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Pille ohne Blutung

26.06.2000
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-MedizinGovi-VerlagVERHÜTUNG

Pille ohne Blutung

von Elke Wolf, Rödermark

Für die meisten Anwenderinnen oraler Kontrazeptiva war bisher die monatliche Entzugsblutung eine Bestätigung, nicht schwanger zu sein und als ein natürlicher Vorgang durchaus erwünscht. Offensichtlich sind jedoch neuerdings mehr Frauen bereit, auf die Menstruation völlig zu verzichten. Das ergab zumindest eine aktuelle repräsentative EMNID-Umfrage unter Frauen im gebärfähigen Alter.

Danach gaben von 855 befragten fertilen Frauen rund 70 Prozent an, auf die regelmäßig wiederkehrenden Tage verzichten zu können, mehr als die Hälfte davon sogar dauerhaft. "Das ist deutlich mehr als bisher angenommen", sagte Professor Dr. Herbert Kuhl vom Zentrum der Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universität Frankfurt am Main, auf einer Pressekonferenz von Jenapharm. Der wichtigste Grund, keine monatliche Menses mehr haben zu wollen, waren mit 67 Prozent menstruationsbezogene Beschwerden. Aber auch eine verbesserte Hygiene (54 Prozent) und die Lebensqualität (53 Prozent) waren für über die Hälfte der Frauen wichtige Aspekte. Die Ergebnisse dieser Umfrage stimmen weitgehend mit denen einer niederländischen Publikation vom letzten Jahr überein.

Diese Wünsche sind nicht utopisch. Derzeit denkt man verstärkt über eine durchgängige Pilleneinnahme nach. Die Frauen sollten dies natürlich nur nach Rücksprache mit ihrem Arzt entscheiden. "Abhängig von der individuellen Situation kann man zwischen einer kurzfristigen Verschiebung der Entzugsblutung, dem so genannten Langzyklus-Schema, oder der kontinuierlichen Einnahme von Ovulationshemmern über einen längeren Zeitraum wählen", informierte Kuhl. Bleibt die Menses aufgrund von Estrogen- und Gestagen-Gaben aus, spricht man von einer iatrogenen Amenorrhoe.

Eine große Sorge von Frauen, die hormonale Kontrazeptiva anwenden, ist nach wie vor, dass nach Absetzen der Präparate die Fertilität beeinträchtigt werden könnte. Und tatsächlich gibt es über den Wiedereintritt der Fertilität nach Absetzen der Pille weltweit nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen. Einige der wenigen oralen Kontrazeptiva, die mit Studien aufwarten können, ist die Mikropille Valette®. Erste Ergebnisse einer prospektiven Studie lassen erkennen, dass jede zweite Frau bereits innerhalb von drei Zyklen nach Absetzen der Mikropille schwanger wurde und dass nur ein relativ kleiner Teil der untersuchten Frauen dazu sechs oder mehr Zyklen benötigte. Nach einjähriger Beobachtung waren 95 Prozent der beobachteten Frauen schwanger. Im Vergleich: Frauen, die nicht verhüten, brauchen im Mittel vier Zyklen, um schwanger zu werden. ValetteÒ erfüllt also die wichtigste Voraussetzung für eine (durchgehende) Kontrazeption: Die Verhütung muss voll reversibel sein.

Wie man die Menstruation kurzfristig verschiebt

Immer wieder gibt es Situationen wie Urlaub oder Examensprüfungen, in denen sich Frauen wünschen, die Regelblutung verschieben zu können. Am unkompliziertesten geht das mit einem Einphasenpräparat. Die Einnahme der Pille wird mit der nächsten Packung ohne Pause fortgesetzt, so dass die Entzungsblutung ausbleibt. Kommen Sequenz- oder Zwei- und Dreistufenpräparate zum Einsatz, ist folgendes zu beachten: Die Einnahme muss mit der letzten Phase beziehungsweise Stufe der neuen Packung, also mit Dragees der gleichen Zusammensetzung, fortgesetzt werden. Würde man das einnahmefreie Intervall mit der ersten, niedrig dosierten Phase der neuen Packung überbrücken, wären Durchbruch- oder Schmierblutungen die Folge.

Bei diesem Langzyklus-Schema nimmt man ein Einphasenpräparat über neun bis zwölf Wochen ohne Pause ein, riet Kuhl. Es sollte dann ein hormonfreies Intervall von sieben Tagen folgen, in dem es meist zu einer Entzugsblutung kommt. Kuhl: "Unter dem Langzyklus-Schema treten Zwischenblutungen häufiger auf als bei der üblichen zyklischen Einnahme, gehen aber mit der Dauer der Anwendung längerfristig zurück." Viele Anwenderinnen akzeptieren die Zwischenblutungen in diesen langen Zyklen. In einer Untersuchung erklärten 63 Prozent der Frauen, dass sie das Langzeit-Schema fortsetzen würden, während 26 Prozent die konventionelle Einnahme bevorzugen.

Orale Kontrazeptiva dauerhaft eingenommen

Für Frauen, für die die allmonatliche Menses lästig ist oder die während der ersten Einnahmetage gar an Beschwerden oder Schmerzen leiden, ist die langfristige, kontinuierliche Einnahme eines niedrig dosierten, monophasischen Kombinationspräparates eine gute Lösung. Zwar kommt es in den ersten Monaten bei etwa 25 Prozent der Frauen zu Durchbruchblutungen, nach einem Jahr ist diese Rate jedoch auf weniger als fünf Prozent gesunken.

Wie sieht es mit Langzeiteffekten der Daueranwendung aus? Kuhl: "Auch langfristig ist nicht mit ungünstigen Auswirkungen auf die Gesundheit oder die Fertilität zu rechnen." Insgesamt unterscheiden sich die Veränderungen beim Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel, die der Hämostase und vielen anderen klinisch-chemischen Parametern nicht von denen einer Behandlung nach üblichem Einnahmemodus. Und obwohl das Ovar massiv supprimmiert wird, besteht kein Estrogenmangel, da die permanente Zufuhr von Ethinylestradiol oder Mestranol den Ausfall des endogenen Estradiols kompensiert.

Einen besonderen Vorteil der durchgängigen Kontrazeption sieht Kuhl darin, mit Hilfe der Pille zyklusabhängige Beschwerden und Erkrankungen zu bessern oder zu verhindern, die mit den starken Schwankungen der ovariellen Hormone während eines Zyklus verbunden sind. Diese Symptome können bei entsprechend disponierten Frauen auch unter der Behandlung mit Ovulationshemmern auftreten, zum Beispiel an den Tagen vor den Tagen. Dann besteht die Möglichkeit, durch Auslassen des hormonfreien Intervalls einen gleichmäßigen Estrogen-Gestagen-Einfluss auf den Organismus zu erzielen. Für die zyklusabhängige Migräne, das Prämenstruelle Syndrom, perimenstruelle Rücken- und Unterleibsschmerzen sowie Endometriose bedingte Beschwerden seien positive Effekte dokumentiert. Zudem dürfte die Compliance bei dauerhafter Einnahme eine bessere sein. 

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