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Die Mutter als Täterin

24.01.2005
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Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Die Mutter als Täterin

von Marion Hofmann-Aßmus, München

Scheinbar fürsorgliche Mütter erfinden oder erzeugen Krankheitsanzeichen bei ihren Kindern: Diese bizarre Form der Kindesmisshandlung ist als Münchhausen-by-proxy-Syndrom bekannt. Hierbei werden Ärzte und Pflegepersonal ohne ihr Wissen instrumentalisiert, wenn die Kinder unnötige diagnostische und therapeutische Maßnahmen über sich ergehen lassen müssen.

Im Jahr 1977 publizierte der englische Kinderarzt Roy Meadow zwei Fälle, in denen Mütter heimlich bei ihren Kindern Krankheiten provoziert hatten. Er nannte das Krankheitsbild Münchhausen-by-proxy-Syndrom nach dem auch in England bekannten "Lügenbaron" von Münchhausen. Hinzu kommt der Zusatz "by-proxy" (in Vertretung), da die Mütter nicht ihren eigenen Körper misshandeln, sondern stellvertretend den ihrer Kinder. Seit dieser Erstbeschreibung wächst die Zahl der bekannten Fälle rasant an. Laut Professor Dr. Martin Krupinski, Würzburg, der sich seit Anfang der 90er-Jahre mit dieser Erkrankung beschäftigt, gehen konservative Schätzungen von 0,2 bis 0,4 Fällen pro 100.000 Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren aus.

Die manipulativen Symptome sind vielfältig, berichtete der Mediziner auf der 19. Münchner Herbsttagung der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Forensischen Psychiatrie (AGFP). Sie reichen von Blutungen über Atemstörungen, Fieber und Erbrechen bis hin zu Anfällen. Als „leichteste Variante" bezeichnete Krupinski die kenntnisreiche dramatische Schilderung nicht vorhandener Symptome. Häufig handelt es sich hierbei um epileptische Anfälle. Eine Steigerung stellt die Verfälschung von Krankenunterlagen, wie etwa Fieberkurven, im Krankenhaus dar. Schwerwiegend ist die Erzeugung realer Symptome mit geradezu unvorstellbaren Misshandlungen: Die Mütter verletzen die Haut ihrer Kinder mit spitzen Gegenständen, vergiften, ersticken die Kleinen nahezu oder setzen sie fast dem Hungertod aus.

Auch wenn es nicht das Ziel dieser Mütter ist, ihr Kind zu töten, liegt die Mortalitätsrate je nach Studie zwischen 5 und 35 Prozent. Die chronische Langzeitmortalität auf Grund der operativen oder anderweitigen medizinischen Maßnahmen an dem gesunden Kind ist mit 50 Prozent viel schlechter als noch vor kurzer Zeit angenommen.

Täterinnen waren selbst Opfer

Kinderärzte in Praxen und Kliniken werden als erste mit der Schilderung oder den manipulierten Symptomen konfrontiert und benötigen einigen detektivischen Spürsinn, um auf die Spur der Kindesmisshandlung zu kommen. Psychiater können dabei wertvolle Hilfe leisten, denn einige Charakteristika weisen alle Münchhausen-by-proxy-Mütter auf. Dazu gehört der geradezu suchtartig erscheinende Wunsch, eine enge, vertrauliche Beziehung zu Ärzten und Pflegepersonal aufzubauen. Am stärksten identifizieren sich die Frauen dabei mit den Krankenschwestern. Fast immer geben sie sich selbst als Krankenschwestern aus, auch wenn dies nicht zutrifft. Häufig verfügen sie sogar über medizinische Vorbildung.

Oberflächlich betrachtet, geben die Frauen in der Klinik "Modellmütter" ab. Fürsorglich und einfühlsam behandeln sie ihr Kind und weichen ihm nicht von der Seite. Überdies unterstützen sie jede medizinische Maßnahme an dem vermeintlichen Patienten, unabhängig davon, wie belastend oder gefährlich diese auch sei.

Ein wichtiger Anhaltspunkt für die Entlarvung ist, dass die Symptome sofort verschwinden, sobald Mutter und Kind getrennt werden. Wenn möglich, sollte bei einem Verdacht die Vorgeschichte der Mutter in Erfahrung gebracht werden. Alle bisher bekannt gewordenen Fälle sprechen dafür, dass die heutigen Täterinnen ehemalige Opfer sind. Sie litten entweder selbst unter Münchhausen-by-proxy-Müttern oder erfuhren anderen Missbrauch. Auffällig häufig kommen Selbstmanipulationen und andere autodestruktive Symptome vor, ebenso wie Suchterkrankungen oder Essstörungen. Psychiater stoßen bei den Müttern zudem oft auf depressive Syndrome oder Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom oder narzisstische Störungen. Ihre Beziehung zum Kind ist hoch ambivalent, ihre destruktiven Anteile agieren sie am Kind aus. Dabei sind die Frauen in der Regel nicht allein erziehend, sondern haben einen Partner. Dieser erscheint häufig sehr passiv oder ist nicht verfügbar.

Geschwisterkinder oft betroffen

Geheime Videoaufnahmen sind häufig die einzige Möglichkeit, die Misshandlung aufzudecken. In einer Klinik in Atlanta wurden 24 Fälle nur mit Hilfe dieser Methode enträtselt. Eine indirekte Beweisführung gestaltet sich ansonsten überaus schwierig. Ein häufiger Fehler besteht laut Krupinski darin, die Mutter zu früh mit der Vermutung der Kindesmisshandlung zu konfrontieren. Besser sei es, erst genügend Beweise zu sammeln. Denn eine nur vorübergehende Trennung von Mutter und Kind ist nicht hilfreich, da nach der bisherigen Erfahrung die Manipulationen anschließend fortgesetzt werden. Bei einer pädiatrischen beziehungsweise kinderpsychiatrischen Begutachtung sollten die Geschwisterkinder unbedingt einbezogen werden. Zum einen wegen der Gefahr, dass der Missbrauch auf die Geschwister übergeht, falls ein Kind von der Mutter getrennt wird; zum anderen, weil nach einer Studie 30 bis 40 Prozent der Geschwisterkinder bereits betroffen sind, wenn ein Fall entdeckt wird. Eine Häufung von Geschwistermortalität sowie plötzlichem Kindstod wurde in diesen Familien ebenfalls festgestellt.

Nach neueren Studien kommen auch die Väter als Täter in Frage. Im Unterschied zu den Müttern sind sie keine fürsorglichen Modellväter. Gegenüber dem ärztlichen Personal erscheinen sie eher anmaßend und schwierig im Umgang. Kaum einer dieser Väter ging nach bisherigen Erkenntnissen einer geregelten Arbeit nach. Bei einem Verdacht auf das Münchhausen-by-proxy-Syndrom sollten laut Krupinski sowohl der Vater als auch die Mutter psychiatrisch untersucht werden. Der Fachmann beschreibt die Täter so: "Sie wissen, was sie tun, sie wissen aber nicht, was sie dazu treibt." Top

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