabetiker verantwortlich sein. Die Studienergebnisse, die diesen Vermutungen den Wind aus den Segeln nehmen, erregen jedoch längst nicht so viel Aufsehen wie der einmal geäußerte Verdacht.

Bewusste Entscheidung

In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Ländern keine Impfpflicht. Die Eltern tragen die Verantwortung für die Impfung ihrer Kinder. Und diese geben sie heutzutage nicht mehr an der Tür zur Kinderarztpraxis ab. Sie wollen detailliert informiert werden, da sie sich ansonsten einer solchen Entscheidung nicht gewachsen fühlen. Schließlich sollen sie ihr gesundes Kind einem potenziellen Risiko durch die Impfung aussetzen. Berichte über die angeblichen Nebenwirkungen einer Impfung ­und seien sie noch so aus der Luft gegriffen ­ hinterlassen bei den Eltern eine Unsicherheit, die der Aufklärung bedarf. Dazu nehmen sich die Kinderärzte offenbar selten ausreichend Zeit. Das scheint auch das RKI inzwischen so zu sehen, da es in seiner aktuellen Form der STIKO-Empfehlungen explizit auf die Verpflichtung der Ärzte zur Aufklärung hinweist.

Die Eltern fordern immer häufiger »individualisierte Impfungen«. So wollen sie zum Beispiel abwarten, ob ihr Kind auf natürlichem Wege an Masern, Mumps oder Röteln erkrankt, um die Impfung dann im Teenager-Alter nachzuholen, sollte es nicht zur Erkrankung kommen. Abgesehen vom Komplikationsrisiko gerät dabei oft in Vergessenheit, dass das von der Ständigen Impfkommission am RKI empfohlene Impfschema Grundlage für die Zulassung des Impfstoffs ist. Klinische Studien zur Wirksamkeit der Impfungen zu anderen Zeitpunkten liegen in der Regel nicht vor. Top

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