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Die heilenden Nadeln im Test

11.02.2002
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AKUPUNKTUR

Die heilenden Nadeln im Test

von Wolfgang Kappler, Homburg/Saar

Seit März 2001 laufen die weltweit größten Akupunkturstudien, an denen in Deutschland bisher 40.000 Patienten teilgenommen haben. Und die Zwischenergebnisse sind ermutigend: Bei neun von zehn Patienten mit chronischen Schmerzen in Rücken, Kopf, Knie oder Hüfte lindert eine Akupunktur-Behandlung die Beschwerden.

In China seit Jahrhunderten angewandt kann sich die Akupunktur in Deutschland nicht so richtig durchsetzen. Bislang genügten die Argumente für die traditionelle Methode weder der Schulmedizin noch den Krankenkassen, um sie gesetzlich Versicherten generell anzubieten und die Kosten zu übernehmen. Dennoch wenden in Deutschland bereits 40.000 Ärzte, 16.000 davon mit erforderlicher Ausbildung, die Akupunktur an. Diese wird nach Angaben der Düsseldorfer Forschungsgruppe Akupunktur von 96 Prozent jener Patienten verlangt, denen herkömmliche Behandlungen nicht oder kaum geholfen haben. Erfahrungsgemäß verbucht die Akupunktur in der Behandlung chronischer Schmerzen die größten Erfolge.

Einbildung oder tatsächlicher Effekt? Dieser Frage wollen derzeit die Gerac-Studien (German Acupuncture Trials) auf den Grund gehen. "Erstmals in der Geschichte klinischer Studien ziehen Akupunkturärzte und Schulmediziner an einem Strang und werden dabei von Krankenkassen-Spitzenverbänden unterstützt, welche mehr als 60 Prozent der Versicherten betreuen", erklärt Professor Dr. Hans-Joachim Trampisch, Biometriker an der Ruhr-Universität Bochum und Gerac-Studienleiter. Eine Besonderheit der laufenden Untersuchungen ist, dass über 500.000 Patienten mit chronischen Rücken-, Kopf-, Knie- und Hüftschmerzen einbezogen werden sollen. Damit ist Gerac die bislang weltgrößte wissenschaftliche Studie zur Akupunktur überhaupt. Bereits über 40.000 Menschen wurden seit März 2001 erfasst. "Dabei zeigte sich, dass Akupunktur in 90 Prozent aller Fälle die Beschwerden lindern konnte", so Trampisch. Zur Hälfte trat dieser Effekt bereits nach vier Behandlungen ein und nur 2 Prozent, also etwa 720 Patienten, brauchten mehr als zehn Behandlungen. Nebenwirkungen wie lokale Infektionen und Kollaps lagen bei unter 1 Prozent, Todesfälle gab es keine.

Dass gut die Hälfte der von 7300 Prüfärzten erfolgreich "Gepiksten" zuvor über Rückenschmerzen geklagt hatten, ist insofern von Bedeutung, als gerade chronische Rückenschmerzen das Gesundheitssystem jährlich durch Arbeitsausfälle und Renten mit rund10 Milliarden Euro belasten. Der Vorsitzende der Forschungsgruppe Akupunktur, der Düsseldorfer Orthopäde Dr. Albrecht Molsberger, verweist auf ein enormes Einsparpotenzial: "Den 10 Milliarden Euro für die Behandlung chronischer Rückenschmerzen stehen derzeit gerade mal 154 Millionen Euro gegenüber, die die Kassen für die Akupunktur zahlen". Mit Gerac solle auch herausgefunden werden, wie viele Behandlungen für welches Krankheitsbild notwendig sind. Auch hier, so die Experten, gebe es weitere Sparpotenziale. Erfasst werden soll auch, ob die Schmerzlinderung lediglich subjektiv empfunden wird, oder ob sie objektiv messbar ist, etwa durch kürzere Arbeitsunfähigkeit, größere Beweglichkeit und mehr soziale Kontakte. Auch wie langfristig die Wirkung ist, soll die Studie ermitteln.

AOK, BKK, IKK, Bundesknappschaft, die landwirtschaftlichen Krankenkassen und die Seekrankenkasse unterstützen die Mammut-Studien bis 2003 mit insgesamt 7,5 Millionen Euro. Auch diese Kassen übergreifende Unterstützung ist bislang in Deutschland einmalig. Infos zu Gerac: Ausführliche Informationen findet man unter www.gerac.de. Patienten mit chronischen Schmerzen, können an der Studie teilnehmen, wenn ihre Beschwerden seit mehr als einem halben Jahr regelmäßig oder täglich auftreten. Der Arzt, der zur Akupunktur berechtigt sein muss (Akupunkturvertrag mit der Kasse, Weiterbildungsnachweis mit mindestens 140 Stunden) entscheidet, ob eine Teilnahme möglich ist. Die Behandlungskosten übernehmen jene Kassen, die aktuell die jeweilige Studienphase unterstützen. Top

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