Pharmazeutische Zeitung online

Ventile gegen nachlassende Hirnleistung

09.06.2003  00:00 Uhr

Ventile gegen nachlassende Hirnleistung

von Wolfgang Kappler, Saarbrücken

Hinter einer Demenz können nicht nur Alterungsprozesse oder Morbus Alzheimer, sondern auch ein Hydrozephalus stecken. Weil diese Erkrankung recht gut zu therapieren ist, könne vielen Demenzkranken heute geholfen werden, so die Botschaft, die von der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie ausging.

Als Annika Kau vor drei Jahren ihr Medizinstudium begann, merkte sie bald, dass sie zum Lernen mehr Zeit benötigte als ihre Mitstudenten. Immer wieder musste sie die gleichen Texte lesen, ohne dass ihr Gehirn die Inhalte abspeicherte. Das sei völlig normal wegen der Anpassung an die neue Lebenssituation, wurde sie getröstet. Doch dann stellten sich Kopfschmerzen ein, die bald chronisch und unerträglich wurden. Schmerzmittel waren ihr ständiger Begleiter, ebenso die plagenden Konzentrationsstörungen. Als die Studentin dann auch noch eine zunehmende Sehschwäche bemerkte, wandte sie sich an die neurologische Abteilung des Universitätsklinikums Homburg/Saar. Die Computertomographie zeigte, dass die rechte Hirnkammer erweitert war.

Neurochirurgen führten eine Sonde in die Kammer, ermittelten über 72 Stunden das Druckverhalten und bestätigten die Diagnose Hydrozephalus. Bei dieser Erkrankung sammelt sich vermehrt Liquor im Gehirn an, der Hirndruck steigt und schädigt das Organ sowie die Sehnerven. Ein neurochirurgisches Team um Professor Dr. Wolf-Ingo Steudel versorgte die heute 22-Jährige mit einem so genannten Shunt-System. Dabei handelt es sich um ein unter der Kopfhaut implantiertes Ventil, das überschüssiges Hirnwasser über einen Schlauch in die Bauchhöhle abfließen lässt, wo es abgebaut wird. „Seitdem fühle ich mich wie neugeboren“, freut sich Kau über die wiedergewonnene Lebensqualität.

Ihr Schicksal bestätigt, dass ein Hydrozephalus in jedem Alter auftreten kann. Manchmal ist er angeboren, manchmal Folge einer Hirnhautentzündung oder Hirnblutung, meist jedoch bleibt die Ursache trotz aller Bemühungen im Verborgenen. Als „Normaldruck-Hydrozephalus“ bezeichnen Ärzte oft auch den gestörten Liquorfluss bei älteren Menschen. „Dieser Begriff ist aber irreführend, weil wir heute wissen, dass diese Menschen besonders nachts Hirndruckanstiege aufweisen“, sagte Steudel, Präsident der Saarbrücker Experten-Tagung. Nur selten klagten solche Patienten über Kopfschmerzen. Dagegen sehe man bei ihnen häufig eine Gangunsicherheit, Inkontinenz, Sehstörungen und Demenz. Würden sie beim ersten Auftreten einer Gangstörung behandelt, könne ihnen das Schicksal einer Demenz erspart bleiben, so heute die einhellige Meinung der Neurochirurgen.

Gute Therapieergebnisse mit Shunts

Zwei Behandlungsmethoden stehen derzeit gleichberechtigt nebeneinander: die endoskopische Verkleinerung der betroffenen Hirnkammer und der Einbau eines Shunts. Beim Shunt wird zwischen programmierbaren und Schwerkraft-geregelten Systemen unterschieden. „Bei beiden liegt die Komplikationsrate zwischen 10 und 15 Prozent“, sagte Professor Dr. Jürgen Meixensberger von der Universität Leipzig. Er hat mit einer Studie an 450 Patienten aus 20 Zentren herausgearbeitet, welches Ableitungssystem für wen hinsichtlich möglicher Komplikationen das geeignetere ist. Mit einer Folgestudie will er nun untersuchen, welcher Shunt für die Patienten insgesamt die meisten Vorteile bringt. Doch bereits jetzt stellte er fest: „Mit einem Shunt lässt sich bei 90 Prozent der Patienten die Hirnleistung normalisieren.“

Die neuen Erkenntnisse zum altersbedingten Normaldruck-Hydrozephalus haben die Frage aufgeworfen, ob auch andere Demenzformen mit einem Shunt behandelbar sind. Steudel: „Es gibt Hinweise darauf, dass sich aus bislang ungeklärten Gründen im Gehirn von Alzheimer-Patienten bestimmte Eiweiße ansammeln und zum Fortschreiten der Krankheit beitragen.“ Erste Erfahrungen zeigen, dass durch die Implantation eines Ventilsystems die Konzentration dieser Proteine deutlich reduziert wird und dass sich parallel dazu das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung stoppen oder zumindest verlangsamen lässt. „Sollten sich die erst an einer kleinen Patientenzahl erhobenen Befunde bestätigen, würden völlig neue Therapien der Demenz möglich“, folgert Steudel.

In Deutschland ist jeder zehnte Mensch zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr in unterschiedlichem Ausmaß von Demenz betroffen, wobei jede zehnte Demenz auf einen Hydrozephalus zurückgeht. Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa