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Sekunden entscheiden

04.07.2005  00:00 Uhr
Herzinfarkt

Sekunden entscheiden

von Imme Schröder, Hamburg

Jedes Jahr erleiden rund 70.000 Deutsche einen Herzinfarkt. Im Schnitt braucht ein Patient 15 Stunden, bis er im Krankenhaus adäquat versorgt werden kann. Doch nur wenn die erste »goldene Stunde« eingehalten wird, ist die Prognose für den Patienten günstig. Hier könnte eine weitere Verbreitung der automatischen Defibrillatoren hilfreich sein.

Oft genug sind die Herzinfarkt-Patienten selbst an der Behandlungsverzögerung schuld: Sie warten zunächst ab, ob die Beschwerden von selbst verschwinden und wollen niemandem zur Last fallen. Doch auch die Erstversorgung durch Notärzte ist verbesserungswürdig. Eine Analyse von rund 1000 Notarzteinsatzprotokollen ergab, dass Patienten mit Herzinfarkt oder Angina pectoris oft nicht die komplette, allgemein empfohlene Therapie erhalten.

Beeindruckend ist dagegen die Bilanz von ungelernten Helfern, die bei einem Myokardinfarkt-Patienten mit automatischen Defibrillatoren schnell Hilfe leisten können. »Nur rund 6 Prozent Reanimationserfolge können Notärzte deutschlandweit nach Herzstillständen verbuchen«, berichtete Dr. Klaus-Gerrit Gerdts, leitender Notarzt des Landkreises Cuxhaven, auf einer Veranstaltung von Pohl Boskamp. »Geschulte Stewardessen bringen es dagegen auf 60 Prozent, Sicherheitsbeamte der Casinos in Las Vegas sogar auf 85 Prozent reanimierte Patienten.« Der Grund für die hohe Erfolgsquote liegt vor allem in der schnellen Defibrillation. »Jede Minute nach dem Herzstillstand kostet den Patienten rund 10 Prozent Überlebenschance«, informierte Gerdts.

Defibrillieren kann jeder

Die Anwendung der mobilen Defibrillatoren ist denkbar einfach und auch für ungeübte Laien in Stresssituationen zu bewältigen. Die Geräte sind heute an öffentlichen Plätzen wie Flughäfen, Sportarenen, in Lebensmitteldiscountern oder U-Bahnhöfen deponiert, eine flächendeckende Verbreitung wie in den USA fehlt jedoch noch. Das Computersystem des technischen Lebensretters gibt den Helfern sprachgesteuert genaue Anweisungen: Anfangs werden zwei Elektroden auf den Brustkorb appliziert, im Anschluss misst das Gerät die Herzfrequenz und vergleicht das EKG mit 3000 abgespeicherten Kardiogrammen. Nur wenn wirklich ein Kammerflimmern vorliegt, lässt sich nachfolgend der Stromstoß per Knopfdruck abgeben. Ein Missbrauch ist daher ausgeschlossen, bei einem gesunden Menschen löst das Gerät nicht aus.

Zusätzlich fordert der Defibrillator während der Abgabe des Stromstoßes alle Anwesenden zum Zurücktreten auf. Denn andernfalls könnte der Impuls am gesunden Herzen ein Kammerflimmern auslösen. Einige Geräte leiten die Helfer sogar zur Herzmassage und zur Beatmung an.

Stent innerhalb einer Stunde

Parallel zur Defibrillation sollte so schnell wie möglich der Notarzt alarmiert werden. Er kann den Patienten bei Verdacht auf Angina pectoris mit Nitroglycerin-Spray behandeln, das die Herzkranzgefäße innerhalb weniger Minuten erweitert und so die Durchblutung des Herzens verbessert. Sollten sich die Beschwerden dadurch nicht bessern, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Herzinfarkt ausgegangen werden. Der Arzt verabreicht dann schmerzstillende, beruhigende und blutverdünnende Wirkstoffe.

Im Krankenhaus wird das verstopfte Herzkranzgefäß schnellstmöglich wieder durchgängig gemacht. Standard ist die Implantation von Stents: Dabei wird mit einem Herzkatheter ein dünner Schlauch, an dessen Ende sich ein kleiner Ballon befindet, über die Leistenarterie bis zum Herzen vorgeschoben. Unter Röntgenkontrolle wird der Ballon genau an der Engstelle aufgeblasen, wobei sich eine auf ihm liegende Gefäßstütze (Stent) entfaltet. Sie hält die Ader auch nach Entfernung des Ballons offen, das Blut kann wieder ungehindert fließen.

Im Idealfall erfolgt dieser Eingriff in der ersten Stunde nach dem Infarkt. Kommt der Patient zu spät ins Krankenhaus, macht der Eingriff oft keinen Sinn mehr, weil schon zu viel Herzmuskelgewebe untergegangen ist. Bei rund der Hälfte aller Herzinfarkt-Patienten stehen die Ärzte vor diesem Problem. Als Spätfolge tritt eine Herzschwäche auf, die mit einem Pumpversagen und Luftnot bei kleineren Anstrengungen einhergeht.

Mit Omega-3-Fettsäuren vorbeugen

Damit es gar nicht erst zu den lebensbedrohlichen Erscheinungen kommt, sollten Patienten über Möglichkeiten der Prävention aufgeklärt sein. Rauchen, hoher Blutdruck, erhöhter Cholesterinspiegel, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel und fettes Essen begünstigen die Entstehung von Arteriosklerose. Da nach den Wechseljahren der Einfluss des gefäßschützenden Estrogens wegfällt, steigt für Frauen das Risiko mit Eintritt in die Menopause an. Inzwischen sind fast so viele Frauen wie Männer von der koronaren Herzkrankheit betroffen.

Unabhängig vom Geschlecht gilt: Wer sich gesund, fettarm und mit viel Obst und Gemüse ernährt, regelmäßig Ausdauersport betreibt und sich wenig psychischem Stress aussetzt, senkt das Risiko einer koronaren Herzerkrankung um ein Vielfaches. Besonders wichtig im Zusammenhang mit herzschützender Ernährung sind Omega-3-Fettsäuren, die unter anderem in Fisch und Meeresfrüchten vorkommen. Denn Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure sorgen für eine Hemmung der Thrombozytenaggregation. Erythrozyten werden durch in die Membran eingebaute Omega-3-Fettsäuren beweglicher und verformbarer, so dass sie auch Kapillar-Gefäße problemlos passieren und mit Sauerstoff versorgen können.

Wie wichtig die essenziellen langkettigen und mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind, hat die GISSI-Untersuchung (Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravivenza nell, Infarto Miocardio) gezeigt, an der 11.323 Italiener teilnahmen. Demnach hatten Patienten, die nach einem Herzinfarkt regelmäßig ein Präparat mit Omega-3-Fettsäuren einnahmen, ein um 30 Prozent verringertes Risiko für einen erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Gefahr, an einem plötzlichen Herztod zu sterben, sank um mehr als 45 Prozent. Die Ergebnisse der Studie trugen dazu bei, dass Omega-3-Fettsäuren unlängst in die Therapieempfehlungen medizinischer Fachgesellschaften aufgenommen wurden. Empfohlen wird eine tägliche Dosis von einem Gramm Omega-3-Fettsäuren, die auch in Kapselform zugeführt werden kann, was einen gleichmäßigen Wirkstoffpegel garantiert.

Doch auch mit dem Genuss von fettem Fisch, wie Makrele, Lachs, Sardine oder Thunfisch, kann man sein Herz schützen. So ergab die holländische »Zutphen-Studie«, dass Testpersonen, die täglich mindestens 30 Gramm Fisch zu sich nahmen, ein um 50 Prozent vermindertes Risiko hatten, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben.

 

Symptome richtig deuten Angina pectoris und Myokardinfarkt zeichnen sich durch ähnliche Symptome aus und werden deshalb unter dem Begriff »akutes Koronarsyndrom« zusammengefasst. Auslöser für beide Krankheiten sind meist Plaques in den Herzarterien, die für eine Unterversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff und Nährstoffen sorgen.

Dies kann sich als wiederkehrender Brustschmerz äußern, vor allem bei Stress, körperlicher Belastung oder Kälte ­ die typischen Symptome bei Angina pectoris. Der Verschluss eines Koronargefäßes kann jedoch auch unbemerkt verlaufen: Ein Plaque wächst über Jahre an und reißt dann plötzlich ein. Als Folge setzen sich an ihm Thrombozyten fest und bilden ein Blutgerinnsel, welches das Gefäß abrupt verschließt. In einem solchen Fall wird ein akuter Myokardinfarkt diagnostiziert, der als lebensbedrohlicher Notfall sofort behandelt werden muss.

Doch die Symptome sind nicht bei allen Menschen gleich, oft nicht eindeutig zuzuordnen und verlaufen bei Frauen anders als bei Männern. So gelten zwar Brustschmerzen, die länger als fünf Minuten anhalten und in Arme, Unterkiefer oder Oberbauch ausstrahlen, als Leitsymptome. Bei Frauen treten aber auch häufig untypische Infarktsymptome auf, zu denen Luftnot, Übelkeit, Erbrechen und kalter Schweiß zählen.

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