Pharmazeutische Zeitung online

Gentherapie bei KHK umstritten

03.01.2000  00:00 Uhr

-MedizinGovi-Verlag

Gentherapie bei KHK umstritten

von Klaus Koch, Atlanta

Jeff Isner vom "St. Elizabeth Medical Center" in Boston kam nicht allein zur der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz über den aktuellen Stand der Gentherapie bei Herzkrankheiten. Isner wurde auf der Jahrestagung der American Heart Association in Atlanta von einem Patienten begleitet, der bereitwillig erzählte, wieviel besser es ihm nach den "Gen-Spritzen" gehe; er könne jetzt sogar im Laufschritt einen Bus einholen.

Während Isner optimistisch stimmende Ergebnisse präsentierte, warnten andere Experten in Atlanta davor, bisherige Berichte zur Angiogenese-Therapie zu überschätzen. Der Versuch, das Wachstum neuer Koronargefäße zu induzieren, leide darunter, dass "die Studien an Menschen bereits begonnen haben, bevor grundlegende Fragen auch zur Sicherheit derartiger Experimente beantwortet sind", schilderte Elizabeth Nabel von der Universität Michigan in Ann Arbor.

Nachdem ein leberkranker Patient möglicherweise gestorben ist, weil er zu hohe Dosen von Adenoviren als Vehikel für den Gentransfer erhalten hatte, erregen nun auch sechs Todesfälle nach Gen-Injektionen bei Herzkrankheiten die Aufmerksamkeit. Zwei der Opfer gehörten zu den mittlerweile 72 Herzkranken, die Isner in den letzten zwei Jahren behandelt hat. Er injiziert seinen Patienten direkt ins Herz kleine Mengen des Gens, das die Produktion des "vascular endothelial growth factor" (VEGF) induzieren soll. Laut Isner haben die Behörden bestätigt, dass der Tod der beiden Probanden sehr wahrscheinlich nicht auf die Therapie zurückzuführen sei.

Diese Interpretation nimmt auch Ronald Crystal von der Cornell University in New York für sich in Anspruch. Er hat in den letzten zwei Jahren 31 Patienten mit einer anderen Variante der VEGF-Gentherapie behandelt; bislang sind vier seiner Probanden gestorben. Crystal verwendet zum Transport des Gens in die Muskelzellen Adenoviren, deren eigenes Erbgut er zum größten Teil gegen das VEGF-Gen ausgetauscht hat.

Während einer Bypass-Operation injizierten die Wissenschaftler kleine Virusmengen in Regionen des Herzmuskels, die nicht durch einen Bypass versorgt werden konnten. Diese Versuche seien nicht mit der Therapie des Leberkranken vergleichbar, weil die Wissenschaftler dem Herzpatienten eine 1.000- bis 10.000fach geringere Virus-Dosis injiziert hätten. Weder Isner noch Crystal haben in ihren Studien unbehandelte Kontrollgruppen untersucht, was die Beurteilung der Todesfälle erschwert. Beide Forscher berichteten, dass die Durchblutung erhöht war und sich die meisten Patienten nach den Injektionen wohler gefühlt hätten.

Wie trügerisch solche Vorher-Nachher-Vergleiche sein können, hat das Biotech-Unternehmen Genentech erfahren müssen. Timothy Henry vom Hennepin County Medical Center in Minneapolis schilderte die Ergebnisse der bislang größten Erprobung von VEGF an etwa 180 Koronarpatienten. Zwei Drittel hatten Infusionen mit dem Wachstumshormon erhalten, ein Drittel lediglich Kochsalzlösungen. Die Ergebnisse zeigen, wie machtvoll der Glaube an eine Therapie sein kann. Nach vier Monaten hatte sich bei allen Patienten die körperliche Belastbarkeit deutlich verbessert. Aber zur Enttäuschung der Forscher war der Effekt in der Placebogruppe genauso stark wie im Verumarm.

Auch Professor Dr. Wolfgang Schaper vom Max-Planck-Institut für Physiologie, Bad Nauheim, bleibt hinsichtlich der Angiogenese-Therapie skeptisch. Seine eigenen Studien zeigen, dass das Wachstumshormon eine Entzündungsreaktion "an der falschen Stelle" induziere und damit Herzinfarkte begünstigt. VEGF erhöhe zudem die Thrombosegefahr – ein Effekt, den der Forscher bei der Therapie infarktgefährdeter Patienten nur mit Unbehagen sieht. Schaper: "Bislang wissen wir nicht, ob wir die potenziellen guten Effekte der Angiogenese von den schlechten trennen können."

Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa