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18.12.2000
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APOTHEKE IN DER SCHWEIZ

Arbeiten zwischen Viertausendern

von Cornelia Hansen, Obertshausen

Am Fuß des Matterhorns traf sich die Apothekerin Cornelia Hansen im Frühjahr 1999 im Urlaubsort Zermatt mit ihrem zukünftigen Chef zu einem Vorstellungsgespräch. Sie heuerte für 10 Monate in der Pharmacie Internationale an, tief im Wallis, direkt an der italienischen Grenze. Zeit zum Skifahren auf einem der 29 viertausend Meter hohen Bergriesen blieb zwar wenig, aber arbeiten im Ausland würde sie immer wieder. Hier ihr Bericht.

Zermatt kann man nicht mit dem Auto erreichen. Für das letzte Stück stieg ich deshalb an der Station Täsch in den Zug um. Vom Bahnhofsvorplatz mit den Elektrofahrzeugen und Pferdekutschen der Hotels, führt die Flanier- und Einkaufsmeile des Ortes direkt zur Apotheke. Etwa 500 Meter in Richtung Matterhornbahn, sieht man auf der linken Seite ein großes Geschäft, das aussieht wie eine Parfümerie - wäre da nicht das grüne Kreuz. In der Schweiz ist es erlaubt Apotheke und Parfümerie in einem Gebäude zusammen zu führen. Der Eingangsbereich der Pharmacie Internationale ist ganz der Verschönerung des Körpers gewidmet mit Düften, Cremes und Farben. Man findet allerding auch schon "parapharmazeutische" Artikel wie Baby- und Reformnahrung, Zahn- und Haarpflegemittel und Sonnenschutzprodukte.

Typisch für Zermatt, fand das Vorstellungsgespräch nicht in einem Büro, sondern im Café statt. Mein Hauptaufgabenbereich sollte der Handverkauf und die Rezeptur sein; außerdem Defektur diverser Hausspezialitäten, Bestellung von Drogen und Chemikalien und die Verwaltung der Betäubungsmittel. Auch die Überwachung der anderen Angestellten, zu dem Zeitpunkt fünf, und die Ausbildung der Lehrtochter gehörten dazu. Nach dem formellen Gespräch zeigte mir mein zukünftiger Chef den Rest der Apotheke. Hinter der Offizin und den Arbeitsplätzen gab es noch zwei Räume: ein Büro für die Sekretärin und einen Auspackraum für die ankommende Ware. Ebenso wie die meisten deutschen Apotheken hatte auch die Pharmacie Internationale zwei Großhändler, die zweimal am Tag und einmal über Nacht Ware lieferten. Dann ging es in die Keller. Hier befand sich der Übervorrat von Apotheke und Parfümerie. Außerdem ein Gift- und ein Verbandstoffkeller sowie ein Feuerkeller, der den meisten deutschen Apothekern wohl schlaflose Nächte bereiten würde: drei riesige Tanks mit Brennsprit, mehrere Fässer Alkohol, Aceton, Isopropanol und Nitroverdünner. Die Air Zermatt, der Helikopterrettungsdienst, deckte ihren Bedarf an Lösungsmitteln hier. Im Labor, noch einen Stock tiefer, wurde vor allem die Hausspezialität, die "Original Zermatter Murmeltierfettsalbe" hergestellt. Im selben Gebäude, in dem sich die Apotheke befand, gab es möblierte Studios, mit Zimmer, Küche, Bad und einem Balkon mit Blick aufs Matterhorn. Wer konnte da noch "Nein" sagen? Ende Juli zog ich in die Alpen.

Versand auf Dauer langweilig

Die Ausbildung zum Apotheker ähnelt der deutschen. Studieren kann man in Basel, Genf, Lausanne und Zürich. Das Studium besteht aus vier Teilen, die jeweils mit einem mündlichen und praktischen Examen abgeschlossen werden müssen: zwei Semester Grundausbildung und zwei Semester pharmazeutische Grundlagen. Danach folgt ein Praktikum in einer Offizin- oder einer Spitalapotheke. Erst danach schließt sich das Fachstudium an. Nach fünf Jahren können sich die Schweizer Pharmazeuten durch eine Doktorarbeit spezialisieren oder sich zum Fachapotheker für Offizinpharmazie weiterbilden. Auch hier findet man Apotheker fast überall im Gesundheitswesen. Ein großer Unterschied zu Deutschland: Es gibt in der Schweiz schon Versandapotheken, in denen Apotheker als Kontrolleure arbeiten und die Übereinstimmung zwischen Rezept und Sendung vergleichen. Auf Dauer langweilig, aber gut bezahlt, wie ich von einem dort arbeitenden Kollegen erfuhr. Außerdem muss der Eigentümer einer Apotheke nicht unbedingt Apotheker sein und darf auch mehrere besitzen.

Die Pharmazieassistentin ist eine Kombination aus PKA und PTA. Sie berät Kunden über freiverkäufliche Arzneimittel und beliefert die Rezepte, die sie immer einem Apotheker vorzeigen muss. Eine dreijährige Lehrzeit in einer öffentlichen Apotheke mit zusätzlicher Berufsschule ist Pflicht. Darüber hinaus müssen weiterführende Kurse, wie zum Beispiel Erste Hilfe, belegt werden. Ein eidgenössischer Fähigkeitsausweis, der in ganzen Schweiz anerkannt wird, schließt die Ausbildung ab. Meine Kolleginnen besaßen hervorragende Kenntnisse in der Anwendung der Arzneimittel, waren in der Kundenberatung ausgesprochen fit. Sie hatten keinerlei Scheu, den Apotheker bei Problemen hinzuzuziehen. Ebenso musste ich häufig ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wenn mein Kunde französisch oder italienisch sprach.

Zehn Franken für den Notdienst

In der Schweiz gibt es eine Interkantonale Kontrollstelle für Heilmittel, IKS, die Medikamente in fünf Kategorien und nach verschiedenen Kriterien einteilt: Toxizität, Verträglichkeit, Indikationen, Wirkstoffmenge, Packungsgrößen. Kategorie A sind rezeptpflichtige Medikamente wie Antibiotika, die ohne Erlaubnis des Arztes nicht wiederholt werden dürfen. Kategorie B sind rezeptpflichtige Medikamente wie zum Beispiel Diclofenac-haltige Arzneimittel, Kategorie C ist apothekenpflichtig wie zum Beispiel Aspirin. Die Kategorie D darf in Apotheken und Drogerien verkauft werden, wie pflanzliche Arzneimittel und Kategorie E gibt es überall, auch in Supermärkten und an der Tankstelle. Die einzelnen Kantone sind allerdings frei, ob sie diese Regelung so annehmen oder abändern. Rohypnol steht im Wallis zum Beispiel unter Betäubungsmittelrecht. Auch hier darf nur der Apotheker Betäubungsmittel auf Rezept abgeben. Berechnet werden dafür 1.55 Schweizer Franken im Gegensatz zu 55 Pfennig in Deutschland. Trotz der drei Apotheken in Zermatt war es nicht möglich, einen Notdienst zu organisieren. Nach Ladenschluss wurden Telefonanrufe auf ein Handy umgeleitet. Der diensthabende Apotheker entschied dann, ob wirklich ein Notfall vorlag oder nicht. Da die Notdienstgebühr aber 10 Schweizer Franken beträgt, wurde dieser Service nur in wirklich dringenden Fällen genutzt.

Patienten tragen Verantwortung

Das Krankenkassensystem der Schweiz unterscheidet sich gravierend von dem in Deutschland. Die Versicherung ist obligatorisch, die Wahl der Kasse frei. Jeder ist mit einer Selbstbeteiligung privat versichert. Von allen Kosten, die anfallen, muss vom Patienten zusätzlich ein bestimmter Prozentsatz gezahlt werden. Damit trägt er sein Risiko zu weiten Teilen selbst. Die Bedingungen sind jedem Schweizer bekannt und Diskussionen über teure Arzneimittelpreise gibt es in Schweizer Apotheken nicht.

Will ein Patient sein Rezept über die Krankenkasse laufen lassen, muss er dem Apotheker einen Apothekenschein der Kasse mitbringen. Er bleibt drei Monate gültig und berechtigt den Apotheker, direkt mit der Kasse abzurechnen. Die Arzneimittelsicherheit ist sehr hoch, denn die Scheine garantieren, dass die Apotheke für den Zeitraum wirklich alle Rezepte des Patienten erhält und auf Wechselwirkungen hin kontrollieren kann. Der Apotheker muss allerdings in Vorkasse treten, denn abgerechnet wird erst am Ende des Quartals.

In unserer "vollcomputerisierten" Apotheke wurde das Rezept unter dem Namen des Kunden in das System eingegeben. Alle Rezepte, die in der Apotheke eingelöst worden waren, konnten eingesehen werden, einschließlich Wechselwirkungen. Als Service schrieben wir Dosierungsetiketten in Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch oder Portugiesisch. Für die Herstellung von Trockensaft oder Augentropfen erstatten die Krankenkassen den Apothekern eine Manipulationsgebühr von 1.50 Schweizer Franken. Das Rezept wurde dann in einer Mappe abgelegt. Innerhalb von drei Monaten kann der Patient das verordnete Medikament repetieren. Damit liegt die Kontrolle über die Einnahme ganz beim Apotheker, besonders bei Rezepten, auf denen Benzodiazepine zur Repetition aufgeschrieben waren. Die Dauerrezepte können sogar für ein halbes bis ein ganzes Jahr ausgestellt werden. Die Gefahr des Missbrauches ist hoch. Für die chronisch kranken Patienten bedeutet diese Regelung jedoch eine enorme Erleichterung und für die Krankenkassen Kostenersparnis. Eine genauere Kontrolle der Compliance ist möglich und die Erstattung des Arztbesuches fällt weg.

Alltag im Touristenort

Arbeit in einem Touristenort ist immer auch Saisonarbeit. In der Zwischensaison im Herbst und im Frühjahr ist ein wenig Erholung angesagt. Da arbeitet man auch mal nur 7,5 Stunden pro Tag und öffnet am Sonntag nur zwei Stunden die Apotheke. In der Hochsaison ist die ganze Woche fast durchgehend offen. Das bedeutet, auch samstags voll zu arbeiten und jeden zweiten Sonntag fünf Stunden. Mit einem Tag pro Woche bleibt dann nicht mehr so viel Zeit zum Wandern oder Skifahren. Das Publikum ist sehr gemischt und international; viele Japaner, aber auch Gäste aus Amerika, Kanada, Italien und Russland. Sprachbarrieren stellen einen da manchmal vor fast unlösbare Schwierigkeiten.

Viele Touristen viele Probleme: Einige hatten ihre Medikamente vergessen, zu wenige mitgenommen oder ihr Gepäck verloren. Da war es unsere Aufgabe, mit Hilfe internationaler Datenbanken, die in der Schweiz erhältlichen äquivalenten Medikamente zu finden. In der Schweiz gibt es so genannten Notrezepte, die vom Apotheker ausgefüllt werden, wenn die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente in dringenden Fällen erforderlich ist und der Patient den Arzt nicht erreichen kann. Aber nicht nur die fehlende oder vergessene Medikation machte den Touristen zu schaffen, sondern auch das ungewohnte Klima. Egal ob Sommer oder Winter, es gab viele starke Sonnenbrände und im Winter Erfrierungen. Herz-Kreislauf- und Blutdruckpatienten litten unter der Höhenluft. Nur selten war es jedoch nötig, sie deshalb zum Arzt zu schicken. Der Service der Schweizer Apotheken ist im Allgemeinen sehr gut. Im Alltagsgeschäft gehört es ganz selbstverständlich dazu, Kindern Holzsplitter aus den Finger zu ziehen, Schnittverletzungen mit Klammerpflastern zu versorgen, Blasenpflaster und Druckschutzpolster an die richtigen Stellen zu bringen und sogar, bei Abwesenheit des Arztes, Heparin zu spritzen.

Bei drei Apotheken in Zermatt war etwa ein Drittel der Einwohner Stammkunden in unserer Pharmacie International. Durch das System der Apothekenscheine legen sich die Schweizer im Laufe der Zeit auf eine Apotheke ihres Vertrauens fest. In einem kleinen Dorf kennt man irgendwann nicht nur die Beschwerden, sondern auch die Familiengeschichten. Eine tägliche Aufgabe war die Versorgung von Bewohnern des örtlichen Altersheimes. Jeden Vormittag kam Jacky, ein etwa 50-jähriger Mann mit Down-Syndrom mit der Bestellung der Medikamente, die in den Computer eingegeben wurden. Die Rezepte wurden zweimal im Monat von den Ärzten unterschrieben und wir konnten immer sicher sein, sie pünktlich zu erhalten. Die Mengen der Bestellungen und die Art der Medikamente verlangten besondere Aufmerksamkeit. Bei Zweifeln riefen wir entweder die zuständigen Schwestern oder den Hausarzt an.

In "Leerlaufzeiten", zum Beispiel in der Zwischensaison, wurde das Chemikalienlager geordnet und katalogisiert. Anders als bei uns liegt die Bestellung von Chemikalien und Drogen alleine in der Hand des Apothekers. Auch die Herstellung diverser Hausspezialitäten fiel in die etwas ruhigere Zeit. Neben der Murmeltierfettsalbe fertigten wir unterschiedliche Kapseln und eine Sonnenbrandlotion an. Auch neue Rezepturen wurden ständig ausprobiert und weiterentwickelt. Am Ende eines arbeitsreichen Tages haben die Zermatter einen wunderschönen Brauch: Man trifft sich nach Feierabend mit seinen Kollegen und Kolleginnen zu einem Ápero in einer der gemütlichen Bars, die man nur in den Bergen findet.

Anschrift der Verfasserin:

Cornelia Hansen
Forststraße 3
63179 Obertshausen
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