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Von kundigen Spermien und betäubenden Wasserfällen

16.12.2002
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Was bislang zu kurz kam
Von kundigen Spermien und betäubenden Wasserfällen

von Daniel Rücker, Eschborn

Das Jahresende naht. Vorbildliche Leser haben in den vergangenen 350 Tagen 600.000 Zeilen PZ gelesen. 600.000 Zeilen, in denen wir sie über die neuesten medikamentösen Zungenbrecher der Pharmaindustrie, die wundersamen Gedankengänge der Politiker und über die Wirrungen der Aut-idem-Regelung informiert haben. Das wirklich Wichtige kam dabei wieder einmal zu kurz. In der letzten Ausgabe des Jahres bemühen wir uns um Schadensbegrenzung.

Starten wir mit Sex. Regelmäßige Leser dieser Kolumne werden bemerkt haben, dass das physisch-zwischenmenschliche traditionell am Anfang steht. Das ist auch gut so, denn wenigstens einmal im Jahr wollen auch wir unsere Leser mit dem Appell an niedere Triebe in den Artikel ziehen. Andere Magazine dürfen das wöchentlich.

An interessanten Facetten des Themenkreises Reproduktion mangelt es wahrlich nicht. Wenden wir uns zum Beispiel den kleinsten der Kleinen zu, den Spermien. Das sind nämlich echte Pfadfinder. Sie haben zwar weder Hirn noch Auge, können sich aber an den Weg erinnern, vermeldete der „New Scientist“ im August. Wie Forscher herausfanden, biegen sie immer abwechselnd links und rechts ab, wenn sie auf ein Hindernis stoßen. Warum und wie sie dies tun, können die Wissenschaftler allerdings nicht erklären. Wir können es auch nicht. Ebenso ist uns unklar, warum manche Menschen mit langjähriger naturwissenschaftlicher Ausbildung das tun, was sie tun. Warum sie das Orientierungsvermögen von Spermien testen und nicht deren kognitiven Fähigkeiten oder die sozialen Eigenschaften von Eizellen oder andere wichtige Fragen, die uns unsere Keimzellen menschlicher erscheinen lassen.

Spermien spielten auch eine zentrale Rolle bei einem Krankenhausskandal in der Türkei. Dort flog ein Medizinprofessor auf, der von seinen Untergebenen Samenspenden erpresste. Mit seiner Beute, für die Studenten, Krankenpfleger und Assistenzärzte angezapft wurden, verhalf er dann unfruchtbaren Paaren zu Kindern. Ohne Frage eine unorthodoxe Methode, aber der Yellow-Press-erprobte Deutsche wundert sich über die Aufgeregtheit in der Türkei. Wir sind es gewohnt, dass russische Models in räuberischer Absicht in Besenkammern unseren verdienten Tennisspielern zu Leibe rücken. Da wirkt die türkische Variante fast ein wenig hausbacken.

Handwerklich begabt

Ganz ohne Gewalt gegen die Spender läuft die Spermiengewinnung in Dänemark. Im Gegenteil, bei unserem nördlichen Nachbarn drängeln sich die Studenten vor der Samenbank, schreibt die Kopenhagener Zeitung „Politiken“. Der akademische Nachwuchs bessert sein bescheidenes Budget auf diese Weise auf. Da bekommt die Redensart „Handwerk hat goldenen Boden“ für Studenten eine tiefere Bedeutung.

Einen kurzen Exkurs müssen wir an dieser Stelle – und da verabschieden wir uns langsam vom Schweinkram – noch zu den mehr oder weniger erwünschten Folgen intergeschlechtlicher körperlicher Nähe machen. Es gibt spektakuläre neue Erkenntnisse über die Geburt. Männer, so haben Cottbuser Frauenärzte herausgefunden, sind dabei weniger wichtig. Werdende Väter können ihre Frauen zwar ein wenig beruhigen, die Dauer der Geburt, Anwesenheit von Fachpersonal und die Stärke der Wehen seien jedoch von größerer Bedeutung. Ein schwerer Schlag für uns Männer, schließlich können wir im Prinzip doch alles. Andererseits beruhigt es aber auch, zu wissen, dass Frauenärzte die grundsätzlichen Vorgänge bei einer Geburt endlich verstanden zu haben scheinen.

Wenn wir uns an dieser Stelle vom Sex verabschieden, dann bedeutet dies aber noch nicht, dass nun auch die beteiligten Hormone ad acta gelegt werden. Die können nämlich weitaus mehr als nur die Balz einleiten. Sie helfen auch bei wirklich wichtigen Dingen, zum Beispiel wenn es darum geht, ein Fußballspiel zu gewinnen. Der britische Evolutionspsychologe Nick Neave hat herausgefunden, dass beim Fußball die Heimmannschaft häufiger gewinnt als die Gäste, weil bei den Spielern des Gastgebers der Testosteronspiegel höher liegt. Normalerweise sind es rund 100 Picogramm pro Milliliter. Gilt es das heimische Stadion gegen kurzbehoste Barbaren aus dem Nachbarort zu verteidigen, steigt er auf 150 Picogramm, kommt der Erzfeind, dann sind sogar durchschnittlich 167 Picogramm Testosteron im Milliliter Blut nachzuweisen. Bei Auswärtsspielen liegt der Spiegel bei schlappen 120 Picogramm. Archaisches Territorialverhalten, so Neave, beflügele die Heimmannschaft.

Glaubten wir bis vor kurzem noch, die Herren Elber, Scholl und Kahn beflügeln vor allem finanzielle Versprechungen, so wissen wir nun: Die Spieler wollen ihr Stadion verteidigen. Sie schützen ihre Frauen und Kinder, ihre Höhlen, die Feuerstellen und die Mammutkoteletts vor den feindlichen Horden aus Stuttgart, Dortmund oder Leverkusen. Ein Hoch auf die Evolutionspsychologie.

Rechnen mit Fiffi

Vielleicht schützen die Kicker aber gar nicht ihre blondierten Gespielinnen und deren Brut, sondern ihre wahre bessere Hälfte, ihren Hund. Wie Karen Allen von der staatlichen Universität in New York herausfand, sind „Haustiere besser fürs Gemüt als Ehepartner". Allen setzte Probanden mit Rechenaufgaben unter Stress. Erst allein, dann in Gesellschaft ihres Partners oder Haustieres. Wie nicht anders zu erwarten, beruhigte der vierbeinige Lebensgefährte Blutdruck und Puls stärker als der zweibeinige. Beim Rechentest machten die Probanden unter Fiffis Aufsicht die wenigsten Fehler. Waren die Ehepartner anwesend, machten sie dagegen noch mehr Fehler als allein. Das Ergebnis lässt verschiedene Interpretationen zu: 1.Hunde können besser rechnen als Menschen. 2.Wenn sich Männer und Frauen treffen, geht es in der Regel nicht um Rechnen. 3.Psychologinnen stellen in Anwesenheit von Hunden leichtere Rechenaufgaben als im Beisein des Ehepartners. Eine Frage bleibt freilich offen: Was will uns der Test sagen?

So viel steht fest: Kleinkinder hätten einen solchen Test nicht gemacht. Eine ungarische Arbeitsgruppe um György Gergely fand heraus, dass 14 Monate alte Kinder Psychologinnen und dem Groß der übrigen Erwachsenen überlegen sind, denn „Kleinkinder unterscheiden alberne und sinnvolle Handlungen“ schreiben die Ungarn im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Sie imitieren keineswegs alle Handlungen, die sie bei Erwachsenen beobachten, sondern nur solche, die ihnen sinnvoll erscheinen. Sie hinterfragen, ob eine Handlung zielgerichtet ist oder überflüssig. In der Tat erstaunlich. Jetzt warten wir auf Gergelys nächste Untersuchung: Wann und warum geht diese kleinkindliche Begabung beim Heranwachsen verloren?

Ein baldiges Resultat wäre wünschenswert. Der belgischen Stadt Gent würde es eine Menge Geld sparen. Die Stadt führt seit kurzem einen beherzten Kampf gegen einige ihrer Einwohner, die den tieferen Sinn von Toiletten nicht verstanden haben. Rund drei Millionen Euro lässt sich die Gemeinde den Feldzug gegen das Wildpinkeln kosten. Sie fährt dabei eine Doppelstrategie aus Zuckerbrot und Peitsche. Zum einen will sie das Angebot öffentlicher Toiletten erhöhen und Supermärkten deren Errichtung vorschreiben.

Die zweite Maßnahme ist deutlich innovativer und, vorsichtig ausgedrückt, etwas unkonventioneller. Als Sofortmaßnahme sollen an den bevorzugten Stellen der Anarcho-Urinierer Bleche mit gebogenem Rand angebracht werden. Diese sollen dafür sorgen, „dass der Wildpinkler die volle Ladung auf Hose und Schuhe zurückbekommt“, schrieb die belgische Nachrichtenagentur „Belga“. Vor Gergelys Untersuchung hätten wir behauptet, der Plan stamme vom jüngsten Spross des Bürgermeisters. In Kenntnis seiner Studie müssen wir das ausschließen.

Gesundbeten

Ganz ohne das Thema Gesundheit soll unser Jahresrückblick dann doch nicht zu Ende gehen. Obwohl wir auf diesem Gebiet unsere Kernkompetenz sehen, geht uns manches dennoch durch die Lappen. Bei den nicht-medikamentösen Therapien haben wir zugegebenermaßen kleine Lücken. Die haben Sie aber sicher auch, es sei denn, Sie lesen das „British Medical Journal“. Dann wissen Sie schon, was wirklich gesund hält, nämlich das Beten des Rosenkranzes. Wie das Magazin in seiner letztjährigen Weihnachstausgabe berichtete, sorgt die Andacht für gleichmäßige und ruhige Atmung und schützt so das Herz-Kreislaufsystem. Das Rezitieren des Rosenkranzes reduziert die Atemfrequenz auf sechs bis acht Züge.

Wir haben unsere Zweifel, die Studie erscheint uns methodisch unsauber. Ist es wirklich der Rosenkranz? Beruhigt nicht vielleicht das Rezitieren allgemein? Warum keine Vergleichsstudie? Wir gehen der Sache auf den Grund. Seit Anfang Dezember rezitiert unsere Volontärin abwechselnd den Rosenkranz, Dieter Bohlens Memoiren und das „Kicker“-Jahresheft. Für eine erste Prognose ist es nach zwei Wochen einfach noch zu früh, wir werden deshalb im nächsten Jahr an dieser Stelle die Resultate der staunenden Öffentlichkeit präsentieren.

Zum Abschluss noch ein Höhepunkt der angewandten Schlafwissenschaften: Haben Sie Probleme beim Einschlafen? Liegen sie bisweilen stundenlang wach, wälzen sich von links nach rechts und es tut sich nichts? Dann sind sie wahrscheinlich selbst schuld. Auf jeden Fall dann, wenn sie sich den Weg in Morpheus’ Arme mit Schäfchenzählen ebnen wollen. Das klappt nämlich nicht, berichtete der „New Scientist“ unter Berufung auf Oxforder Forscher. Sie ließen 50 Menschen mit Schlafproblemen entweder Schäfchen zählen oder an einen Wasserfall denken. Das Resultat war eindeutig. Die Wasserfalldenker verloren mehr als zwanzig Minuten schneller das Bewusstsein, als diejenigen, die sich den Paarhufern gewidmet hatten. Schäfchen seien zu irdisch, um sich von den täglichen Nöten ablenken zu lassen, erklären die Wissenschaftler das Ergebnis. Wir nehmen dies zur Kenntnis und versuchen ab heute Abend, uns überirdische Wasserfälle vorzustellen.

 

Achtung: Weihnachten! Noch ein paar Tage, dann ist es so weit. Dann rieselt der Schnee auf die Tannenspitzen, Knecht Ruprecht stapft durch die pudergezuckerte Landschaft. In den Häusern wird der Kamin angezündet. Unter dem geschmückten Weihnachtsbaum liegen exquisite Geschenke, die liebende Eltern für ihre wohlgeratenen Sprösslinge ausgewählt haben. Aus tiefer Dankbarkeit intoniert der Nachwuchs auf Blockflöte und Klavier „Ihr Kinderlein kommet“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“. Das handgeschnitzte Holzspielzeug der Großeltern erfreut Kinder wie Eltern. Aus der Küche weht der Duft von Rotkohl, Gans und Maronen. Die Englein beginnen...

Stopp! Aufgepasst! Das ist gefährlich! Der Münsteraner Psychotherapeut Steffen Fliegel warnt vor zu hohen Erwartungen an das Weihnachtsfest. Streit und Enttäuschung drohen, wenn das Fest nicht die Vorstellung erfüllt. Wir neigen hier zu Unverständnis. Es mag sein, dass einzelne Psychologen mit dem Zwang zum Problematisieren den Zauber von Weihnachten nicht erkennen. Aber das ist ihr Problem. Wir leben in intakten sozialen Geflechten. Wir müssen uns vor Enttäuschungen nicht sorgen. Für uns ist Weihnachten eine Zeit der Liebe, Harmonie und Gemeinsamkeit.

In diesem Sinne, ein frohes Fest!

 

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