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Akupunktur wirkt dauerhaft und sicher

26.01.2004  00:00 Uhr

Akupunktur wirkt dauerhaft und sicher

von Patrick Hollstein, Berlin

Akupunktur ist eine Jahrtausende alte Therapiemethode, die lange Zeit zwischen Esoterik und Aberglaube eingereiht wurde. Doch nun ist ihre Wirkung wissenschaftlich belegt. Erste Ergebnisse der weltweit größten Akupunktur-Studie zeigen, dass das Verfahren bei verschiedenen Schmerzen sowie Allergien sicher und effizient wirkt.

Mit bislang insgesamt 200.000 behandelten Patienten und 10.000 niedergelassenen Ärzten ist das „Modellvorhaben Akupunktur“ die weltweit größte randomisierte Studie, die die Wirksamkeit und Sicherheit des traditionellen Verfahrens untersucht. Im Oktober 2000 startete das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) das Projekt. Mittlerweile beteiligen sich 13 weitere Kassen. Untersucht wird die Wirksamkeit der Akupunktur bei verschiedenen Krankheitsbildern, wie Nacken-, Rücken-, Kopf- und Arthroseschmerzen sowie bei Asthma, Allergie und Dysmenorrhoe. Die ersten Zwischenergebnisse der Studie stellten Wissenschaftler der Charité jetzt in Berlin vor.

Wirksamkeit und Sicherheit belegt

Die Studie sei in drei verschiedene Teile aufgeteilt, die verschiedene Aspekte der Akupunktur untersuchen – Effizienz und Sicherheit der Methode sowie die Wirksamkeit der spezifischen Akupunkturpunkte, erläuterte Professor Dr. Stefan Willich, Projektleiter und Direktor des durchführenden Instituts. Der aufwendigsten Studienteil mit insgesamt 50.000 Patienten analysierte die Wirksamkeit des alternativen Verfahrens in der Routineversorgung. Die Patienten wurden randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt. Sie unterzogen sich entweder einer vom Arzt festgelegten herkömmlichen Therapie (Kontrollgruppe) oder erhielten zusätzlich noch eine Akupunkturbehandlung mit durchschnittlich zehn Sitzungen innerhalb von drei Monaten. Ärzte und Patienten hielten die Behandlungsergebnisse auf standardisierten Fragebögen fest, die anschließend durch die Wissenschaftler der Charité ausgewertet wurden.

Bei neun von zehn Allergikern verbesserte die Kombination aus Routineversorgung und Akupunkturbehandlung die Symptome deutlich. Bei drei von vier Schmerzpatienten trat ebenfalls eine Besserung ein. Bei Patienten mit Arthroseschmerzen, bei Asthmatikern und bei Patientinnen mit Dysmenorrhoe linderte die kombinierte Therapie in mehr als 80 Prozent der Fälle die Beschwerden. Die Erfolgsquote in der Kontrollgruppe lag bei allen Indikationen unter 40 Prozent, erläuterte Willich. Damit sei die Überlegenheit einer ergänzenden Akupunkturbehandlung über die alleinige Routineversorgung statistisch hoch signifikant. Die beobachteten Effekte seien darüber hinaus dauerhaft – sie hielten auch sechs Monate nach der Behandlung noch an.

Ein zweiter Studienteil mit bislang knapp 150.000 Patienten (insgesamt sollen bis Studienende 500.000 Personen behandelt werden) untersucht die Sicherheit der Akupunkturbehandlung. Nur bei 8 Prozent der Patienten traten Nebenwirkungen auf, vor allem leichte Blutungen oder Blutergüsse an der Einstichstelle. Ärztlich behandlungsbedürftige Nebenwirkungen kamen nur bei 1 Prozent der Fälle vor; es gab nur einen Fall mit Pneumothorax (durch versehentliches Anstechen der Lunge). Lebensbedrohliche Nebenwirkungen traten nicht auf.

Kein Vorteil der „gezielten Nadelung“

Wissenschaftlich interessant und provokant seien vor allem die Ergebnisse des dritten Studienteils, erklärte Willich. In Zusammenarbeit mit einem Forscherteam aus München soll an insgesamt 1200 Patienten untersucht werden, wie wichtig es für die Wirksamkeit der Behandlung ist, die Nadeln an spezifischen Akupunkturpunkten und nicht irgendwo am Körper zu platzieren. Bislang unterzogen sich jeweils 300 Patienten entweder der vom Arzt festgelegten Kontrolltherapie allein oder in Kombination mit einer Akupunkturbehandlung beziehungsweise einer Nadelung an ausgewählten Nicht-Akupunkturpunkten. Auch in dieser Untersuchung war die Akupunkturbehandlung der Routinetherapie signifikant überlegen. Überraschenderweise zeigte Nadelung von ausgewiesenen Akupunkturpunkten allerdings nur bei Arthrosepatienten einen Vorteil gegenüber dem Stechen an „falschen“ Stellen. Bei Schmerzen der Lendenwirbelsäule und Migräne scheint dagegen die Behandlung auch dann wirksam zu sein, wenn an unwirksamen Stellen gestochen wird. Inwiefern sich die Wissenschaftler und die beteiligten Fachgesellschaften auf die neuen Erkenntnisse einstellen müssen, ließ Willich offen. Er warnte vor vorschnellen falschen Schlussfolgerungen, weitere Forschungsanstrengungen auf diesem Gebiet seien nötig.

TK-Vorstandsmitglied Dr. Christoph Straub sprach sich angesichts der positiven Ergebnisse für eine Aufnahme der Heilmethode in den Leistungskatalog der GKV aus. Millionen von chronisch kranken Menschen könnte mit Akupunktur geholfen werden. Bereits jetzt werde das Verfahren von den Versicherten stark nachgefragt, sagte Straub.

Sollte die Akupunktur nicht vorher Kassenleistung werden, läuft das Modellvorhaben der TK noch bis zum Jahr 2008 und soll neben den beschriebenen Untersuchungen auch die Wirtschaftlichkeit der Behandlung analysieren.

 

Informationen im Netz Interessante Informationen zur Geschichte der Akupunktur, Wirkweise und Behandlungsfeldern bietet die Stiftung Akupunktur auf ihrer Internetsite (www.akupunktur.de). Die Site der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (www.akupunktur-arzt.de) enthält neben allgemeinen Patienteninformationen zu dem traditionellen Verfahren auch eine nach Postleitzahlen geordnete Adressenliste von qualifizierten Akupunkturärzten.

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