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Vorsicht vor Nagern beim Zelten

23.08.2004
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Hantaviren

Vorsicht vor Nagern beim Zelten

von Conny Becker, Berlin

Wer nach einem Campingurlaub mit grippeähnlichen Beschwerden zu kämpfen hat, leidet möglicherweise nicht unter einer Infektion mit Influenza-, sondern mit Hantaviren. Da die Erreger in Europa wenig Komplikationen hervorrufen, bleiben sie meist unentdeckt. Infektionen mit aggressiven Serotypen können jedoch tödlich enden.

Die etwa 120 nm großen Viren machten erstmals in Korea auf sich aufmerksam, wo sie in den 50er-Jahren während des Koreakrieges Tausende amerikanische und koreanische Soldaten schwer erkranken ließen: Die Infizierten litten unter starkem Fieber mit Nierenfunktionsstörungen und Blutungen. Seitdem wird der Erreger aus der Familie der Bunyaviridae als Hantaan-Virus genannt, nach dem kleinen Fluss Hantaan, der die Grenze zwischen Nord- und Südkorea markiert.

Das Virus gehört zur Gattung der Hantaviren, von denen bislang rund 30 Serotypen bekannt sind. Die behüllten RNA-Viren, die unterschiedliche Verbreitungsgebiete haben, besitzen als Charakteristikum in drei Segmente gegliederte Nukleokapside. Anhand dieser Proteine lassen sich die Subtypen serologisch in zwei Gruppen unterteilen. Zur Hantaan-Gruppe gehören unter anderem das Hantaan-, das Dobrova- und das Seoul-Virus, zur Puumala-Gruppe das Puumala-Virus selbst sowie das Andes-, Black-Creel-Canal und Sin-Nombre-Virus. Je nach Serotypen unterscheiden sich Art und Schwere der ausgelösten Symptomatik. Die Viren rufen Fieber mit zum Teil starker Blutungsneigung sowie renalen oder pulmonalen Funktionsstörungen hervor.

Anders als alle anderen Vertreter der Bunyaviridae werden Hantaviren nicht von Insekten, sondern von Nagetieren übertragen. Das ist auch der Grund, weshalb gerade Naturliebhaber, Forstarbeiter und Camper infektionsgefährdet sind. Die als Wirte dienenden Nagetierspezies sind chronisch infiziert, bleiben aber symptomfrei. Dabei ist jeder Virus-Serotyp in der Regel an einen spezifischen Wirt gebunden. Echte Mäuse (Muridae) übertragen Viren der Hantaan-Gruppe, bestimmte Wühlmäuse (Microtidae) dienen Viren der Puumala-Gruppe als Reservoir.

Viren eingeatmet

Infizierte Nagetiere geben ihre unbemerkten Bewohner in hohen Konzentrationen über den Urin, aber auch über die Faeces oder den Speichel an ihre Umgebung ab. Übertragen werden Hantaviren vor allem aerogen, das heißt über virushaltige Aerosole in der Luft. Aber auch der direkte Kontakt zu Mäuseexkrementen, kontaminierte Nahrungsmittel oder ein Biss der Tiere kann zu einer Infektion führen. Von Haustieren dagegen geht laut Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) keine Gefahr aus. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist hier zu Lande nicht bekannt. Nur der in Argentinien auftretende Andes-Virus scheint sich auch auf diese Weise verbreiten zu können.

Das Krankheitsbild hängt stark vom Erregertyp ab. Häufig verlaufen Infektionen asymptomatisch. Bei aggressiveren Serotypen treten vor allem zwei Formen der Erkrankung auf: Die in Asien und Südosteuropa verbreiteten Subtypen lösen ein Fieber mit Blutungen und Nierenfunktionsstörungen aus, das als hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom (HFRS) bezeichnet wird. Eine schwache Form dieser Erkrankung, bei der kaum Blutungen vorkommen, ist die die Nephropathia epidemica (NE). Die in Amerika auftretenden Virentypen lösen das so genannte Hantavirus Pulmonary Syndrome (HPS) aus, bei der statt der Niere die Lunge stark angegriffen wird.

In Deutschland und überhaupt in Europa verlaufen Infektionen mit einem der Hantaviren überwiegend unbemerkt. Als häufigste symptomatische Erkrankung kommt die Nephropathia epidemica auf. Sie tritt bei etwa 10 bis 15 Prozent der mit Puumala-Viren Infizierten auf. Nach einer Inkubationszeit von zwei bis drei Wochen beginnt die Erkrankung mit hohem Fieber, Kopf-, Augen-, Glieder- und starken abdominellen Schmerzen. Es folgen Proteinurie und Hämaturie, die Nierenfunktion ist eingeschränkt. Schließlich scheiden die Erkrankten nur noch vermindert Urin aus, was die Gefahr einer Harnvergiftung und eines akuten Nierenversagens mit sich bringt. Auffällig und daher die Diagnose erleichternd sind die häufigen Sehstörungen wie Myopie, verschwommenes Sehen oder Glaukom. Verglichen mit anderen Erkrankungen durch Hantaviren verläuft die Nephropathia epidemica leicht. Meist heilt sie aus, ohne Schäden zu hinterlassen. Bei weniger als 0,2 Prozent der Erkrankten endet sie tödlich.

Niere in Not

Ein deutlich schwereres klinisches Bild liefert das HFRS, das überwiegend in Ost- und Südostasien nach Infektion mit den Serotypen Hantaan oder Seoul auftritt. Auch auf dem Balkan können Menschen an HFRS erkranken, wenn sie mit der aggressiveren Variante des Dobrava-Virus infiziert sind. In den ersten vier bis sieben Tagen ähnelt die Erkrankung wiederum einer Grippe. Während die Leukozytenzahl wie bei anderen Infektionen ansteigt, sinkt die der Thrombozyten deutlich ab, so dass es zu Hautblutungen (Petechien) oder Blutungen der Augen kommt. In der zweiten Phase sinkt das Fieber und die Patienten haben einen erniedrigten Blutdruck, da die Gefäßpermeabilität gesteigert ist (Capillary-Leakage-Syndrome). Die renale Phase beginnt mit Oligurie, die neben einem gestörten Elektrolythaushalt zu Harnvergiftung und Bluthochdruck führen kann. Eine rasche Dialyse kann hier Lungenödeme und Hirnblutungen vermeiden. Nach einer weiteren Woche schlägt das Bild um und die Patienten scheiden mehrere Liter Harn pro Tag aus, eine Dehydrierung droht. In einigen Fällen treten auch Blutungen hinter dem Bauchfell auf, die sich in Bauch- und Rückenschmerzen äußern.

Zumeist heilt auch das HFRS wieder ab, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. In schweren Fällen sterben die Infizierten jedoch schon nach kurzer Zeit. Dabei ist für Infektionen mit dem Hantaan-Virus in der Literatur eine Mortalitätsrate von 10 bis 15 Prozent zu finden und für den im Balkan verbreiteten Dobrava-Virus von 12 Prozent. Wenn die Infektion schnell diagnostiziert wird, der Patient strenge Bettruhe einhält und frühzeitig ins Krankenhaus kommt, hat er gute Überlebenschancen. Eine spezifische Therapie fehlt bislang noch, die Behandlung erfolgt daher symptomatisch. In klinischen Studien erhielten schwer Erkrankte bereits Ribavirin intravenös, was die Mortalität und Schwere der Infektion signifikant senken konnte.

Sonderfall Neue Welt

Im Mai 1993 gab der Ausbruch einer unbekannten Lungenerkrankung im Südwesten der USA Medizinern Rätsel auf. Vor allem junge, gesunde Männer starben an akutem Versagen der Atmung. Schließlich identifizierten die Wissenschaftler einen neuen Typ der Hantaviren, das so genannte Sin-Nombre-Virus, das von der Hirschmaus übertragen wird. Tests ergaben, dass etwa 30 Prozent der Tiere durchseucht waren, deren Anzahl auf Grund eines feuchten Winters zehnmal höher lag als im Vorjahr.

In den vergangenen zehn Jahren identifizierten Wissenschaftler weitere Hantaviren der Puumala-Gruppe, wie das Bayou-, Black-Creek-Canal- oder New-York-1-Virus, die ebenfalls beim Menschen das Hantavirus Pulmonary Syndrome auslösen können. Da auch Fälle aus Kanada und fast allen Staaten Südamerikas bekannt sind, bezeichnen die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) HPS als eine panamerikanische Zoonose.

Nach ein- bis zweiwöchiger Inkubationszeit klagen die Infizierten auch hier anfänglich über grippeartige Symptome oder gastrointestinale Beschwerden. Vier bis zehn Tage nach der Anfangsphase, setzen die Spätsymptome des HPS ein, vor allem unproduktiver Husten und Kurzatmigkeit. Rasch kann die Erkrankung dann in einer interstitiellen Pneumonie mit Lungenödem und Atemnot enden. Patienten sollten daher schnell in ein Krankenhaus eingeliefert und dort gegebenenfalls beatmet werden. Neben den dominanten Lungensymptomen treten auch kardiovaskuläre Effekte auf, die einem kardiogenen Schock ähneln und mit inotropen und blutdrucksteigernden Mitteln stabilisiert werden müssen. Im Gegensatz zu HFRS konnte Ribavirin die Symptome von HPS in Studien nicht eindeutig bessern.

Im Vergleich zu Hantaviren-Infektionen mit Nierensymptomatik sind Infektionen mit Viren der Neuen Welt deutlich gefährlicher. Bei Ausbrüchen in Amerika kamen bis zu 50 Prozent der Infizierten ums Leben, meist innerhalb der ersten 48 Stunden nach Einlieferung ins Krankenhaus. Insgesamt sind den CDC zwischen Mai 1993 und Juli 2004 aber nur 366 Fälle gemeldet worden, von denen 38 Prozent tödlich endeten. Zwar kann auch das in Mitteleuropa verbreitete Puumula-Virus Pneumonien und Bronchitiden verursachen. Diese können jedoch nicht als HPS bezeichnet werden, da sie deutlich milder verlaufen.

Gewissheit aus dem Labor

Zur Diagnose von Hantavirus-Infektionen werden in der Regel die Antikörper gegen den Erreger und nicht die Viren selbst im Serum des Infizierten nachgewiesen. Dabei zeigen ein Immunfluoreszenz- oder ELISA-Test IgG-Antikörper zwei Wochen nach der Infektion an, die dann vermutlich ein Leben lang im Körper vorhanden sind. IgM-Antikörper sind vor allem zwischen dem 8. und 25. Tag zu messen und nach zwei bis drei Monaten nicht mehr nachweisbar.

Bei jedem Patienten mit Fieber, Thrombozytopenie und Nierensymptomen sollte der behandelnde Arzt an eine Infektion mit Hantaviren denken. Differenzialdiagnostisch müssen andere virusbedingte hämorrhagische Fieber, Leptospirose oder Rickettsiosen ausgeschlossen werden.

 

Als Biowaffe ungeeignet Prinzipiell könnten Hantaviren für Terroristen interessant sein, da sie über die Luft übertragen werden, in der Umwelt stabil sind und schwere Erkrankungen auslösen, für die es derzeit keine effektive kausale Behandlung oder an Menschen getestete Impfung gibt. Die Viren schlagen derartigen Bestrebungen jedoch ein Schnippchen: Sie lassen sich laut Aussagen von Virologen nur sehr schwer in vitro vermehren.

 

Mäuse meiden

Da für Infektionen mit Hantaviren weder ein Impfstoff noch eine kausale Therapie existiert, ist eine Expositionsprophylaxe der beste Schutz. In Acht nehmen müssen sich vor allem Bewohner ländlicher Gegenden, da hier die Nager verbreitet sind. Doch auch Wohngegenden, vor allem Dachböden, Garagen oder Keller sind häufig von Mäusen und Ratten bewohnt. Zu erkennen sind diese vor allem an herumliegenden Kot. Die Tiere sollten mit Fallen oder Rodentiziden bekämpft werden, was etwa acht Wochen dauert. Tote Mäuse sollte man mit Desinfektionsspray besprühen und nur mit Handschuhen und möglichst Mundschutz geschützt anfassen. Vor dem Reinigen der betreffenden Räume sind diese gut zu lüften, beim Entfernen von Mäusekot oder -nestern sollte kein Staub aufgewirbelt werden. Wichtig ist auch, keine Lebensmittel oder Abfälle offen stehen zu lassen, die Mäuse und Ratten anlocken könnten. Dieselben Regeln gelten auch für Camper. Diese sollten außerdem fern von Abfalleimern zelten und sichergehen, dass kein Mäusekot in der Nähe des Zeltes ist. Die CDC raten, möglichst nicht auf dem bloßen Boden zu schlafen.

Rötelmaus steckt Deutsche an

Weltweit werden pro Jahr etwa 150.000 bis 200.000 HFRS-Fälle aus Krankenhäusern gemeldet. Über die Hälfte der Erkrankungen entfällt auf China, dann folgen Korea und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Hunderte Meldungen gehen jedoch jährlich auch in europäischen Ländern wie Finnland, Schweden, Bulgarien, Griechenland, Ungarn, Frankreich sowie den baltischen Staaten bei den jeweiligen Gesundheitsbehörden ein.

In Deutschland zählt das RKI jährlich etwa 200 der meldepflichtigen Infektionen. In 2002 waren es 228, vergangenes Jahr 143. Die Dunkelziffer ist nach RKI-Angaben jedoch vermutlich hoch, da die Infektionen meist mild verlaufen und als Grippe oder Magen-Darm-Beschwerden fehldiagnostiziert werden. So trägt laut dem Bundesgesundheitssurvey von 1999 rund 1 Prozent der Deutschen Antikörper gegen das Virus im Blut, in beruflich exponierten Gruppen etwa aus der Forst- und Landwirtschaft decken die Blutproben sogar 2 bis 5 Prozent erlebte Infektionen auf. Das Maximum der Erkrankungen liegt nach den Meldedaten in der Regel zwischen Mitte Mai und Mitte August, vor allem Männer zwischen 25 und 50 Jahren sind betroffen. Überdurchschnittlich viele Erkrankungen treten in Baden-Württemberg auf.

Dabei sollten sich Süddeutsche vor allem von der Rötelmaus fernhalten, die das Puumala-Virus überträgt, das 2003 bei circa 99 Prozent der getesteten Erkrankungen als Erreger angegeben wurde. In Nord- und Ostdeutschland hingegen ist die Brandmaus beheimatet, die dem Serotyp Dobrava als natürlicher Wirt dient. Daneben sollten Deutsche den Kontakt zur Feldmaus meiden, die mit dem Tula-Virus infiziert sein kann, das jedoch für den Menschen sehr wenig pathogen ist. Top

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