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Reisen mit Kindern

13.06.2005
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Reisen mit Kindern

von Christina Hohmann, Wiesbaden

Urlaub mit kleinen Kindern ist eine wertvolle Erfahrung für die gesamte Familie, doch er birgt auch gesundheitliche Gefahren und Unsicherheiten. Daher sind junge Familien äußerst dankbar für eine kompetente Beratung in der Apotheke.

Kinder reagieren sehr sensibel auf Klima- und Zeitveränderungen sowie auf Sonneneinstrahlung. Zudem sind sie besonders anfällig für Infektionskrankheiten, da sie noch keinen Sinn für Hygiene haben und viele Dinge in den Mund stecken. Aber Kinder infizieren sich nicht nur leicht, bei ihnen verlaufen viele Erkrankungen auch schwerer als bei Erwachsenen: So kann bei einem einfachen Durchfall eine Dehydratation bleibende Schäden hinterlassen.

Gerade wegen dieser Anfälligkeit ist es besonders wichtig, rechtzeitig (etwa sechs bis acht Wochen vor Abreise) an ausstehende Impfungen zu denken, um eventuelle Lücken noch schließen zu können. Jedes Kind sollte grundsätzlich den von der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Berlin empfohlenen altersgemäßen Impfstatus aufweisen.

Schutz vor Malaria

Zusätzlich zu den Standardvakzinen (gegen Diphtherie, Pertussis, Tetanus, Haemophilus influenzae Typ b, Hepatitis B, Poliomyelitis, Masern, Mumps, Röteln sowie Windpocken) können je nach Reiseland auch weitere Impfungen nötig sein, wie zum Beispiel gegen Cholera oder Gelbfieber. Für diese Vakzine gelten spezielle Altersbeschränkungen (siehe Tabelle 1).

 

Tabelle 1: Mindestalter bei Impfungen (nach den Empfehlungen der DTG)

ImpfstoffMindestalter bei Impfung Gelbfieber 6 Monate Influenza 6 Monate Meningokokken-Meningitis 6 Monate Masern 9 Monate FSME 1 Jahr Japanische Enzephalitis 1 Jahr Hepatitis A 1 Jahr Typhus (oral) 1 Jahr Typhus (parenteral) 2 Jahre Pneumokokken (Polysaccharid) 2 Jahre Cholera 2 Jahre

 

Durch eine Infektionskrankheit, gegen die es bis heute keine Impfung gibt, sind Kleinkinder und Säuglinge besonders gefährdet: Malaria verläuft bei ihnen oft schwer, mitunter sogar tödlich. Jedes Jahr sterben laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 1,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Malaria. Deshalb wird von Reisen mit Kindern dieses Alters in Risikogebiete, vor allem in Resistenzregionen, dringend abgeraten.

Wenn sich eine Reise aber nicht vermeiden lässt, ist eine Malariaprophylaxe erforderlich. Diese besteht in erster Linie in einem konsequenten Mückenschutz. Kinder sollten ausschließlich unter einem Moskitonetz schlafen und spielen sowie in der Dämmerung lange Kleidung, Strümpfe und geschlossene Schuhe tragen. Auch Repellents schützen nachweislich vor Stichen. Doch diese sollten bei Kindern unter zwei Jahren nicht angewendet werden, auch wenn bislang keine gesundheitlichen Risiken bekannt sind.

Bei Reisen in Endemiegebiete ist zusätzlich noch eine chemische Prophylaxe notwendig. Auch gestillte Kinder sollten eine Prophylaxe erhalten, da der mit der Muttermilch aufgenommene Wirkstoff keinen ausreichenden Schutz bietet. Für Säuglinge eignen sich Chloroquin und Proguanil. Den Wirkstoff Mefloquin dürfen Kinder erst ab einem Körpergewicht von 5 kg und einem Alter von drei Monaten erhalten, die Kombination aus Atovaquon und Proguanil erst ab 11 kg Gewicht. Da Doxycyclin die Zahnreifung und Knochenbildung beeinflussen kann, darf es nicht bei Kindern unter acht Jahren eingesetzt werden. Alle Medikamente außer den Doxycyclin-Präparaten können gemörsert und mit Brei, Milch oder Marmelade vermischt werden. Die Dosierung orientiert sich streng am Körpergewicht (siehe Tabelle 2). Die Prophylaxeempfehlungen je nach Reiseland sowie Tabellen für die notfallmäßige Selbstbehandlung sind auf den Internet-Seiten der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) zu finden (www.dtg.mwn.de/malaria/kinder.htm).

 

Tabelle 2: Regeldosierung zur Malariaprophylaxe (nach DTG)

Wirkstoff Dosierung Anwendung ab Chloroquin-Base 5 mg/kg/Woche Geburt Proguanil 3 mg/kg/Tag Geburt Mefloquin 5 mg/kg/Woche 5 kg, 3. Lebensmonat Atovaquon/Proguanil 1-3 Junior-Tabletten (62,5 mg/25 mg) 11 kg Doxycyclin 2 mg/kg/Tag 8 Jahren

 

Fiebernde Kinder sollten sofort ärztlich untersucht werden. Ist ein Arzt in 24 Stunden nicht erreichbar, sollten die Eltern mit einer Selbsttherapie beginnen. Hierfür eignen sich Mefloquin (Lariam®), die Kombinationen Atovaquon/Proguanil (Malarone®) sowie Artemether/Lumefantrin (Riamet®), die allerdings erst ab zwölf Jahren zugelassen ist. Die Selbsttherapie ersetzt die medizinische Untersuchung jedoch nicht. Ein Arzt ist auf jeden Fall aufzusuchen.

Im Flugzeug

Schon Neugeborene können heute auf Flugreisen gehen. Laut den amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ist Fliegen für alle gesunden Säuglinge ungefährlich. Nur bei chronisch kranken und Kindern mit akuten Atemwegsbeschwerden können Probleme auftreten. Daher ist in diesen Fällen vor Abflug ein Arzt zu konsultieren.

Im Flugzeug können beim Start- und Landevorgang wegen der starken Druckveränderung Ohrenschmerzen auftreten. Um den Druckausgleich zu erleichtern, sollten Eltern Säuglinge in diesen Phasen an der Flasche trinken lassen oder stillen. Bei ältern Kindern ist Gähnen oder Kaugummikauen hilfreich. Generell sollten Kinder, wie auch Erwachsene, im Flugzeug viel trinken, da die Luft sehr trocken ist.

Auch bei Kindern verändern Reisen in andere Zeitzonen den Schlaf-Wach-Rhythmus und führen zum so genannten Jetlag. Um die Anpassung zu erleichtern, können Eltern ihr Kind bereits zwei oder drei Tage vor Abreise an den neuen Rhythmus gewöhnen, raten die CDC. Außerdem sollten Kinder bei Ankunft viel im Freien spielen, da Licht die Bildung des Hormons Melatonin unterdrückt, das dem Körper Müdigkeit signalisiert.

Geeigneter Sonnenschutz

Zum Spielen im Freien müssen die meisten Kinder im Urlaub nicht erst ermuntert werden, denn es locken Strand, Meer oder der Pool. Doch zu viel Sonne ist für die zarte Kinderhaut sehr ungesund. Sie hat nur einen Eigenschutz von etwa sieben Minuten. Erst nach der Pubertät bildet die Haut genügend Melanin, das die Zellen vor Erbgutveränderungen schützt. Sonnenstrahlung und vor allem Sonnenbrände im Alter unter 15 Jahren können zu Melanomen und anderen Arten von Hautkrebs führen. Kinder unter zwölf Monaten sollten nie der direkten Sonne ausgesetzt sein und sich ausschließlich im Schatten aufhalten. Außerdem ist sonnengerechte Kleidung Pflicht, also eine Kappe, ein nicht zu enges T-Shirt, weite Hosen und geschlossene Schuhe.

Daneben ist ein kindergerechtes Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor notwendig. Hierbei ist zu beachten, dass sich der Lichtschutzfaktor nur auf UV-B-Strahlung bezieht. Die Sonnencreme sollte aber auch vor UV-A schützen und den Australischen Standard erfüllen. Diese Sonnenschutzmittel blocken dann etwa 90 Prozent der UV-A-Strahlung ab.

Für Kleinkinder sind vor allem Präparate mit mineralischen Filtern (Titanoxid oder Zinkoxid) geeignet, die kürzlich auch von der Zeitschrift »Öko-Test« gute Noten erhielten. Die fünf besten aus 30 getesteten Sonnenschutzmitteln enthielten alle mineralische Filter. Diese Produkte haben zudem den Vorteil, dass sie sofort wirken, während Sonnencremes mit chemischen Filtern eine halbe Stunde vor dem Sonnen aufzutragen sind. Bei kleinen Kindern ist ferner darauf zu achten, dass die Präparate keine Konservierungs-, Parfüm- oder Farbstoffe enthalten.

Die CDC weisen darauf hin, dass sich der Lichtschutzfaktor von Sonnencremes um ein Drittel verringert, wenn sie zusammen mit Repellents aufgetragen werden. Dabei gilt: Erst Sonnencreme, dann Insektenschutz, um den abwehrenden Duft möglichst wenig zu mildern.

Die Reiseapotheke

Neben einem geeigneten Sonnenschutzmittel gehört auch noch eine auf das Alter des Kindes abgestimmte Reiseapotheke ins Gepäck. Diese sollte zumindest für eine einfache Erstversorgung ausgestattet sein und neben der Dauermedikation des Kindes und einem Fieberthermometer, ein Präparat gegen Fieber und Schmerzen, gegen Durchfall, Verstopfung und eines gegen Säuglingskoliken enthalten. Daneben gehören Hustensaft, Ohren-, Nasen- und Augentropfen sowie Verbandszeug und Desinfektionsmittel in eine Reiseapotheke. Wichtig bei Reisen in Länder mit niedrigen Hygienestandards sind Mittel zur oralen Rehydratation (wie Elotrans® neu, Oralpädon®, Milupa GES 60). Diese helfen Kleinkindern und Säuglingen bei schwerer Diarrhö, im Gegensatz zu den immer noch angewandten Praktiken wie das Verabreichen von Tee, Cola und Salzstangen. Zum Thema Diarrhö sollten Eltern wissen, dass Loperamid erst ab zwei Jahren zugelassen ist. Jüngeren Patienten (ab drei Monaten) kann seit vergangenem Jahr jedoch mit dem Enkephalinase-Hemmstoff Racecadotril (Tiorfan®) geholfen werden (siehe auch PZ 36/04). Bei Verstopfung dagegen kann Milchzucker helfen ­ etwa in Joghurt eingerührt ­, Apfelsaft oder Haferflocken in Milch. Generell sollten Kinder dann viel trinken und reichlich Ballaststoffe (in Obst, Gemüse und Vollkornprodukten) aufnehmen.

Gerade bei Kleinkindern und Säuglingen sind die für Erwachsene geltenden Hygienevorschriften auf Reisen besonders zu beachten, um Magen-Darm-Infekte zu vermeiden. Hilfreich sind auch für Kinder geeignete Handreinigungstücher für unterwegs. Um Kinder vor Infektionskrankheiten zu bewahren, sollten Eltern sie auch nicht in stehenden Gewässern baden lassen, da diese meist viele Erreger enthalten. Auch Barfußlaufen kann den Parasitenbefall (zum Beispiel mit Hakenwürmern) begünstigen. Top

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