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Koreanische Forscher machen Dampf

30.05.2005
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Stammzellforschung

Koreanische Forscher machen Dampf

von Ulrike Wagner, Sydney

»Erstmals menschliche Embryos in Europa geklont!« Mit dieser Meldung sorgten Forscher aus Großbritannien kürzlich für Furore. An wissenschaftlichen Maßstäben gemessen, verblassen ihre Ergebnisse jedoch vor den spektakulären Erfolgen eines südkoreanischen Teams.

Was die britische Universität Newcastle upon Tyne Mitte Mai in einer Pressemitteilung als »Durchbruch in der Stammzellforschung« anpries, war vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen keine echte Neuigkeit. Aber vielleicht bezog sich die Hochschule mit ihrer Überschrift ja auf die Ergebnisse des Forscherteams aus Südkorea, die in der Pressemitteilung in einem Nebensatz erwähnt wurden. Denn die Koreaner sind den Briten mit Siebenmeilenstiefeln vorangeeilt, und ihre im Wissenschaftsmagazin »Science« veröffentlichten Erfolge beim therapeutischen Klonen gelten auch in Fachkreisen als sensationell.

Die Resultate der britischen Forscher sorgten vor allem deshalb für Aufregung, weil in den Labors in Newcastle zum ersten Mal in Europa menschliche Embryos nicht aus Ei- und Samenzelle entstanden. Und die Embryonen wurden auch nicht mit dem Ziel hergestellt, sie in die Gebärmutter einer Frau zu verpflanzen, sondern ausschließlich zu Forschungszwecken.

Fusion von Ei- und Stammzelle

Der serbische Forscher Miodrag Stojkovic und sein Team waren nach der Methode vorgegangen, die 1996 zum Klonschaf Dolly geführt hatte. Sie entkernten menschliche Eizellen und fusionierten sie mit humanen embryonalen Stammzellen. In vier Fällen gelang das Experiment. Die Zellen begannen sich zu teilen, drei der Embryos lebten drei Tage lang in der Petrischale, einer schaffte es fünf Tage. Menschliche Embryos auf diese Weise zu klonen, war zuvor jedoch schon anderen Forschern gelungen.

Rein theoretisch könnte aus diesen geklonten Embryos ein Mensch mit exakt denselben Erbeigenschaften wie die der embryonalen Stammzellen entstehen - vorausgesetzt sie würden in die Gebärmutter einer Frau implantiert. Wiederholt man das Experiment oft genug, entstünde eine ganze Armee genetisch identischer Menschen. Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« scheint in greifbare Nähe gerückt. Von solch düsteren Visionen distanzieren sich die Wissenschaftler jedoch deutlich. Man wolle keine Menschen klonen, versicherte Stojkovic in den Medien. Reproduktives Klonen mit einem Baby als Ziel ist auch in Großbritannien verboten.

Aber selbst die Experimente in Großbritannien wären in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Europas nicht erlaubt. Denn nach Ansicht von Kritikern handelt es sich bei Embryonen bereits um schützenswertes menschliches Leben. Es sei unethisch, sie nur zum Nutzen anderer Menschen zu erzeugen, um sie dann zu zerstören.

Dass nicht alle Menschen diese ethischen Grundsätze vertreten, zeigen immer wieder die Raëlianer. Ein erklärtes Ziel dieser Sekte ist es, so viele geklonte Babys wie möglich in die Welt zu setzen. Bislang scheint es ihnen zwar nicht gelungen, Kritiker der Technologie wird dies jedoch kaum beruhigen.

Embryos aus Hautzellen

Die Befürworter der so genannten verbrauchenden Embryonenforschung versprechen sich davon in Zukunft die Möglichkeit, Patienten mit unheilbaren Krankheiten zu helfen. Immer dann, wenn die Ursache einer Erkrankung im Versagen eines einzelnen Zelltyps zu suchen ist, könnte therapeutisches Klonen eingesetzt werden, hoffen viele Wissenschaftler. Zu den Krankheiten im Visier der Forscher zählen Morbus Parkinson, Rückenmarksverletzungen, Typ-1-Diabetes und einige genetisch bedingte Leiden. Embryonale Stammzellen sollen hier Abhilfe schaffen und beschädigtes Gewebe ersetzen. Denn diese Vorläuferzellen teilen sich im Labor unbegrenzt und können verschiedene Zelltypen ausbilden.

Damit das Immunsystem des betroffenen Patienten diese Zellen nicht abstößt, ist das Ziel des therapeutischen Klonens, embryonale Stammzellen mit Hilfe von Körperzellen des Erkrankten herzustellen. Genau das ist dem Forscherteam um den Veterinärmediziner Woo Suk Hwang und dem Gynäkologen Shin Yong Moon von der Seouler Nationaluniversität jetzt gelungen. Den britischen Wissenschaftlern sind sie damit um mehr als eine Nasenlänge voraus.

Die Koreaner verwendeten menschliche Eizellen, entfernten deren Kern und fusionierten sie mit einer Hautzelle eines Patienten. Daraus entstanden wie im britischen Experiment Embryonen, die in ihren Erbanlagen mit denen der Spender übereinstimmten. Allerdings hatten die Briten anstatt der Hautzellen embryonale Stammzellen verwendet. Diese sind wesentlich weniger differenziert als die Zellen der Haut. Dass daraus ein Embryo entstehen kann, hatte kaum jemand bezweifelt. Ob ein solches Experiment jedoch auch mit ausdifferenzierten Zellen wie denen der Haut gelingen könnte, war bislang unklar. Aber nicht nur dies haben die Koreaner geschafft, sie stellten aus den Zellen der menschlichen Embryonen sogar Stammzelllinien her, die unendlich lange Nachschub für defekte Zellen der Patienten liefern könnten, sollten sie jemals eingesetzt werden.

 

Umstrittene Eizellspenden Ihren Erfolg erklären sich die Koreaner vor allem damit, dass sie die Eizellen junger Frauen verwendeten. Diese hatten die Zellen ausschließlich zu Forschungszwecken gespendet. Die englischen Forscher mussten sich hingegen auf Eizellen beschränken, die bei In-vitro-Fertilisationen als überzählig abfielen. Die Spenderinnen sind daher in der Regel älter und die Zellen nicht frisch. Künftig könnten die Wissenschaftler aber etwa Eizellen von Frauen verwenden, die sich sterilisieren lassen, informierte eine Sprecherin der HFEA (Human Fertilization and Embryology Authority) auf Anfrage der PZ. Bei der britischen Regulationsbehörde, die den Umgang mit menschlichen Keimzellen und Embryonen in der Forschung kontrolliert, müssen die Forscher allerdings jeden Versuch genehmigen lassen. Eizellspenden gegen Geld sind in Großbritannien nicht erlaubt. Die Spenderinnen sollen lediglich Aufwandsentschädigungen erhalten.
Zwar besteht auch Hwangs Team darauf, dass die Eizellspenderinnen kein Geld erhalten haben. Ihnen war die Erstattung der Reisekosten angeboten worden, aber keine der jungen Frauen hatte einen Anspruch darauf erhoben. Nach Angaben der Forscher haben sie sich ausschließlich aus Begeisterung für die Biotechnologie der Prozedur unterzogen.
Die Stimulation der Eierstöcke ist aber nicht ganz ungefährlich. Die Hormone, die dabei die zusätzliche Reifung mehrerer Eizellen anregen sollen, können Erbrechen, Kopfschmerzen, Stimmungswechsel und Hitzewallungen hervorrufen. Bis zu 10 Prozent der behandelten Frauen entwickeln ein Hyperstimulations-Syndrom. Dies kann zu Schmerzen, gelegentlich zu Nierenversagen und sogar zum Tod führen, informieren kalifornische Wissenschaftler vom Stanford Center for Biomedical Ethics und dem Department of Pediatrics an der Stanford-Universität, Palo Alto, in Science. Gesunde junge Frauen ausschließlich zu Forschungszwecken einer solchen Prozedur zu unterziehen, scheint zumindest fragwürdig.

 

Maßgeschneiderte Ersatzzellen

Dazu ließen die koreanischen Wissenschaftler die Embryonen zunächst sechs Tage lang wachsen, bevor sie sie zu Kulturen menschlicher Zellen gaben, die für die Ernährung der Embryonen vorgesehen waren. Überraschenderweise zerfiel dort die Zellorganisation der Embryonen ohne weiteres Zutun der Forscher. Spontan bildeten sich Kolonien embryonaler Stammzellen. Bei weiteren Tests stellte sich heraus, dass diese Stammzellen unter anderem Haut-, Muskel- und Knochenzellen bilden konnten. Die Zellen entsprachen in ihrer genetischen Ausstattung denen der Patienten, die die Hautzellen gespendet hatten. Auf ihrer Oberfläche wiesen die Wissenschaftler dieselben Gewebsantigene nach. Würde man diese Zellen den Patienten wieder einpflanzen, so käme es nicht zu einer immunologischen Abwehrreaktion, hoffen die Wissenschaftler. Für neun der elf Zelllinien verwendeten die Forscher Zellen von Patienten mit Rückenmarksverletzungen, die zehn bis 56 Jahre alt waren. Eine Zelllinie stammt von einem zweijährigen Jungen, der an einer genetisch bedingten Immunschwäche leidet, eine weitere von einer sechsjährigen Patientin mit Typ-1-Diabetes.

»Das ist ein Durchbruch, mit dem wir nicht innerhalb von Jahrzehnten gerechnet haben«, kommentierte der Entwicklungsbiologe Gerald Schatten von der Universität Pittsburgh, Pennsylvania, in Science. Bevor die Stammzellen jedoch zurück in Patienten implantiert werden können, »müssen wir mehr als überzeugt sein, dass die Zellen sicher sind«, so Hwang. Die Patienten waren zuvor darüber aufgeklärt worden, dass ihre Spende aller Voraussicht nach nicht zu ihrer Heilung beitragen wird. Denn auch die koreanischen Forscher gehen davon aus, dass es bis zur Anwendung am Menschen noch mehrere Jahre dauern wird.

Bei aller Begeisterung für die Biotechnologie: Auch viele Menschen in Südkorea haben ethische Bedenken. In Bürgerinitiativen setzen sie sich nach einem Bericht der »Zeit« seit Mitte der 1990er-Jahre gegen die verbrauchende Embryonenforschung ein. An der von der koreanischen Regierung ausgestellten Lizenz zum Klonen hat dies allerdings nichts geändert: Therapeutisches Klonen ist wie in England erlaubt, reproduktives Klonen verboten. Ähnlich wie in Großbritannien müssen Wissenschaftler, die mit Hilfe menschlicher Embryonen forschen wollen, diese Versuche beantragen und von einem Bioethikkomitee genehmigen lassen.

Das Vorpreschen der Koreaner hat auch in Deutschland die Ethik-Debatte neu entfacht - obwohl sich an den Fakten nichts geändert hat. Eine gewisse Torschlusspanik ist kaum von der Hand zu weisen. Länder wie Korea könnten Deutschland als Forschungsstandort den Rang ablaufen, fürchten viele Politiker. Derzeit ist in Deutschland nur die Forschung an importierten menschlichen embryonalen Stammzellen erlaubt, nicht jedoch die Herstellung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. Top

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