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Raubbau an der Gesundheit

19.07.2004  00:00 Uhr

Schlafstörungen

Raubbau an der Gesundheit

von Dagmar Knopf, Limburg

Wer auf Dauer nicht richtig schlafen kann, wird krank – körperlich oder psychisch. Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Magen-Darm-Krankheiten können die Folge sein. Mit einfachen Regeln lassen sich die meisten Störungen beseitigen, in härteren Fällen hilft ein Schlaflabor.

Um gesund und leistungsfähig zu sein, braucht der Mensch ausreichend Schlaf. Doch wie viele Stunden Schlaf sind genug? Während der berühmte Kurzschläfer Napoleon mit nur vier Stunden pro Nacht ausgekommen sein soll, schlummerte Albert Einstein täglich bis zu zwölf Stunden. Mit diesem Schlafbedürfnis wäre er nach Ansicht Napoleons ein Idiot gewesen, denn dieser billigte „fünf Stunden für einen erwachsenen Mann, sechs für einen Jungen, sieben für eine Frau und acht für Dummköpfe“ zu. Die benötigte Schlafdauer ist sehr individuell und hängt nicht nur von den Erbanlagen, sondern auch von Alter, Gesundheitszustand und bei Frauen vom Zyklus ab.

Doch was ist, wenn es sich bei der „Guten Nacht“ nur noch um einen frommen Wunsch handelt und man nicht „schön“ schläft, sondern sich ruhelos in den Kissen wälzt? Wer tagsüber ständig müde ist, sich schlecht konzentrieren kann und sich gereizt an der Kaffeetasse festhält, hat sehr wahrscheinlich eine Schlafstörung und befindet sich damit in guter Gesellschaft. „Zwischen 10 und 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung“, sagt Professor Jürgen Zulley, Vorsitzender der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS). Den Arzt sucht jedoch nur jeder Dritte auf. Viele fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen und erkranken an körperlichen oder seelischen Folgeerscheinungen wie Depressionen, Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Krankheiten.

Schlafstörungen sind allerdings kein einheitliches Krankheitsbild. Weit über 80 verschiedene Formen lassen sich voneinander abgrenzen. Die Schlafmedizin unterteilt sie grob in vier Gruppen: Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie), übermäßige Tagesmüdigkeit (Hypersomnie), Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus (chronobiologische Störungen) und schlafgebundene Störungen (Parasomnie).

Die halbe Nacht wach

Ein- und Durchschlafstörungen (medizinisch als Insomnie bezeichnet) treten am häufigsten auf. Rund 6 Prozent der Bevölkerung liegen nachts wach, wälzen sich ruhelos im Bett, zählen Schäfchen und werfen verzweifelte Blicke auf die vorrückenden Uhrzeiger. Doch häufig tritt die Störung nur kurzfristig auf. Zum Arzt gehen sollte jeder, der an mindestens vier Tagen in der Woche länger als 30 Minuten zum Einschlafen braucht, dessen Beschwerden länger als einen Monat andauern oder bei dem Dauer und Ausmaß der Ein- oder Durchschlafstörung in keinem Verhältnis zur eigentlichen Ursache stehen wie etwa Leistungsdruck, beruflicher oder familiärer Stress. Auch Personen, deren Beschwerden nicht nachlassen, wenn die ursprünglichen Auslöser nicht mehr bestehen, sollten sich behandeln lassen.

Die Ursachen für Schlafstörungen sind sehr vielschichtig. Neben äußeren Störfaktoren wie Lärmbelästigung können eine schwere und reichhaltige Mahlzeit am Abend oder das Blättern von Akten im Bett verantwortlich sein. Auch zu langes Fernsehen, Rauchen (Nikotin macht wach) und zu wenig körperliche Bewegung am Tage stören die Nachtruhe empfindlich, ebenso wie Grübeln über Probleme und Anspannung durch Stress. Hierdurch dauerhaft erhöhte Adrenalin- und Kortisolwerte verhindern einen erholsamen Schlaf.

Neben den äußeren Störfaktoren können auch körperliche Erkrankungen den Schlaf rauben. Dies gilt für sämtliche schmerzhaften Krankheiten (unter anderem Migräne), Krankheiten der Atemwege, wie Asthma und Bronchitis, sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Angina pectoris, zu hoher oder zu niedriger Blutdruck und Herzrhythmusstörungen.

Müde trotz ausreichend Schlaf

Viele Menschen fühlen sich ständig müde, obwohl sie für ihr Gefühl ausreichend und gut schlafen. Manchmal passiert es Menschen mit übermäßiger Tagesmüdigkeit, dass sie während der Arbeit oder im Straßenverkehr ungewollt einnicken, mit teilweise fatalen Folgen.

Die Ursache liegt meist in der nächtlichen Atmung der Schläfer. Atempausen während des Schlafes sind normal, üblicherweise sind sie aber nur kurz und ohne Folgen. Von ihrer Häufigkeit und Dauer hängt es ab, ob das Schlafapnoe-Syndrom (SAS) vorliegt. Hier wird der Schlaf – vom Schläfer unbemerkt – wiederholt kurz unterbrochen. Als Folge kann kein Tiefschlaf auftreten, der aber zur Erholung wichtig ist. Die immer wieder aus dem Tiefschlaf gerissenen Patienten sind am Morgen wie erschlagen, obwohl sie eigentlich ausreichend lange geschlafen haben.

Ist die Qualität des Schlafes in Ordnung, tritt die Müdigkeit aber zur falschen Zeit auf, liegt eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus vor. Langstreckenflug birgt dieses Risiko und das mit ihm verbundene Phänomen des Jetlag. Auch bei Schichtarbeit kommt es zu Verschiebungen der Schlafphase, die oft eine Behandlung notwendig macht. Und bei manchen Menschen stimmt die „innere Uhr“ gar nicht mit der äußeren überein. So haben extreme Morgenmenschen schon am frühen Abend Sehnsucht nach ihrem Bett, während Abendmenschen dann erst richtig loslegen.

Als schlafgebundene Störungen (Parasomnien) werden alle Erkrankungen zusammengefasst, bei denen während des Schlafes oder beim Übergang zum Wachsein eine Störung auftritt. Am bekanntesten ist das Schlafwandeln. Das ursächliche unvollständige Erwachen tritt besonders im Kindesalter häufig auf. Andere typische Begleitstörungen sind Einschlafzuckungen, Zähneknirschen, nächtliches Aufschrecken oder Alpträume.

Die richtige Schlafhygiene

Viele Schlafstörungen werden schon am Tage ungewollt „vorbereitet“. So wirkt sich nicht nur die berühmte spät genossene Tasse Kaffee negativ aufs Einschlafen aus, sondern auch Sport am Abend und Alkoholgenuss. Daher ist der erste Schritt für eine bessere Nachtruhe, das eigene Verhalten am Tag zu überprüfen und möglicherweise zu ändern. Doch wie sieht die richtige Vorbereitung auf die Nacht – die Schlafhygiene – aus? Um über dieses Thema aufzuklären, veranstaltete die Deutsche Akademie für Gesundheit und Schlaf vom 16. bis 29. Juni die Woche des Schlafes. An verschiedenen Orten konnten sich die Menschen über Schlafstörungen, ihre Ursachen und Folgen, und über mögliche Therapien informieren.

Mit einfachen Regeln sind Schlafstörungen zu vermeiden:

  • Man sollte erst dann schlafen gehen, wenn man wirklich schläfrig ist.
  • Die Art und der Zeitpunkt der Ernährung sind bedeutend: Schlafmediziner raten, spätestens um 19 Uhr zu Abend zu essen und zwar nach der Devise „leicht, warm und wenig“.
  • Viel Bewegung tagsüber hilft beim Einschlafen.
  • Große Mengen Alkohol sind zu vermeiden. Das Einschlafen fällt zwar leicht, aber der Schlaf ist nicht erholsam – er ist flach und unruhig und mit verkürzten Tiefschlafphasen.
  • Auch Zigaretten sind zu meiden. Nikotin sorgt für die Ausschüttung stimulierender Botenstoffe im Gehirn und macht somit wach.
  • Das Schlafzimmer sollte angenehme Atmosphäre mit Frischluft und ohne äußere Störquellen wie helles Licht und Lärm haben.
  • Akten haben im Bett nichts verloren. Das Bett sollte nur zum Schlafen genutzt werden.
  • Bei quälenden Sorgen helfen Entspannungsübungen oder das Aufschreiben des Problems vor dem Schlafengehen.
  • Das Führen eines Schlaftagebuchs kann helfen.
  • Die Schlafzeit kann versuchsweise um 30 Minuten nach vorn oder hinten verschoben oder die Schlafdauer um eine Stunde verkürzt werden.

Wichtig ist es nach Meinung der Schlafmediziner, aufzustehen, wenn der Schlaf ausbleibt. Lieber sollten sich Schlaflose außerhalb des Bettes beschäftigen, bis sie müde sind, als sich ruhelos im Bett zu wälzen. Denn beim Betrachten der sinnlos verstrichenen Zeit wächst der Druck. So kann eine vielleicht nur vorübergehende Schlafstörung chronisch werden.

Vielen Patienten ist mit der Einhaltung dieser Regeln schon geholfen. Die quälenden Schlafstörungen verschwinden. Wem aber all dies nicht hilft, der sollte ein Schlafzentrum aufsuchen. Die Schlafmediziner raten dazu, wenn sich vier bis sechs Wochen nach Anwendung der „Schlafhygiene“ keine Besserung einstellt.

Überwachter Schlaf

In Deutschland gibt es inzwischen über 280 Schlafzentren, die nach festgelegten Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) geprüft und anerkannt sind. Hier arbeiten Mediziner, Biologen und Psychologen im Team zusammen. Alle Schlafzentren bestehen aus einer Schlafambulanz und einem Schlaflabor. Der erste Kontakt erfolgt über die Ambulanz. Hier klären die Schlafexperten im persönlichen Gespräch die Art der Schlafstörung und besprechen mit dem Patienten weiterführende diagnostische Maßnahmen oder Therapiemöglichkeiten. Falls nötig, muss der Patient einen ausführlichen Fragebogen zu Lebens- und Schlafgewohnheiten ausfüllen.

Ambulante Messverfahren wie das Apnoe-Screening weisen schnell auf schlafbezogene Atmungsstörungen hin. Das Apnoe-Screening-Gerät muss eine Zeit lang am Körper getragen werden. Es zeichnet Atemgeräusche, Atemfluss, Atembewegung, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung im Blut, Körperlage, Bewegungen und das Elektrokardiogramm auf. Misst das Gerät 20 Atemstillstände pro Stunde, oder gar mehr, muss dringend behandelt werden. Auf Schlafmittel und Alkohol am Abend müssen die Patienten verzichten. Wichtig ist oft eine Gewichtsreduktion, da Apnoe häufig mit Übergewicht in Zusammenhang steht. Als Therapie kommt eine nächtliche Beatmung durch eine persönlich angepasste nasale Beatmungsmaske in Frage.

Nach Auswertung des Fragebogens und der ambulanten Messverfahren, sowie einer gründlichen Untersuchung der Patienten, erfolgt eine erste Verdachtsdiagnose. Zusätzliche Untersuchungen im Schlaflabor sind meist dann nötig, wenn es Hinweise auf eine Schlafapnoe oder auf eine neurologische Erkrankung gibt.

Was passiert im Schlaflabor?

Zuerst bezieht der Patient sein Zimmer, das einem Einzelzimmer im Krankenhaus ähnelt – mit Bett, Nachttisch und Leselampe. Gegenüber des Bettes befindet sich eine Videokamera und am Kopfende elektrische Kabel. Bevor der Patient schlafen geht, wird er verkabelt. An Stirn, Fingern, Brust, Beinen und Augenwinkeln befestigte Elektroden messen die Spannungsschwankungen auf der Haut. So werden Hirn-, Muskel-, Herz- und Hautströme gemessen und über die Nacht hinweg aufgezeichnet. Auch Atmung, Sauerstoffsättigung des Blutes und weitere Körperfunktionen wie Bewegungen werden ins Nebenzimmer zu den Technikern geleitet.

Meist müssen die Patienten zwei bis drei Tage im Schlaflabor übernachten, damit sichere Daten vorliegen. Dann erfahren sie, ob sie ein gesundes Schlafprofil haben oder an Ein- oder Durchschlafstörungen leiden. Auch über eventuell vorliegende Herzrhythmusstörungen, Atemstillstände oder Restless-Legs-Syndrom werden sie informiert. Auf der Grundlage dieser genauen Diagnose kann eine gezielte Behandlung eingeleitet werden.

Unterschiedliche Therapieansätze

Liegt den Schlafproblemen eine organische Erkrankung zu Grunde, muss diese behandelt, bei seelischen Ursachen möglicherweise eine Psychotherapie begonnen oder ein Neurologe aufgesucht werden. Liegt jedoch weder eine körperliche noch eine seelische Störung vor, sind gezielte verhaltenstherapeutische Maßnahmen am effektivsten. Spezielle, von Schlafexperten entwickelte Konzepte haben sich bei der Behandlung chronischer Schlafstörungen bewährt. In Kombination mit Entspannungsübungen ist die Erfolgsquote am höchsten.

Zur Behandlung einer Schlafapnoe gilt die bereits erwähnte Nasenmaske als Mittel der ersten Wahl. Über die speziell angepasste Maske erhalten die Patienten die ganze Nacht über einen kontinuierlichen Luftstrom, der in die Nase geleitet wird. Dieser drückt gegen die Weichteile und Muskeln des Rachens, hält die oberen Atemwege frei und verhindert so die gefährlichen Atemstillstände im Schlaf.

Zur Behandlung von Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus eignet sich – neben der schrittweisen Umstellung der Schlafzeit – auch die Lichttherapie. Hier werden bei der verfrühten Schlafphase abends und bei der verspäteten Schlafphase morgens starke Lichtreize gesetzt. So werden die Rhythmusstörungen langsam korrigiert und die innere Uhr mit der äußeren wieder in Einklang gebracht.

 

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