Pharmazeutische Zeitung online

Kunsthand made in Germany

21.01.2002  00:00 Uhr

Kunsthand made in Germany

von Wolfgang Kappler, Homburg/Saar

Mit einer neuartigen Prothese können nun auch Menschen, denen ein Teil der Hand fehlt, wieder fest zugreifen. Ingenieure der Otto Bock HealthCare GmbH in Duderstadt haben Antrieb, Getriebe und Elektronik einer herkömmlichen Handprothese so verkleinert, dass die Technik auf der Größe eines halben Handtellers Platz findet. Bislang konnten Teilhand-Amputierte nur mit kosmetischen Schmuckhandprothesen versorgt werden.

Nach Finger- und Daumenamputation ist die Teilhand-Amputation zwischen Mittelhand und Handwurzel die dritthäufigste Amputation der oberen Gliedmaßen. Gründe sind in erster Linie Starkstromverbrennungen, Arbeits- und Motorradunfälle, sowie Tumoren und Gefäßerkrankungen. Bei Kindern kann eine Meningokokken-Sepsis infolge einer Hirnhautentzündung zum Absterben von Teilen der Hand führen. Auch angeborene Fehlbildungen können die Ursache sein.

Nur in Ausnahmefällen konnten Betroffene bislang mit Prothesen versorgt werden, die ihnen das Zupacken ermöglichten. Zumeist verdankten sie dies findigen und kreativen Orthopädie-Technikern, die mit hohem Umbauaufwand herkömmliche Prothesenkomponenten individuell anpassten. "Bisher war bei einer Teilamputation der Hand meist nur eine kosmetische Versorgung mit einer steifen Kunsthand, einer Schmuckprothese, möglich", so Professor Dr. Hans-Eberhard Schaller von der berufsgenossenschaftlichen Klinik der Universität Tübingen.

Dass Teilhandamputierte bislang nicht von den Fortschritten der modernen High-Tech-Prothetik profitierten, hat nach Ansicht von Dr. Matthias Axt, Oberarzt am Zentrum für Technische Orthopädie der Universität Heidelberg, zwei Gründe: "Nimmt man eine herkömmliche Handprothese, verlängert dies den jeweiligen Arm sichtbar. Betroffene empfinden das als zu auffällig und unschön. Weil sie im Alltag und im sozialen Umfeld nicht auffallen wollen, verzichten sie lieber auf eine Greifhilfe. Abgesehen davon gelingt die Koordination unterschiedlich langer Hände nur unzureichend." Bislang fehlte es also an entsprechenden Standard-Prothesen. Die so genannte Transcarpal-Hand des Medizintechnikunternehmens schließt nun die Lücke. Innerhalb von nur 14 Monaten Entwicklungszeit gelang dem Team um Dr. Hans Dietl die innovative Weltneuheit, die 12 800 Euro kostet.

Keine Verlängerung des Arms

"Bei der Mechanik haben wir berücksichtigt, dass bei den betroffenen Patienten das eigene Handgelenk in der Regel noch erhalten ist. Daher konnte auf ein Kunstgelenk verzichtet und ein neuartiger konstruktiver Aufbau mit einer neuen Antriebseinheit realisiert werden, der die Prothesenhand deutlich kürzer und rund ein Drittel leichter macht", sagt Produktmanager Christian Hell. Der Prothesenschaft lässt sich bei einem funktionsfähigen Handgelenk so anpassen, dass nach wie vor Drehbewegungen möglich sind. "Mit der neuen Kunsthand können neben Amputationen im Handwurzelbereich auch lange Unterarmstümpfe myoelektrisch versorgt werden, ohne dass der Prothesenarm länger wird als der gesunde Arm", urteilt Schaller.

Myoelektrisch ist der Schlüsselbegriff. Bei jeder Muskelanspannung entsteht auf Grund eines biochemischen Vorganges eine elektrische Spannung, die auf der Haut gemessen werden kann. Dies gilt auch für die erhaltene Restmuskulatur nach einer Amputation. Die sehr geringen Spannungen im Bereich von wenigen Millionstel Volt werden zur Steuerung der Prothese genutzt. Von meist zwei Elektroden werden die am besten geeigneten Muskelspannungen vom Stumpf abgenommen, verstärkt und als Steuerimpulse zum Öffnen, Schließen und Drehen der Elektrohand benutzt. Griffgeschwindigkeit und Griffkraft werden von der Stärke des Muskelsignals geregelt.

Porzellantassen sanft im Griff

Zwei unabhängige Mess- und Regelsysteme sorgen dafür, dass beim Ergreifen eines Gegenstandes die Griffkraft entsprechend dem Muskelsignal aufgebaut wird. Damit kann auch ein rohes Ei oder eine chinesische Porzellantasse sanft festgehalten werden. Erhöht wird die Griffsicherheit durch einen Sensor an der Daumenspitze, der Gewichts- und Schwerpunktverlagerungen des ergriffenen Gegenstandes erkennt und die Griffkraft bei Bedarf automatisch nachreguliert.

Getriebe, Antrieb und Daumen-, Zeige- und Mittelfingermechanik - sie erlaubt den sogenannten Drei-Finger-Spitzgriff - stecken in einem kosmetischen Kunststoffhandschuh der optisch der gesunden Hand angepasst ist. Ein Lithiumakku im Prothesenschaft versorgt die künstliche Hand je nach Aktivität bis zu 48 Stunden mit der nötigen Energie. Bislang wurde etwa ein Dutzend Patienten mit der Transcarpal-Hand versorgt. Axt räumt ein: "Häufig benötigen Teilhandamputierte gar keine Prothese mehr. Sie haben sich im Laufe der Zeit an den Verlust gewöhnt und Techniken entwickelt, die ihnen ein nahezu normales Leben ermöglichen. Das fällt besonders bei Kindern mit angeborenen Fehlbildungen auf." Dennoch ist auch Axt der Überzeugung, dass die Transcarpal-Hand als technische Meisterleistung "ein gewisser Segen für Betroffene ist, weil sie das beidseitige Greifen ermöglicht". Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa