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Sind Prostata-Schnelltests schnell, zuverlässig und sinnvoll?

05.07.1999
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-MedizinGovi-Verlag

Sind Prostata-Schnelltests schnell, zuverlässig und sinnvoll?

von Martin Schulz und Petra Zagermann-Muncke, Eschbron

Die Inzidenz des Prostatakarzinoms ist innerhalb der letzten zehn Jahre stark gestiegen. Es gilt heute als häufigster Tumor und zweithäufigste Todesursache bei Männern in Europa und Nordamerika. In Deutschland werden jährlich etwa 22 000 neue Prostatakarzinome diagnostiziert, und etwa 9000 Männer sterben an den Folgen der Erkrankung. Meist sind ältere Männer betroffen, aber 20 Prozent der Patienten sind jünger als 65 Jahre. Die gesetzlichen Krankenversicherungen empfehlen jährliche Früherkennungsuntersuchungen ab dem 45. Lebensjahr. Das Vorsorgeprogramm wird aber von den Männern kaum angenommen. Nur 14 Prozent der betroffenen Gruppe lassen sich regelmäßig untersuchen (3).

Das prostataspezifische Antigen (PSA) wurde 1971 entdeckt und ursprünglich als g-Seminoprotein bezeichnet; 1979 isolierten und reinigten Wang et al. PSA aus Prostatagewebe (4). Es handelt sich um eine Serinprotease, ein Glykoprotein, das in den Epithelzellen der Prostatadrüse synthetisiert wird und sowohl im Plasma als auch im Sperma auftritt. Daher diente es zunächst zum Nachweis menschlicher Samenspuren in der Rechtsmedizin. PSA wird sowohl in gesundem als auch in hyperplastischem und maligne entartetem Prostatagewebe (Tumormarker) gebildet. Als Normalwert im Serum wird eine Konzentration von unter 4 ng/ml angenommen. Prostatakarzinome, akute und chronische Entzündungen, Prostatainfarkt, akuter Harnverhalt, Prostatamanipulationen, Radfahren und Ejakulationen erhöhen die PSA-Serumkonzentration. Eine auf über 4 ng/ml erhöhte PSA-Serumkonzentration bedeutet daher nicht unbedingt, daß ein Prostatakarzinom vorliegt. Bei Werten in der sogenannten diagnostischen Grauzone zwischen 4 und 10 ng/ml wurde in 27 Prozent der Fälle bioptisch ein Prostatakarzinom gefunden, bei Werten über 10 ng/ml in 59 Prozent der Fälle. Eine Früherkennung des Prostatakarzinoms ist daher durch Messung des PSA möglich und sinnvoll (1, 2, 6).

Einige Laboratorien bieten neben der Bestimmung des Gesamt-PSA (freies und proteingebundenes PSA) auch die Messung des freien PSA an. Patienten mit Prostatakarzinom haben einen geringen Anteil an freiem PSA (<15 bis 20 Prozent), während der Anteil bei Patienten mit benigner Prostatahyperplasie gewöhnlich über 15 bis 20 Prozent liegt, gemessen am Gesamt-PSA.

Zur Zeit konkurrieren etwa 50 Bestimmungsverfahren für PSA auf dem deutschen Markt. Mit verschiedenen Methoden ermittelte Meßergebnisse derselben Probe können bis um Faktor zwei voneinander abweichen (5).

Handhabung des Schnelltests

Seit kurzem ist in den Apotheken ein "Prostata-Schnelltest" erhältlich, den die Patienten selbst zu Hause durchführen können (3). Abgabe und Anwendung dieses Patiententests erfordern allerdings die sorgfältige Beratung in der Apotheke. Sicherer ist es, den Test in der Apotheke für die Patienten vorzunehmen.

Der Test soll frühestens 24 Stunden nach einer Ejakulation vorgenommen werden. Für den Schnelltest genügen zwei Tropfen Blut aus dem Finger oder dem Ohrläppchen, die auf einen Teststreifen aufgetragen werden. Nach einigen Minuten, in denen die Blutprobe und der Teststreifen Raumtemperatur annehmen können, werden fünf Tropfen der beigefügten Verdünnung hinzugegeben. Das Ergebnis liegt in 10 bis 15 Minuten vor. Die Reaktionszeit sollte nicht verlängert werden, da dann vermehrt falsch-positive Ergebnisse auftreten können. Ist nur im Kontrollfeld des Teststreifens ein roter, rötlicher oder pinkfarbener Farbstreifen zu sehen, ist der Test negativ (PSA unter 4 ng/ml). Wenn sowohl im Kontrollfeld als auch im Testfeld ein Farbstreifen zu erkennen ist, liegt ein positiver Befund mit einem PSA-Wert von über 4 ng/ml vor. Ist weder im Kontrollfeld noch im Testfeld ein Farbstreifen zu sehen, verlief der Test fehlerhaft und hat kein aussagekräftiges Ergebnis erbracht. Der Test muß dann wiederholt werden.

Über Arzneistoffe, die den Test direkt stören können, ist nichts bekannt; allerdings können hohe Konzentrationen an Rheumafaktoren das Testergebnis verfälschen. Bei einer Behandlung mit Antiandrogenen wie Finasterid (Proscar®) oder anderen Arzneistoffen, die das Prostatavolumen beeinflussen können, ist der PSA-Test nicht mehr mit hinreichender Sicherheit zur Prostatakarzinom-Diagnostik heranzuziehen. Bei der Behandlung des Prostatakarzinoms dient vor allem die Messung des PSA der Kontrolle des Krankheitsverlaufs.

Testprinzip

Der Test arbeitet immunochromatographisch. Konjugate eines Farbstoffs mit einem monoklonalen Antikörper (2) bilden mit dem PSA Antigen-Antikörper-Komplexe. Der an die PSA-Antikörper gebundene Komplex bildet ab einer PSA-Konzentration von über 4 ng/ml im Testfeld eine pinkfarbene Linie. Ungebundene Konjugate verbinden sich mit den Reagenzien im Kontrollfeld, so daß ein Farbstreifen entsteht, der die korrekte Funktion des Tests anzeigt. Ein Vergleich der PSA-Bestimmung von 190 Blutproben mittels Schnelltest und Enzym-Immuno-Assay (Abbott IMx) zeigte in 83,8 Prozent der Fälle (n=74) richtig-negative Ergebnisse (Spezifität) und in 90,5 Prozent der Fälle (n=116) richtig-positive Ergebnisse (Sensitivität) des Schnelltests (1, 3). In-vitro-Diagnostika wie der vorliegende PSA-Schnelltest bedürfen nach Auskunft des Paul-Ehrlich-Instituts zur Zeit noch keiner Zulassung.

Interpretation des Testergebnisses

Das PSA selbst hat keinen Krankheitswert. Patienten, bei denen der Test positiv ausfällt, können ein Prostatakarzinom aufweisen. Sie müssen daher zur genaueren Abklärung des Testergebnisses einen Arzt (Urologen) aufsuchen. Dieser wird die Prostata über das Rektum mit dem Finger untersuchen, mit Hilfe des Ultraschalls die Prostatagröße bestimmen (transrektale Sonographie), den genauen PSA-Wert ermitteln und eventuell Ultraschall-gesteuert eine Gewebeprobe entnehmen.

Bei einem negativen Testresultat (Gesamt-PSA unter 4 ng/ml) liegt wahrscheinlich kein Prostatakarzinom vor. Dies schließt aber nicht aus, daß sich im weiteren Verlauf des Lebens Krebszellen entwickeln können. Deshalb soll der Test beziehungsweise die ärztliche Vorsorgeuntersuchung jährlich wiederholt werden.

Der Prostata-Schnelltest für Patienten (empfohlener Apothekenverkaufspreis 17,90 DM) sollte unseres Erachtens nur an Männer ab 45 Jahren abgegeben werden, die eine Vorsorgeuntersuchung beim Arzt ablehnen und die die Aussagekraft des Tests erfassen können. Bei der Abgabe sollten die Patienten umfassend über den Test und die Interpretation des Testergebnisses informiert werden. Ratsam ist es, den PSA-Test in der Apotheke vorzunehmen; die korrekte Durchführung des Tests ist dann sichergestellt und die Apotheke kann das Testergebnis für den Patienten interpretieren und mit Einfühlungsvermögen vermitteln. Nur die Kombination aus Anamnese, rektaler Untersuchung inklusive Ultraschall, Labor und Biopsie kann die Diagnose Prostatakarzinom sicherstellen. Der PSA-Test kann auch die jährliche Krebsvorsorge nicht ersetzen, da hierbei nicht nur auf Prostatakarzinom untersucht wird.

Literatur

(1) Berg, W., et al., Einfacher Schnell- und Suchtest für PSA im Vollblut - Voraussetzung für ein Früherkennungsprogramm des Prostatakarzinoms. Akt. Urol. 29 (1998) 120 - 123.
(2) Donn, F., et al., Monoclonal antibody that defines the prostate specific antigen. Prostate 14 (1989) 237 - 249.
(3) Prostata-Schnelltest, Gebrauchsinformation, Cardimac GmbH, Lüdersdorf (1999).
(4) Wang, M. C., et al., Purification of a human prostate specific antigen. Invest. Urol. 17 (1979) 159 - 163.
(5) Weining, C., et al., Patientengefährdung durch unterschiedliche Meßverfahren für PSA. Dtsch. Ärztebl. 93 (1996) C1250 - C1251.
(6) Wolff, J. M., Jakse, G., Das prostataspezifische Antigen in der Früherkennung des Prostatakarzinoms. Dt. Med. Wschr. 121 (1996) 1508 - 1514.

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