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Mundschleimhaut aus der Retorte

23.04.2001
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Mundschleimhaut aus der Retorte

von Elke Wolf, Rödermark

Was vor wenigen Jahren noch utopisch war, gibt heute vielen Patienten neue Hoffnung: Tissue Engineering heißt die revolutionäre Methode, um Gewebedefekte zu versorgen. Dem Patienten werden eigene, gesunde Zellen entnommen, im Labor durch natürliche Teilungsprozesse vermehrt und anschließend wieder eingepflanzt. Haut, Knochen- und Knorpelgewebe wurden bereits vereinzelt erfolgreich implantiert. Jetzt scheint Tissue Engineering auch für die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde interessant zu werden.

Bei Implantaten, Mund-Tumoren oder Parodontose muss mitunter Mundschleimhaut verpflanzt werden. Bislang wird sie mit einem speziellen Gerät, einem Mukotom, oder einem scharfen Skalpell von der Gaumeninnenseite entnommen. Der Eingriff kann sich als äußerst schmerzhaft entpuppen, wenn die erforderliche Menge und damit die Wundfläche sehr groß sind.

Eleganter ist es, eine winzige Probe Mundschleimhaut zu entnehmen und per Tissue Engineering zu vermehren. Nach der Kultivierung wird die gezüchtete Schleimhaut in beliebiger Größe mit einer resorbierbaren, also sich auflösenden Folie auf die betreffende Stelle gebracht. Der Körper stößt die eigenen Zellen nicht ab, erklärte Professor Dr. Rainer Schmelzeisen, Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Freiburg, während eines Pressegesprächs.

Für die Mundschleimhaut aus der Retorte sieht Schmelzeisen folgende Einsatzgebiete: Patienten mit Implantaten haben häufig in der Umgebung ihres Zahnersatzes eine zu bewegliche Schleimhaut. Die betroffene Stelle kann sich leicht entzünden, das Implantat lockern. Die substituierte Mundschleimhaut bringe einen besseren Halt der neuen Weichgewebe auf der darunter liegenden Knochenhaut und an den eingegliederten Implantaten, heißt es in der Presseinformation zur Veranstaltung.

Auch Tumor-Patienten können von der neuen Methode profitieren; bei ihnen müssen meist größere Schleimhautanteile mit der darunter liegenden Muskulatur entfernt werden. Wissenschaftler haben nun ausgetüftelt, dass gute Erfolge zu erzielen sind, wenn man die Mundschleimhaut auf entlegene Körperregionen, zum Beispiel auf den Unterarm, aufträgt. Ist sie dort angewachsen, kann man sie mit dem darunter liegenden Gewebebereich in die Mundhöhle zurückverpflanzen. Die Haut am Unterarm regeneriere sich schnell.

Das Universitätsklinikum Freiburg leistet in Sachen Tissue Engineering Pionierarbeit. Zusammen mit der BioTissue Technologies AG als Industriepartner hat man bereits mehrere Produkte zur Marktreife gebracht. Im Mai dieses Jahres soll nun BioSeed-G auf den Markt kommen, ein Basis-Mundschleimhautersatz für onkochirurgische, implantologische, prothetische und parodontologische Anwendungen.

Ebenfalls für Kieferchirurgen interessant ist eine weitere Entwicklung aus dem Hause BioTissue Technologies: BioSeed-B dient als körpereigener Knochenersatz, wenn Patienten einen festsitzenden Zahnersatz benötigen. Dazu wird ihnen zum Beispiel bei einer Zahnextraktion eine kleine Knochenprobe entnommen. Die Knochenzellen lassen sich im Labor anzüchten und mit einem geeigneten Träger, also einem Knochenersatzmaterial wie BioSeed-B, vereinigen. Dieses Material kann dann in den betroffnen Kieferabschnitt gepflanzt werden. Nachdem es ausgehärtet ist, kann der Kieferchirurg Titan-Schrauben eingliedern, um den Zahnersatz zu befestigen.

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