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Standardimpfung gegen Windpocken für Säuglinge

16.08.2004  00:00 Uhr

Neue Empfehlungen der STIKO

Standardimpfung gegen Windpocken für Säuglinge

von Conny Becker, Berlin

Etwa 750.000 Deutsche erkranken jedes Jahr an Windpocken, 90 Prozent sind jünger als zwölf Jahre. Da die Krankheit bei über 5 Prozent der Infizierten Komplikationen hervorruft, hat die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) die Varizellenimpfung als Standardimmunisierung in den Impfkalender aufgenommen.

„Windpocken sind eine Erkrankung, der keiner entgeht“, sagte Professor Dr. Peter Wutzler, Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV), auf einem Pressegespräch in Berlin. So hat bis zum 40. Lebensjahr nahezu jeder Bundesbürger eine Infektion mit dem Varicella-Zoster-Virus (VZV) durchlebt. Zudem erkrankt etwa jeder fünfte Erwachsene an Herpes zoster, der Gürtelrose, die durch das in den kranialen und sakralen Ganglien schlafende Virus Jahre nach der Infektion ausgelöst werden kann.

Der Grund für eine generelle Impfung, die auch die Weltgesundheitsorganisation für alle wohlhabenden Staaten empfiehlt, ist jedoch die hohe Komplikationsrate. Einer retrospektiven epidemiologischen Studie von 1999 zufolge verlaufen in Deutschland 16,3 Prozent der Erkrankungen protrahiert und schwer, informierte Wutzler. Von den untersuchten 1334 Infizierten litten 5,7 Prozent an Komplikationen, 0,8 Prozent mussten im Krankenhaus behandelt werden. Hochgerechnet waren 1999 mehr als 35 000 Kinder und fast 5000 Jugendliche und Erwachsene von Komplikationen betroffen. Diese äußern sich bei Kindern in nahezu der Hälfte der Fälle als bakterielle Superinfektionen an den aufgekratzten Bläschen sowie zu je etwa einem Fünftel in einer Pneumonie beziehungsweise Bronchitis oder Mittelohrentzündung. Akute neurologische Störungen traten bei circa 3 Prozent auf. Die älteren Patienten litten zu je einem Drittel unter bakteriellen Superinfektionen und Pneumonien beziehungsweise Bronchitiden, wobei Erwachsene wesentlich häufiger unter Komplikationen leiden als Kinder. „Wir haben 5500 Krankenhausaufenthalte und etwa 21 Todesfälle pro Jahr“, betonte Wutzler.

„Gut ein Drittel der Erkrankten wurde wegen schwerer neurologischer Symptome hospitalisiert“, sagte Professor Dr. Christel Hülße, Mitglied der STIKO. So litten nach den Daten des Erhebungssystems für seltene pädiatrische Erkrankungen in Deutschland (ESPED) vergangenes Jahr 30 Prozent der 340 Kinder, die wegen Windpocken-Komplikationen im Krankenhaus behandelt wurden, an Krampfanfällen, Zerebellitis und Meningoenzephalitis.

Gravierende Folgen kann eine Infektion vor allem bei schwangeren Frauen haben. 3 bis 4 Prozent, und damit zwischen 25.000 und 40.000 Schwangere pro Jahr, weisen keine IgG-Antikörper gegen das Virus auf. Stecken sie sich an, entwickelt sich bei einem Viertel der Frauen eine intrauterine Infektion, die zum Abort führen kann. Infektionen im ersten und zweiten Trimenon können das Fetale Varizellen-Syndrom mit Hautläsionen, neurologischen Defekten, Augenerkrankungen bis hin zur Erblindung und Skelett-Anomalien hervorrufen. Diese Fehlbildungen treten allerdings selten, bei etwa 1 Prozent, auf. Erkrankt die Mutter fünf Tage vor bis zwei Tage nach der Geburt, erkranken die Neugeborenen meist schwer, da sie keine Antikörper der Mutter besitzen. So stirbt jeder fünfte Säugling, der in den ersten zehn bis zwölf Lebenstagen an Varizellen erkrankt.

Jetzt auch als Standard

Wie bisher besteht daher eine Indikation zur Windpockenimpfung bei seronegativen Frauen mit Kinderwunsch, ebenso bei Patienten vor und unter immunsuppressiver Therapie, vor Organtransplantation (jeweils vier Wochen vorher) und mit Leukämie, da hier die Letalität bei einer Infektion sehr hoch ist. Auch Patienten mit schwerer Neurodermitis und 9- bis 17-jährige Jugendliche, die noch nicht an Varizellen erkrankt sind, sollten sich impfen lassen, forderte Hülße. Eine berufliche Indikation besteht für seronegative Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie in Gemeinschaftseinrichtungen für das Vorschulalter.

Neben der Indikationsimpfung empfiehlt die Kommission die Varizellen-Immunisierung seit August auch als Standardimpfung und hat sie in den Impfkalender integriert. Eltern sollten ihre Kinder zwischen dem 11. und 14. vollendeten Lebensmonat impfen lassen, möglichst synchron mit der ersten Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR). „Da es sich bei beiden Vakzinen um Lebendimpfstoffe handelt, müssen sie am gleichen Tag oder im Abstand von vier Wochen gegeben werden“, sagte die Medizinerin. Eine einzelne Vakzinedosis reicht in diesem Alter aus, ab dem 14. Lebensjahrs müssen Kinder für eine vollständige Immunisierung zwei Dosen in einem Abstand von sechs beziehungsweise vier bis acht Wochen (je nach Impfstoff) erhalten. Die Varizellen-Impfung kann gleichzeitig mit jenen gegen MMR, Hämophilus influenza B, Hepatiits B, Diphtherie-Tollwut-Pertussis oder Polio gegeben werden. Lediglich zur Kombination mit vier-, fünf- oder sechsfachen Vakzinen liegen noch keine Daten vor.

 

Neue VZV-Impfstoffe Seit Anfang August ist außer Varilrix® (GlaxoSmithKline) nun Varivax® (Aventis Pasteur MSD) als zweiter Lebendimpfstoff zur aktiven Immunisierung ab dem vollendeten zwölften Lebensmonat sowie zur Varizellenprophylaxe innerhalb von drei Tagen nach Exposition zugelassen. Beide Präparate sind als Trockensubstanz mit 0,5 ml Lösungsmittel in einer Fertigspritze erhältlich und werden subkutan verabreicht. Bis sechs Wochen nach Varivax-Gabe sollten die Geimpften keine Salicylsäure-haltigen Präparate einnehmen, da das Reye-Syndrom auftreten könnte.

Derzeit prüft das Paul-Ehrlich-Institut einen Kombinationslebendimpfstoff gegen MMR und Windpocken. Die Zulassung der neuen Vakzine erwartet der Hersteller GlaxoSmithKline für Ende des Jahres. 2005 soll sie dann unter dem Namen Priorix tetra® in den Handel kommen. Darüber hinaus ist laut Hülße auch ein Zosterimpfstoff mit hohem Antigengehalt für Personen über 50 Jahren in der Entwicklung.

 

Gesunde Kinder sind nach einer Impfung zu 98 bis 100 Prozent gegen eine Infektion geschützt, sagte Dr. Ursel Lindbauer-Eisenach aus München. Da bei Risikopatienten die Schutzrate nur bei 80 bis 90 Prozent liegt, sei hier eine zweite Impfung zu erwägen. Laut einer japanischen Studie hält der Schutz insgesamt lebenslang an.

Zwar können bei einer Varizellen-Vakzinierung wie bei jeder Injektion Schmerzen oder eine Rötung an der Einstichstelle auftreten, schwer wiegende Komplikationen gebe es jedoch in der Regel nicht. Möglich sei, dass Impflinge nach einer Woche Fieber oder einen varizellenartigen Hautausschlag (bei rund 5 Prozent) entwickeln, der jedoch sehr mild sei und innerhalb weniger Tage abheile.

Eine Übertragung von Impfviren aus dem Bläscheninhalt ist zwar möglich, doch die Erreger sind abgeschwächt, so dass lediglich der Kontakt zu Risikopersonen nach der Impfung zu meiden ist.

Wie erfolgreich eine generelle Vakzinierung ist, zeigen die USA, in der Kinder in den meisten Bundesstaaten vor der Einschulung geimpft sein müssen. Fünf Jahre nach Einführung der neuen Impfregelung sank die Inzidenz um 71 bis 84 Prozent, die Zahl der Hospitalisierungen um etwa ein Viertel. Befürchtungen, dass vermehrt ältere Menschen an Windpocken erkranken könnten oder Zahl und Schwere von Gürtelrose-Erkrankungen zunehmen, haben sich nicht bestätigt.

Lohnen wird sich eine Durchimpfung in Deutschland auch für die Krankenversicherer, da ein Euro an Impfkosten 1,80 Euro Behandlungs- und Arbeitsausfallkosten gegenüberstehen. So könnten bis zu 12 Millionen Euro pro Jahr gespart werden. Doch obwohl die generelle Impfung aus medizinischen und ökonomischen Gründen sinnvoll erscheint, übernehmen die Krankenkassen die Kosten vorerst nicht. Neue Verhandlungen seien für September geplant, so Hülße.

 

Weitere Änderungen Neben der Aufnahme der Varizellenimpfung als Standard in den Impfkalender hat die STIKO noch weitere Änderungen beschlossen, die im Epidemiologischen Bulletin 32 veröffentlicht sind. So ist die Keuchhustenimpfung nun für alle Frauen mit Kinderwunsch sowie allen engen Kontaktpersonen zu noch ungeschützten Säuglingen empfohlen. Weiterhin hat die Kommission die Empfehlungen für chronisch Kranke präzisiert, da diese Erkrankungen häufig fälschlicherweise als Kontraindikationen angesehen werden. Die STIKO rät, allen chronisch Kranken die Standardimpfungen zukommen zu lassen, „sofern keine spezifischen Kontraindikationen vorliegen“.

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