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Bluttests sollen Diät erleichtern

17.06.2002  00:00 Uhr

Bluttests sollen Diät erleichtern

von Wolfgang Kappler, Homburg/Saar

In Deutschland sind seit einiger Zeit Bluttests auf dem Markt, die nach Nahrungsmittelunverträglichkeiten fahnden. Ein Verzicht auf die entsprechenden Lebensmittel soll das Abnehmen erleichtern. Wissenschaftler halten diese Aussage allerdings für unseriös.

Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln stehen in Verdacht, Neurodermitis, Rheuma, Asthma oder Migräne auslösen zu können. Inzwischen gibt es Bluttests, die die fraglichen Nahrungsmittelbestandteile identifizieren. Um die Symptome zu verbessern, verzichten einige Patienten auf die verdächtigen Lebensmittel. Da sie dabei zum Teil Gewicht verlieren, sind einige Mediziner inzwischen überzeugt, dass Unverträglichkeiten zu Übergewicht führen können. Diese Ansicht ist allerdings umstritten. Forscher halten die Behauptung für unseriös. Bluttest-Anbieter die damit werben, weckten falsche Hoffnungen.

So führen die Kritiker an, dass die Gründe für Übergewicht sehr verschieden sind: Sie reichen von genetischen, krankheits-, ernährungs- und umweltbedingten Ursachen bis hin zu einem fragwürdigen Lebensstil. Nahrungsmittelunverträglichkeiten kämen daher nur in geringem Umfang in Betracht. Bewusst sprechen die Kritiker nicht von Allergien, sondern von Unverträglichkeiten. Denn während Allergien vom Immunsystem vorwiegend von Antikörpern des Typs Immunglobulin E (IgE) vermittelt werden, sind die Ursachen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten noch nicht geklärt. Eventuell könnten Immunglobuline G (IgG) eine Rolle spielen.

Die Bluttests weisen nach, wie stark das Immunsystem auf Lebensmittelbestandteile reagiert. Die Tests beruhen auf folgenden Annahmen: Wird die Darmschleimhaut auf Grund genetisch-, ernährungs- oder umweltbedingter Einflüsse durchlässig, können Nahrungsbestandteile ins Blut übergehen. Das Immunsystem erkennt diese Antigene als fremd und bildet IgG, die sich an den "Feind" heften und ihn so für Neutrophile kenntlich machen. Die weißen Blutkörperchen nehmen den Antigen-Antikörper-Komplex auf und verdauen ihn. Wird dauerhaft "falsche" Nahrung zugeführt, können die Komplexe nicht mehr abgebaut werden. Stattdessen lagern sie sich im Körper ein und führen zu Wasser- und Fettansammlungen, so die These. Zusätzlich entstehen Entzündungen. Mit dem Wirken der Neutrophilen wird auch der Botenstoff Tumornekrosefaktor-a (TNF-a) freigesetzt, der den Fettstoffwechsel stört, indem er die Hormone Insulin und Leptin blockiert. Hierdurch soll es zu Übergewicht kommen.

Die zum Abnehmen angebotenen Tests messen die im Blutserum vorhandenen Mengen an IgG. Auf die Lebensmittel, gegen die die meisten Antikörper gebildet werden, sollte dann verzichtet werden. "In Folge der verzögerten Allergie wird die Insulinverwertung blockiert.", erklärt der Hamburger Mediziner Dr. Hasso Thalmann. "Zucker wird nicht mehr als Energielieferant verbrannt, sondern in Fett umgewandelt und eingelagert."

Unplausible Thesen

Solchen Thesen kann der Jenaer Professor für Neuroanatomie, Gustav Jirikowski, nicht zustimmen. Er befasst sich ausgiebig mit den Immunreaktionen eines porösen Darmes und betont: "Bis heute ist ein Zusammenhang zwischen IgG und Fettstoffwechsel nicht erwiesen." Allenfalls eine ist für ihn plausibel: "Da die Antigen-Antikörper-Komplexe wasseranziehend sind, wird Wasser eingelagert und mit Fett ummantelt. Übergewicht deshalb aber als Allergie zu bezeichnen ist unseriös." Wenn überhaupt helfe ein solcher Test nur bei wenigen Formen von Übergewicht.

Kritiker der IgG-Tests führen an, dass ein poröser Darm auch verträgliche Nahrungsmittel durchlässt, der IgG-Wert also keine Aussage zulasse. "Die Methode ist höchst umstritten, die diagnostische Wertigkeit zweifelhaft", meint Professor Dr. Stephan Bischoff, Gastroenterologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Solange keine eindeutigen Ergebnisse vorliegen, verunsichern solche Tests nur." Statt um Pfunde würden Betroffene um ihr Geld gebracht. Die IgG-Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten kosten zwischen 260 und 455 Euro. Die Kosten werden in der Regel nicht von den Kassen übernommen. Top

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