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Frühe Diagnose lohnt sich

27.08.2001
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DEMENZ

Frühe Diagnose lohnt sich

von Brigitte M. Gensthaler, München

Die Leistungsfähigkeit des Gehirns ist enorm. Doch wenn Gedächtnis und andere Hirnleistungen mit zunehmendem Alter nachlassen oder langsamer ablaufen, denken viele Betroffene und ihre Angehörigen sofort an die gefürchtete Diagnose Alzheimer und verbergen ihr Problem. Offenheit und eine frühe Diagnose bringen jedoch sowohl den Patienten als auch den Angehörigen Vorteile.

Viele akustische, visuelle, thermische und taktile Reize stürmen zeitgleich auf das Gehirn ein, müssen gefiltert, verknüpft, gespeichert oder ausgeblendet werden. Auf diesen Assoziationen beruhen geistige Leistungen wie Gedächtnis und Denkvermögen (kognitive Fähigkeiten) sowie Verhaltensleistungen im emotionalen Bereich. Lassen kognitive und emotionale Fähigkeiten altersbedingt nach, kompensieren viele Menschen dies durch Erfahrung und passen ihr Verhalten an, indem sie zum Beispiel durch im Straßenverkehr langsamer fahren, Restaurantbesuche vermeiden oder soziale Kontakte einschränken.

Eine beginnende Demenz wird oft monate- oder jahrelang geschickt vertuscht und verleugnet. Damit geht wertvolle Zeit verloren. "Denn nicht jede Hirnleistungsstörung ist eine Alzheimer-Demenz", stellte der Allgemeinmediziner Bernd Zimmer bei einem Workshop der Firma Dr. Willmar Schwabe in München klar. Er plädierte für eine frühzeitige, individuell am Menschen orientierte Untersuchung, die eine Demenzerkrankung ausschließen oder bestätigen soll.

Andere Ursachen ausschließen

Häufig täuschen Grunderkrankungen eine Demenz vor. Dazu zählen Herzrhythmusstörungen, Fehlfunktionen der Schilddrüse, Fieber und das Apnoe-Syndrom (Schnarchen mit langen Atempausen im Schlaf). Wird das Gehirn im Schlaf über lange Zeit unzureichend mit Sauerstoff versorgt, kann dies die Hirnleistung am Tag deutlich herabsetzen. Reizüberflutung, Übermüdung, Zeitzonenverschiebung und Alkoholkonsum (auch kleine Mengen) vermindern auch bei gesunden Menschen deutlich die Hirnleistung. Flüssigkeitsmangel mit Austrocknung ist ein häufiges Problem bei Älteren und kann eine Demenzerkrankung imitieren. Bei adäquater Behandlung bessert sich die vermeintliche Demenz oder verschwindet.

Wird die Diagnose Alzheimer gestellt - nach Zimmers Erfahrung bei einem von zehn Patienten, die wegen Hirnleistungsstörungen zum Arzt kommen -, wirkt dies nach dem ersten Schreck oft als Entlastung. Angehörige können bislang unerklärliches emotionales und soziales Verhalten des Patienten zuordnen, zum Beispiel Aggressivität oder Rückzug. Auch das Nachlassen der Alltagsfähigkeiten lässt sich leichter einordnen.

Oft realisieren die Patienten ihr Defizit selbst nicht mehr und geben beispielsweise auf Nachfragen an, ihren Haushalt selbst zu erledigen, Einkäufe zu tätigen und zu telefonieren. Der Arzt empfahl daher dringend, auch Angehörige zu befragen (so genannte Fremdanamnese). Diese könnten Veränderungen oft sehr klar beschreiben, berichtete er im Gespräch. So habe eine Frau ihm geschildert, dass sie früher zu ihrem Mann aufgesehen habe, seit wenigen Monaten aber müsse sie ihm nachschauen. Diese klare und typische Veränderung im Rollenverhalten könne auf eine beginnende Demenz hinweisen, sagte der Geriater.

Patienten und Angehörige betreuen

Welche Vorteile bringt die frühzeitige Diagnose? Oft können die Patienten noch selbst ihre Lebensziele klären, die spätere Betreuung regeln, Vollmachten ausstellen oder ein Testament schreiben. Viele Angehörige, die diese heiklen Fragen mit dem Betroffenen besprechen noch können, fühlen sich später erleichtert und sicherer.

Das Wissen um die Krankheit reduziert nach Zimmers Erfahrung auch Schuldgefühle, Missverstehen und Überforderung bei den Angehörigen, die - neben dem Patienten - gut betreut werden müssen. Auch eine patientengerechte Gestaltung des Lebensraumes kann positiv wirken. Einfaches Beispiel: Findet der Patient nachts die Toilette nicht mehr oder kann die Türe nicht öffnen, kann es helfen, dauerhaft ein helles Licht brennen zu lassen oder die Tür auszuhängen.

Medikamente wie Ginkgo-Extrakte und vor allem Acetylcholinesterase-Hemmstoffe zeigen die besten Effekte in frühen und mittleren Demenzstadien. Bei vielen Patienten können sie das Leiden mildern und dessen Fortschreiten verzögern. Nicht selbstverständlich, aber bei dementen Menschen sehr wichtig: Chronische Krankheiten wie Hypertonie und Diabetes müssen unbedingt optimal behandelt werden. Außerdem sollte man frühzeitig mit Gedächtnistraining und Bewegungsübungen beginnen. Ziel ist es, so Zimmer, Selbstversorgung, kognitive Leistung und Sozialverhalten des Patienten zu verbessern und die Angehörigen zu entlasten. Hilfe finden Patienten und Angehörige zum Beispiel auch in Selbsthilfegruppen wie der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (siehe PZ 8/01)

 

Kennzeichen einer Demenz

  • Störung von Gedächtnis, Denkvermögen, zum Beispiel Urteilsbildung, Informationsverarbeitung, Ideenfluss
  • Beeinträchtigung in den persönlichen Aktivitäten des täglichen Lebens
  • mindestens über sechs Monate
  • Fehlen von Bewusstseinsstörungen
  • gewöhnlich chronisch fortschreitend

in Anlehnung an ICD 10

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