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Bürgerkriege machen es den Parasiten leicht

11.06.2001
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SCHLAFKRANKHEIT

Bürgerkriege machen es den Parasiten leicht

von Ulrike Wagner, Innsbruck

Der Name Schlafkrankheit klingt harmlos, und sie hatte auch schon fast ihren Schrecken verloren. In der Kolonialzeit war die Parasitose in Zentralafrika ein großes Problem. Anhand einfacher Methoden hatte man die humanpathogenen Trypanosomen jedoch bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts fast ausgerottet. Mit den Bürgerkriegen tauchte auch die Schlafkrankheit wieder auf. Zurzeit erkranken jährlich zwischen 100. 000 und 300. 000 Menschen, erklärte Jacques Pépin von der University of Sherbrooke, Kanada.

Meist wird die Krankheit weder diagnostiziert noch behandelt. 60. 000 Patienten sterben nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) pro Jahr. Überträger der Trypanosomen ist die tagaktive Tsetse-Fliege.

In die deutschen Medien gelangte die Schlafkrankheit, weil in den letzten zwölf Monaten mindestens neun Reisende, die für kurze Zeit den Serengeti-Nationalpark in Tansania besucht hatten, an der Parasitose erkrankten. Diese Häufung ist sehr ungewöhnlich. Die Zahlen seien zwar nicht groß, zeigten aber, dass die Situation sich zumindest in diesem Gebiet verändert, sagte Pépin. Über die Ursachen wird noch gerätselt. Die Vermutungen gehen von einem geänderten Verhalten der Touristen, über einen Zuwachs der Antilopenpopulation, die den Trypansomen als Erregerreservoir dient, bis hin zum Einwandern von Flüchtlingen, die aus Endemiegebieten kommen.

Bislang niedrige Inzidenz

Zwei verschiedene Erreger können die Schlafkrankheit verursachen: die im Osten verbreitete Art Trypanosoma brucei gambiense und im Westen Trypanosoma brucei rhodesiense. Alle Touristen waren an einer Infektion mit Trypanosoma brucei rhodesiense erkrankt. Die Inzidenz der von dieser Parasitenart hervorgerufenen Erkrankung war bislang niedrig und stabil, ein paar Tausend Menschen pro Jahr erkrankten. Der Parasit wird nur sporadisch von Wild- und Haustieren auf den Menschen übertragen und nur selten von Mensch zu Mensch.

Die Infektion dauert im Vergleich zu der im Westen vorkommenden Art wesentlich kürzer. Die anfänglichen Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Juckreiz und Verwirrung sind unspezifisch und könnten auch als Malaria fehlgedeutet werden.

Trypanosoma brucei gambiense ist für die afrikanische Bevölkerung die größere Bedrohung. Auch sie tritt regional gehäuft auf, jedoch in Gebieten, in die sich Touristen praktisch nie verirren. Hierzulande sehen Ärzte die Erkrankung nur bei Flüchtlingen aus diesen Regionen.

In Uganda verläuft die Grenze

Am stärksten betroffen sind Menschen in der Demokratischen Republik Kongo. Aber auch in Angola, dem Sudan und Uganda treten die Infektionen auf. Die beiden Arten kommen nicht in denselben Gebieten vor, quer durch Uganda verläuft eine Trennlinie. Westlich davon trifft man fast ausschließlich Trypanosoma brucei gambiense an, östlich Trypanosoma brucei rhodesiense. Die Infektion mit beiden Arten verläuft in zwei Stadien, der Übergang ins zweite Stadium ist charakterisiert vom Befall des zentralen Nervensystems.

Mit Trypanosoma brucei gambiense kann man im Gegensatz zu der im Osten vorkommenden Art jahrelang infiziert sein, ohne dass die Krankheit ausbricht. Das Reservoir für den Erreger sind vor allem Menschen. In der frühen Phase treten unspezifische Symptome wie häufig wiederkehrendes Fieber auf, oft über mehrere Monate. Im zweiten Stadium, das bei Trypanosoma brucei gambiense bis zu zwei Jahren nach der Infektion einsetzen kann, leiden die Patienten an chronischen Kopfschmerzen, epileptiformen Krämpfen, Somnolenz, Verhaltensänderungen, Apathie bis hin zum Koma.

Viele sterben an der Therapie

Zur Therapie des ersten Stadiums werden Suramin und Pentamidin eingesetzt, letzteres nur bei einer Infektion mit Trypanosoma brucei gambiense. Da diese Präparate nicht in die Cerebrospinalflüssigkeit gelangen, muss im zweiten Stadium der Erkrankung die toxische Arsenverbindung Melarsoprol verabreicht werden. Allein dadurch sterben jährlich fast 1000 Menschen an einer von Arsen ausgelösten Enzephalopathie. Zur Behandlung von Infektionen mit Trypanosoma brucei gambiense steht dank eines Abkommens zwischen Aventis und der WHO inzwischen wieder ausreichend Eflornithin zur Verfügung, ein Medikament, das mit geringeren Nebenwirkungen Heilungsraten von mehr als 95 Prozent erreicht.

Schützen kann man sich vor der Erkrankung, indem man vor den Stichen der Tsetse-Fliegen auf der Hut ist: Haut mit Kleidung abdecken, unbedeckte Haut mit Repellentien behandeln, Innenraum von Autos nach Tsetse-Fliegen absuchen und mit Insektiziden aussprühen.

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