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Hörtest für alle Neugeborenen

23.07.2001  00:00 Uhr

SAARLAND

Hörtest für alle Neugeborenen

von Wolfgang Kappler, Homburg/Saar

Als erstes Bundesland hat das Saarland den generellen Hörtest für alle Neugeborenen eingeführt und kommt damit einer seit Jahren von HNO-Fachärzten erhobenen Forderung nach. Deren Überzeugung gipfelt in der einfachen Formel: Früherkennung gleich Frühbehandlung gleich Normalentwicklung. Bewährt sich das saarländische Modell, könnte es auf das gesamte Bundesgebiet ausgedehnt werden, sagen die Initiatoren.

Unerkannte und damit unbehandelte Hörstörungen haben lebenslange Konsequenzen: Betroffene Kinder fallen unter anderem durch Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen auf, ihre Sprachentwicklung ist verzögert. "Wenn akustische Reize ausbleiben, kommt es zu einer Reifungsverzögerung der Hörbahn", erklärt Dr. Martin Walger, Universitäts-HNO-Klinik Köln. Das Gehör braucht Töne und Geräusche zu seiner Entwicklung. Mit dem sechsten Monat ist das Innenohr des Embryos zwar bereits voll entwickelt, doch dauert es bis zur Pubertät, bis das gesamte Sinnesorgan in der Lage ist, Geräuschquellen bis auf ein Grad genau zu orten.

Besonders sensibel ist die Entwicklung des Hörapparates in den ersten beiden Lebensjahren. Dann können sich angeborene Fehler, bakterielle Infektionen und Sauerstoffunterversorgung während der Geburt, Mittelohrentzündungen oder Kinderkrankheiten besonders verheerend auswirken. Reize, die dadurch nur gedämpft oder gar nicht wahrgenommen werden, hemmen nicht nur die Reifung der Hörbahn, es kommt auch zu Störungen der Informationsverarbeitung im Gehirn.

Meist zu spät erkannt

Von 1000 Neugeborenen können bis zu sechs ihre Umwelt nur schwer oder gar nicht hören. Bei den Frühgeborenen, den genetisch Vorbelasteten oder unter der Geburt Infizierten ist es sogar jedes fünfzigste Kind. Damit sind kindliche Hörstörungen keine Seltenheit. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Forderung nach einem generellen Hörtest in den ersten sechs Lebensmonaten. Nur so können Hörstörungen rechtzeitig operativ behandelt oder mit einem Hörgerät oder einer Innenohrprothese ausgeglichen werden.

Doch die Realität sieht anders aus. "Im Durchschnitt wird ein Hörschaden bei Kindern erstmals mit 25 Monaten vermutet, mit 33 Monaten bestätigt und mit 35 Monaten durch Hörgeräteanpassung versorgt", kritisiert Dr. Wolfgang Delb, Spezialist für kindliche Hörstörungen an der HNO-Universitätsklinik Homburg/Saar. Warum soviel wertvolle Zeit ungenutzt verstreicht, begründet Professor Dr. Peter Karl Plinkert, Direktor der Klinik, so: "Die generelle Einführung des Hörscreenings scheiterte bislang an zahlreichen Faktoren wie der ausschließlichen Testung von Risikogruppen, der Frage der Kostenübernahme durch die Kassen, an fehlenden Untersuchungsgeräten und der Uninformiertheit von Eltern und damit ihrer mangelnden Mitwirkung."

Schwingende Haarzellen

Gemeinsam mit den saarländischen Berufsverbänden der HNO-Ärzte und der Kinder- und Jugendärzte haben Plinkert und Delb deshalb ein Modell entwickelt und eingeführt, das die jährlich 9000 Neugeborenen im Saarland erfassen soll. Für den Hörtest werden akustische Signale ins Ohr geschickt. Die so angeregten äußeren Haarzellen im Innenohr schwingen und erzeugen Schallwellen, die bei fast allen normal Hörenden gemessen werden können. Mediziner sprechen von transitorisch evozierten otoakustischen Emissionen (TEOAE). Die Erstuntersuchung erfolgt zwischen dem zweiten und vierten Lebenstag von geschulten Krankenschwestern der Entbindungs- und Säuglingsintensivstationen, während die Kinder schlafen. Bei Hausgeburten und ambulanten Entbindungen veranlassen die Hebammen die Untersuchung durch niedergelassene HNO- oder Kinderfachärzte.

Bei 15 Prozent der Neugeborenen zeigt der Test erfahrungsgemäß eine Auffälligkeit. Bei diesen Kindern wird die TEOAE-Messung wiederholt. Zeigen sich dann immer noch Abweichungen von der Norm, werden die Babys zur exakten Abklärung mittels BERA-Test - er misst die Aktivierung des Hirnstammes - an eine Klinik oder eine spezialisierte Praxis überwiesen. "Um zu gewährleisten, dass alle Neugeborenen getestet werden, werden sämtliche Geburtennummern und die Messergebnisse an die zentrale Datenbank unserer Klinik übermittelt", erläutert Plinkert. Geburtsnummer, Hörtestergebnis und die möglicherweise daraus resultierende Hörgeräteversorgung werden auf einem Aufkleber im Vorsorgeuntersuchungsheft festgehalten, um die Akzeptanz und Mitarbeit der Eltern und beteiligten Ärzte zu fördern.

Eltern müssen kooperieren

Parallel dazu melden alle Kliniken und Hebammen monatlich sämtliche Geburten erneut an die zentrale Erfassungsstelle. So können die gemeldeten Geburten mit den eingehenden Messergebnissen abgeglichen werden. Ist innerhalb von vier Monaten kein Messergebnis eingegangen, werden die Geburtsklinik, das Geburtshaus oder der Arzt informiert, die sich mit den Eltern in Verbindung setzen. Gegebenfalls wird der Vorgang wiederholt.

Aus Erfahrung weiß Plinkert: "Leider ist die Hälfte der Eltern wegen zunächst auffälliger Ergebnisse verunsichert oder scheut wegen des Aufwandes in der frühen Säuglingsphase die Wiederholung des Tests oder genauere Untersuchungen. Gerade das aber ist entscheidend, damit wir Hörstörungen rechtzeitig behandeln und für betroffene Kinder eine normale Entwicklung sicherstellen können." Top

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