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Ohne Impfung nicht zur Schule

09.02.2004  00:00 Uhr
Impfdefizite in Deutschland

Ohne Impfung nicht zur Schule

von Conny Becker, Berlin

Die unverhältnismäßig hohe Medienpräsenz von Vogelgrippe oder Sars könnte etwas Gutes mit sich bringen – die Deutschen wieder ans Impfen erinnern. Denn die angestrebten Impfziele werden in Deutschland bei weitem nicht erreicht, wie eine Studie des Fritz-Beske-Instituts für Gesundheits-System-Forschung in Kiel zeigte.

Die wenigsten Deutschen können einen vorbildlichen Impfausweis vorweisen, werden doch lediglich 59 Prozent der von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen durchgeführt. Obwohl gesetzliche und private Krankenversicherungen, und bei beruflicher Exposition der Arbeitgeber, die Kosten übernehmen und bei einer Impfung keine Praxisgebühr fällig wird, sind die Impfraten hier zu Lande sehr niedrig und bleiben hinter denen andere europäischer Länder zurück. An den Kosten dürfte das nicht liegen, denn für circa 12,50 Euro pro Jahr kann sich jeder Bundesbürger gegen die elf durch die Standardimpfungen abgedeckten Krankheiten lebenslang schützen. So zählen die Impfungen laut Professor Dr. Fritz Beske, Direktor des Instituts, auch zu den kosteneffektivsten medizinischen Leistungen überhaupt. Als primärpräventive Maßnahmen sind sie medizinisch und auch epidemiologisch sinnvoll, da sie Krankheiten, deren Komplikationen bis hin zum Tod sowie flächendeckende Erkrankungen und Epidemien vermeiden können.

Krankheiten bagatellisiert

Die in Deutschland herrschende Impfmüdigkeit machte Beske an den Beispielen Influenza, Masern und Hepatitis B deutlich. Laut der Studie „Die aktive Schutzimpfung in Deutschland. Stand – Defizite – Möglichkeiten“ ist nur jeder sechste Mitarbeiter in Krankenhäusern gegen Grippeviren geimpft. Von den über 65-jährigen Bundesbürgern sind nur knapp ein Drittel immunisiert, was Deutschland im europäischen Vergleich auf einen der letzten Plätze wirft. So lassen sich zum Beispiel in den Niederlanden in dieser Altersgruppe über 80 Prozent impfen.

Gründe für diese Defizite könnten sein, dass das Infektionsrisiko sowie die Krankheit selbst unterschätzt werden. Wie die Statistik zeigt, ist die Influenza jedoch keineswegs eine Bagatellerkrankung. Rund 4,8 Millionen Deutsche erkranken jedes Jahr, etwa 10.000 von ihnen sterben an der Virusinfektion. An Sars dagegen starben bislang 800 Menschen weltweit.

Ebenso wenig seien Masern eine harmlose Kinderkrankheit, da sie sich nicht ursächlich behandeln lassen und bei Komplikationen bis hin zum Tod führen können. Bei etwa 1:1000 Masernerkrankungen entwickle sich eine gefährliche Enzephalitis. Als von vielen gefürchtete Impfkomplikation tritt sie aber deutlich seltener auf – nur bei 1:1.000.000 Impfungen, sagte Professor Dr. Christel Hülße, Mitglied der STIKO. Impfreaktionen allgemein seien selten (5 Prozent der Impfungen) und nur vorübergehend, machte die Referentin deutlich. Sie äußern sich in der Regel in lokalen Reaktionen, Magen-Darm-Beschwerden oder grippeähnlichen Symptomen und klingen nach ein bis zwei Tagen ab.

Angesichts des Plans der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Masern bis 2010 weltweit auszurotten, sei es erschreckend, dass noch nicht einmal ein Drittel aller deutschen Kinder bei ihrer Einschulung zweimal gegen Masern geimpft ist, so Beske. Zur Eliminierung der Erreger müssten diese Impflücken geschlossen und wenigstens 95 Prozent aller Kleinkinder bis zum Ende des zweiten Lebensjahres zweimal gegen Masern geimpft werden. Dies könnte die jährlich fast 5000 Erkrankungen in Deutschland weitgehend verhindern und zudem die Zahl deutscher Masernexporte ins Ausland minimieren.

Hepatitis B nicht nur im Süden

Bis zu 50.000 Menschen infizieren sich jährlich in Deutschland mit dem Hepatitis-B-Virus. Der Erreger ist sehr infektiös: So reicht zum Beispiel ein Tropfen kontaminiertes Blut in einer Badewanne voll Wasser aus, um einen Ahnungslosen mit minimalen Verletzungen an den Händen zu infizieren. Eine akute Erkrankung kann zu chronischer Hepatitis und Leberversagen führen, vor allem wenn sich die Betroffenen bereits in jungen Jahren infiziert haben. So bilden 90 Prozent aller mit Hepatitis B infizierten Säuglinge einen Lebertumor aus, weit mehr als betroffene Erwachsene, informierte Hülße. Daher empfiehlt die STIKO eine Impfung schon in den ersten Lebensmonaten und nicht erst im Jugendalter, auch wenn erst dann – mit ersten sexuellen Kontakten oder Auslandsreisen – die Erkrankungsinzidenz in die Höhe geht.

Impfen als Pflichtfach

Impfstrategien gegen alle impfpräventablen Krankheiten entwickeln, Impflücken finden und schließen, Ärzte schulen, die Öffentlichkeit informieren und aufrütteln, so hofft Beske das Impfdefizit in Deutschland zu beheben. Des Weiteren müsste die Berufsordnung für Ärzte liberalisiert werden, forderte er. Denn diese verbietet, die Patienten schriftlich an fällige Impfungen zu erinnern. Um ein transparentes Impfregister aufzubauen, sollten Immunisierungen auf Patientenkarten dokumentiert werden. Außerdem sollten Gesundheitsämter etwa mit Werbeaktionen aktiv werden und kontinuierlich den Impfstatus in der Bevölkerung kontrollieren. Zudem könnten die Krankenkassen das Impfen mit Boni für die Präventionsmaßnahmen attraktiver machen.

Zwar ist eine „verpflichtende Impfung“ nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, dennoch fordert Hülße drastischere Maßnahmen, die sich an amerikanischen Verhältnissen orientieren. Dort gilt der Leitsatz: No vaccination – no school (Keine Impfung – keine Schule). So sollte der Impfstatus nicht nur vereinzelt in Kindergärten kontrolliert, sondern auch Kriterium für die Einschulung werden. Deutschland müsse die WHO-Empfehlungen auf nationaler Ebene umsetzen und wenn möglich sogar erweitern. Ihrer Meinung nach sollte das Ziel sein, Deutschland bis 2007 nicht nur von Masern, sondern auch von Mumps und Röteln zu befreien. Schließlich sei die gängige Impfung trivalent, schütze also gegen alle drei Erkrankungen.

 

Impfmüdigkeit bestätigtdpa  Die Deutschen kümmern sich wenig um ihren Impfschutz. Acht von zehn Bundesbürgern wissen nicht, wann sie zuletzt geimpft worden sind.

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Fachmagazins «Young Help». Von denen, die sich erinnern konnten, hatte jeder Fünfte zuletzt vor vier oder mehr Jahren einen Impftermin wahrgenommen. Das Stuttgarter Institut für Rationelle Psychologie hatte 3731 Männer und Frauen im Alter zwischen 16 und 59 Jahren befragt. Auf die Frage, wogegen sie zuletzt geimpft wurden, nannten 41 Prozent Grippe, 38 Prozent Tetanus, 13 Prozent Hepatitis B und 11 Prozent Kinderlähmung. 36 Prozent der Befragten konnten keine genauen Angaben machen, wogegen sie geimpft worden waren.

Status quo in Deutschland

Epidemiologisch notwendige Impfraten werden in Deutschland bisher nur für Diphtherie, Tetanus und Poliomyelitis erreicht, nicht aber bei Pertussis, Masern, Mumps oder Röteln. Die Morbidität sank infolge der Impfungen bei den Krankheiten Diphtherie, Poliomyelitis, Haempohilus Influenza Typ b (Hib) sowie konnatale Röteln. Bei Masern liegt dieses Ziel jedoch noch in weiter Ferne. Für Influenza wurde kein explizites Ziel hinsichtlich der Morbidität definiert, ebenso existieren keine konkreten Vorgaben für die epidemiologisch notwendigen Impfraten bei Hib, Hepatitis B und Influenza.

 

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