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Der angesehene Apotheker

03.11.2003
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Der angesehene Apotheker

von Christoph Friedrich, Marburg

In den letzten Monaten haben die deutschen Apotheker zahlreiche Angriffe gegen ihren Beruf hinnehmen müssen. Eine schallende Ohrfeige war die Verleihung des Start-Up-Gründerpreises an den Arzneimittelversender Ralf Däinghaus. Die meinungsmachenden Medien scheinen vom Wert der Apotheker für das Gesundheitswesen nicht überzeugt zu sein. Ein Blick in die Geschichte zeigt mögliche Ursachen für diese Entwicklung.

Die Ursprünge des Apothekerberufes liegen im arabischen Kulturkreis. Hier widmeten sich seit etwa Mitte des neunten Jahrhunderts Personen hauptberuflich der Arzneimittelzubereitung und dem Arzneimittelverkauf. Neben privat betriebenen „dakakin as-sayadila“, in denen Gewürze, Kräuter, aber auch Parfum feilgeboten wurden, existierten bereits in einigen Hospitälern eigene Apotheken (1). Die dort tätigen spezialisierten Arzneibereiter arbeiteten, wie Rudolf Schmitz ausführte, schon „auf hohem Niveau“ (2). Die Arzneimittelherstellung muss neben der Arzneimittelabgabe als wichtigste und gleichsam berufsformende Tätigkeit angesehen werden. Die komplizierten arabischen Rezepturen enthielten eine große Anzahl von Drogen, die in der Apotheke in guter Qualität vorrätig gehalten werden mussten und die zum Teil zu neuartigen Arzneiformen verarbeitet wurden, für die man sich auch alchemistischer Verfahren bediente. Eine Arbeitsteilung zwischen Arzt und Apotheker war deshalb sinnvoll.

Erfolgte im Mittelalter in Europa zunächst die Herstellung noch häufig unter der Aufsicht des Arztes, so erwarben die Apotheker zunehmend spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Herstellung von Arzneimitteln, die ihren Beruf für die Gesellschaft unverzichtbar machten. Wenngleich die Arzneimittelbereitung noch bis in das 19. Jahrhundert weitgehend empirisch und als eine Art „Kunsthandwerk“ betrieben wurde, waren es doch vor allem diese Kenntnisse und Fertigkeiten, die sich der Nachwuchs in einem längeren Ausbildungsprozess aneignen musste. Das spezialisierte Fachwissen trug wesentlich dazu bei, dass sich der Beruf des Apothekers zu einer Profession wandelte. Bis in die 1960er-Jahre war es die Arzneimittelherstellung, die die Kompetenz des Apothekers in den Augen der Bevölkerung ausmachte: Dass ein Apotheker Waren herzustellen verstand, die eine beträchtliche Wirkung im Körper auslösten und die er bisweilen sogar in einem geheimnisvoll anmutenden Laboratorium produzierte, verlieh ihm eine gewisse Aura.

Verlagerungsprozess

Seit dem 19. Jahrhundert hatte jedoch ein Prozess eingesetzt, der zu einer Verlagerung eines beträchtlichen Teils der Arzneimittelherstellung in Fabriken führte. Bemerkenswerte Entdeckungen von Apothekern wie die Isolierung von Arzneistoffen aus Drogen, wie Alkaloide (1804 Morphin, 1818 Strychnin, 1820 Chinin) und Glykoside, aber auch Innovationen auf dem Gebiet der Arzneistoffformulierung begünstigten diese Entwicklung. Hatten die Apotheker die „quasi industrielle“ Produktion von Arzneistoffen zunächst nahezu einhellig begrüßt, da sich zum Beispiel die Großherstellung von Pflanzeninhaltsstoffen als wesentlich wirtschaftlicher erwies als die Isolierung kleinerer Mengen unter Apothekenbedingungen, sahen sie in der Produktion von Vorratsgalenika und schließlich von so genannten Spezialitäten einen Eingriff in ihr Herstellungsmonopol. Unterstützt vom Deutschen Apotheker-Verein, führten zahlreiche Offizinapotheker bald einen erbitterten Kampf gegen diese „Spezialitätenflut“. Vorschläge wie die des Vortragenden Rates Johann Gottfried Langermann (1768 bis 1832), der sich in dem 1807 aus dem preußischen Innenministerium ausgegliederten Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten seit 1819 federführend mit Apothekenangelegenheiten beschäftigte, fanden wenig Beifall. Langermann hatte den Apothekern empfohlen, selbst die zentrale Großherstellung im Rahmen eines als Aktiengesellschaft betriebenen pharmazeutischen Zentrallaboratoriums zu übernehmen.

Zudem sollten die Offizinapotheker die Prüfung aller industriell produzierten Arzneimittel durchführen. Da dies eine zusätzliche Ausstattung der Apothekenlaboratorien mit analytischen Geräten und somit erhebliche Investitionen erfordert hätte, stieß der Vorschlag auf wenig Gegenliebe (3). Alle statt dessen in der Folgezeit geführten Kämpfe gegen die pharmazeutische Großindustrie zeigten sich jedoch als vergebliche Versuche, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Auch kleine Erfolge wie die Tablettenverordnung von 1902 konnten darüber kaum hinwegtäuschen. Die Bemühungen, die Herstellung von Tabletten und Ampullen in die Apotheke zurückzuholen, führte zwar zu einer verstärkten Beschäftigung der Offizinapotheker mit pharmazeutischer Galenik, war aber zum Scheitern verurteilt, da sich gerade Ampulle und Tablette als besonders geeignete Arzneiformen für die Großherstellung erwiesen (4).

Seit den 1960er-Jahren existiert das Herstellungsmonopol der Apotheker nicht mehr und die galenischen Arbeiten beschränken sich auf einige wenige Defekturarzneimittel sowie Individualrezepturen. Der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland sowie die beträchtliche Zunahme der Apothekenanzahl und zunächst noch recht gute Verdienstmöglichkeiten trösteten die Apotheker über den Verlust einer wichtigen Basisaufgabe hinweg. Nicht wenige von ihnen verlagerten ihre Interessen auf den kaufmännischen Sektor.

Kaufmann mit Verantwortung

Neben der Arzneimittelherstellung gehört der Handel mit Arzneistoffen und Arzneizubereitungen zu den ältesten Aufgabengebieten des Apothekers. Im Unterschied zur älteren Pharmaziegeschichte konnte Rudolf Schmitz (2) nachweisen, dass sich der Apothekerberuf als „ein Ergebnis des Differenzierungs- und Spezialisierungsprozesses innerhalb der mittelalterlichen Krämer- und Kleinhandelsgewerbe“ herausbildete, wobei sie diese Ausdifferenzierung ins 13./14. Jahrhundert datierten. Neben dem Arzneimittelhandel trug über Jahrhunderte ein reiches Nebensortiment, das alkoholische Getränke, Gewürze, Süßwaren, aber auch andere Waren des täglichen Bedarfs wie Tinte und Papier einschloss, dazu bei, die kaufmännischen Aktivitäten des Apothekers zu erweitern. Das in der Gegenwart immer als Gegensatz für die Pharmazie diskutierte Begriffspaar „Ethik contra Monetik“ ließ die kaufmännischen Aktivitäten der Apotheker allerdings in einem vornehmlich negativen Licht erscheinen. Dabei darf keinesfalls übersehen werden, dass auch andere akademische Professionen wie Ärzte oder Rechtsanwälte unter kaufmännischen Gesichtspunkten arbeiten und ihre Dienstleistungen zu gesellschaftlich akzeptierten Preisen verkaufen. Nicht unerwähnt bleiben darf ferner, dass gerade der Handel mit Arzneistoffen und Arzneimitteln besondere Anforderungen an die Fertigkeiten und Spezialkenntnisse des Pharmazeuten stellt, die sich dieser in einem langen Ausbildungsprozess aneignen muss.

Die Arzneimittelsicherheit gebietet, dass dieser Handel von besonders qualifizierten Personen durchgeführt und zugleich überwacht wird, was einen höheren Preis rechtfertigt. Der Apotheker ist im Übrigen nicht nur für die korrekte Abgabe der Arzneimittel, sondern ebenso für die Qualität und schließlich im Sinne einer Kontrolle auch für die Richtigkeit der Verschreibung verantwortlich. Jedoch erweist es sich als Defizit der Pharmaziegeschichtsschreibung wie auch der gegenwärtigen Außendarstellung, dass es den Apothekern nicht gelang, gerade die Tätigkeit des Arzneimitteldistributeurs als besonders verantwortliche Aufgabe der Öffentlichkeit zu vermitteln. Dabei bedarf es wohl nur wenig Fantasie, um sich Horrorszenarien vorstellen zu können, die eine unkorrekte Arzneimittelabgabe auszulösen vermag. Wesentlich größere Aktivitäten richteten sich in den vergangenen Jahren hingegen darauf, die Beratungskompetenz des Apothekers zu erweitern.

Der Gesundheitsberater

Obwohl auch der mittelalterliche Apotheker seine Arzneimittel nicht stumm und ohne Erläuterung ausgehändigt haben dürfte, sind Hinweise auf seine beratende Tätigkeit für diese Zeit relativ selten. Seit dem 17. Jahrhundert finden sich jedoch häufiger Belege, so in den Vorbemerkungen des Arztes Raymund Minderer zur „Pharmacopeia Augustana“ von 1613, in denen der Dienst am Nächsten und damit an der Bevölkerung als vornehmste Aufgabe des Apothekers apostrophiert und dieser aufgefordert wurde, das für den Kranken Notwendige mit dem für ihn Gefährlichen abzuwägen (5 a). Auch in der Kölner Pharmacopoea von 1627, in der der Apotheker als „dextera Medici manus“, als rechte Hand des Arztes, bezeichnet wurde, scheint eine beratende Tätigkeit vorgesehen gewesen zu sein, wenn im Vorwort ausdrücklich gefordert wird, dass sich der Apotheker „um Einsicht in den Sinn der ärztlichen Behandlung und die verordneten Mittel“ bemühen solle (5 b).

Wenn Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 bis 1837), der nicht nur Professor und Lehrer der Pharmazie war, sondern zeitlebens als Offizinapotheker wirkte, auf Anregung eines „allgemein geschätzte[n] würdige[n] Arztes“ 1797 eine „Chemische Receptirkunst oder Taschenbuch für practische Aertze“ verfasste, erwies er sich damit als Berater der Ärzte, indem er diesen „ein Buch in die Hand [gab], in welchen [!] sie sich leicht Raths erholen, wo sie mit einem Blicke die Stoffe übersehen könnten, welche sich zersetzen u.s.w. kurz welches sie vor jedem chemischen Fehler bewahrte“ (6). Auch in der „Vorrede“ seines zwei Jahre später erschienenen „Handbuch[s] der pharmacevtischen Waarenkunde“ betonte Trommsdorff, dass „Aerzten, denen daran gelegen ist, Kenntniss von den Mitteln zu erhalten, die sie verordnen [...] sich dieser Schrift wahrscheinlich auch mit einigem Nutzen bedienen können“ (7).

Während also noch zu Ende des 18. Jahrhunderts Mediziner, die damals für die Apothekenvisitationen verantwortlich zeichneten, an „Belehrungen“ durch wissenschaftlich ausgewiesene Apotheker interessiert waren, änderte sich dies in der Folgezeit. Die Aufspaltung der klassischen Materia Medica in das medizinische Fach Pharmakologie und die pharmazeutische Zweigdisziplin Pharmakognosie führte auch in Bezug auf die Arzneimittel zu einer strikten Arbeitsteilung. Während die Ärzte immer weniger Interesse an einer „pharmazeutischen Warenkunde“ zeigten, konzentrierten sich die Pharmazeuten mehr und mehr auf die chemische und botanisch-morphologische Seite der Arzneistoffe. Das eigentlich für einen Arzneimittelfachmann unverzichtbare Wissen über die Wirkung der Pharmaka fand in der pharmazeutischen Ausbildung hingegen nur marginale Berücksichtigung. Zwar enthielten die Lehrbücher zur Pharmazeutischen Chemie und Pharmakognosie immer auch pharmakologische Angaben, und auch in den Vorlesungen wurden diese mitbehandelt; jedoch avancierte die Pharmakologie erst 1971 in der Bundesrepublik Deutschland – in der DDR schon 1951 – zu einem Staatsexamensfach für Apotheker.

Fachkompetenz

Intensive Fort- und Weiterbildung – allerdings vornehmlich von Medizinern für Apotheker, während die umgekehrte Richtung äußerst selten blieb – haben die Fachkompetenz des Pharmazeuten auf diesem Gebiet inzwischen beträchtlich erhöht (8). Während davon in den öffentlichen Apotheken überwiegend die Patienten profitieren, besaß die Beratung der Ärzte durch Apotheker vor allem in den Krankenhäusern einen hohen Stellenwert. Jedoch entwickelte sich in der DDR unter den Bedingungen eines zentralistisch geführten staatlichen Gesundheitswesens, nicht zuletzt auf Grund zunehmender Versorgungsschwierigkeiten, eine weit engere Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker, wobei letzterer wiederum seine „Warenkenntnis“ den Medizinern zu vermitteln suchte.

Jedoch wird auch auf dem Gebiet der Arzneimittelinformation und -beratung die zweifelsohne beachtliche Kompetenz des Apothekers in der Öffentlichkeit noch zu wenig wahrgenommen. Berichte über Testverkäufe in Apotheken, in denen die Beratung ganz unterblieb oder sich als unzureichend erwies, vermochten die Apotheker kaum wirkungsvoll zu entkräften, obwohl zum Beispiel älteren Patienten in den Offizinen von jeher besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Diese werden aber offenbar nur selten in Meinungsumfragen einbezogen. Auch die „Aut-idem-Regelung“, die es dem Apotheker erlauben soll, seine Arzneimittel- sprich Warenkenntnis unter Beweis zu stellen, erbrachte nicht den erhofften Erfolg, möglicherweise, weil die Ärzte hier ein Eindringen in ihre Therapiehoheit befürchten. Unberücksichtigt blieb ferner, dass der Apotheker die Öffentlichkeit nicht nur in Arzneimittelfragen berät, sondern dank seiner weit gespannten naturwissenschaftlichen Kenntnisse auch bei vielerlei anderen Problemen.

Gelehrte und Naturforscher

Die Beschäftigung mit der Materia Medica, also den Arzneistoffen aus den „drei Reichen“, Pflanzen, Tiere und Mineralien, führte dazu, dass seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Natur noch stärker im Mittelpunkt der Interessen des Apothekers stand. So finden wir zunehmend Apotheker als Verfasser naturwissenschaftlicher Werke, zu denen neben Lehr- und Handbüchern der Chemie, der Technologie, der Botanik, der Zoologie und sogar der Physik auch Nachschlagewerke und Studien zu Spezialgebieten der Naturgeschichte zählten. Bevorzugtes Arbeitsfeld der Apotheker war die Chemie. Günstige Voraussetzungen für die Beschäftigung mit diesem Fach – neben speziellen Fertigkeiten vor allem das Vorhandensein eines Laboratoriums – versetzten den Apotheker in die Lage, chemisch-experimentelle Untersuchungen durchzuführen.

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert finden wir zahlreiche praktische Apotheker, die neben ihrer Tätigkeit in der Offizin intensiv wissenschaftlich arbeiteten. Als Prototyp des „nebenamtlich“ forschenden Pharmazeuten gilt der in Stralsund geborene und in Schweden wirkende Carl Wilhelm Scheele (1742 bis 1786).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es einigen Apothekern möglich, dank günstiger Verkäufe ihrer Offizinen, ihre wissenschaftlichen Neigungen – meist in fortgeschrittenem Alter – zur Hauptbeschäftigung zu machen. Eine Betätigung an Universitäten kam nur in Ausnahmefällen in Frage, erforderte diese doch eine Promotion oder Habilitation, die für ältere und häufig nur autodidaktisch in den Wissenschaften tätige Apotheker ausschied. Sie wirkten vornehmlich als Privatgelehrte (9).

Nach 1850 widmeten sich viele Pharmazeuten anstelle der Chemie vor allem den beschreibenden Naturwissenschaften wie der Botanik, der Zoologie und der Mineralogie. Einige von ihnen erlangten auch als Sammler geradezu legendäre Berühmtheit. Mit diesen Aktivitäten trugen Apotheker ganz wesentlich zum Ansehen ihres Berufes bei, galten sie doch häufig als Gelehrte und breit gebildete Naturforscher.

Aktiv in Politik und Kultur

Einige Apotheker bereicherten in ihren Heimatstädten und Gemeinden das gesellschaftliche Leben mit beachtlichen kulturellen Beiträgen. Wie bereits an anderer Stelle im Detail nachgewiesen, finden wir nicht wenige Apotheker, die den Grundstock für wertvolle Sammlungen oder gar Museen legten. Ausgangspunkt waren häufig die innerhalb der Apotheken entstandenen Naturalienkabinette, in denen sich neben Drogen der drei Reiche und Artificialia auch allerlei Kuriositäten befanden. Kunsthistorisch ambitionierte Apotheker sammelten pharmaziehistorische Exponate, wobei häufig die eigene altehrwürdige Apothekeneinrichtung den Ausgangspunkt bildete. Schließlich gab es wohlhabende Apotheker, die einen Teil ihres Vermögens zum Aufbau von Gemälde- und Büchersammlungen nutzten. Sofern all diese Sammlungen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden, trugen auch sie nicht unwesentlich zum Ansehen des jeweiligen Apothekers und seiner Familie bei (10).

Erwähnung verdient ferner, dass einige Apotheker selbst auf künstlerischem Gebiet hervortraten, indem sie sich als begeisterte Dilettanten der Dichtkunst, der Malerei oder auch der Musik verschrieben. In vielen Städten bereicherten sie das kulturelle Leben, wobei sie häufig neben Arzt, Pfarrer und Lehrer hervortraten. Als Angehörige des Bürgertums repräsentierten sie ein Stück bürgerlicher Kultur und prägten so das geistige und kulturelle Leben in Deutschland mit. Schließlich gab es zu allen Zeiten Apotheker, die kommunalpolitische Ämter übernahmen und häufig segensreich für ihre Stadt wirkten (11).

Politische und kulturelle Aufgaben werden heute noch von nicht wenigen Berufskollegen wahrgenommen. Es ist zu befürchten, dass mit dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz vieler Apotheker auch dieser Beitrag verloren gehen wird.

Der Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass das Ansehen des Apothekers keinesfalls auf einen einzigen Tätigkeitsbereich zu reduzieren ist. Vielmehr waren es im Verlaufe der Geschichte die vielfältigen Aufgaben und gesellschaftlichen Aktivitäten, die das Gesamtbild des angesehenen deutschen Apothekers in der Öffentlichkeit prägten. Dabei gab es solche Bereiche, die geradezu essenziell seit der Entstehung des Berufes dessen Profil prägten. Der Verlust einer so zentralen Aufgabe wie der Arzneimittelherstellung veränderte daher nicht unerheblich das Bild des Apothekers in der Öffentlichkeit. Es rächte sich, dass die Apotheker lange Zeit den Rückgang dieser Tätigkeit nicht wahrhaben wollten und deshalb zu spät darauf reagierten.

Unserer Generation ist es daher vorbehalten, im Sinne einer „Substitutionstherapie“ diesen Verlust auszugleichen. Die von einigen Apothekern praktizierten Versuche, an Stelle der Herstellung die kaufmännische Seite des Berufes zu forcieren, erwiesen sich indessen nur als bedingt zukunftsträchtig. Vielmehr gilt es, will der Apothekerberuf sein Ansehen erhalten beziehungsweise wiedergewinnen, alle jene Gebiete, die der Bevölkerung die Nützlichkeit unseres Berufes vor Augen führen, zu fördern. Trommsdorff und seinen Zeitgenossen gelang es, die Pharmazie von einer handwerklichen Kunst zu einer Wissenschaft weiter zu entwickeln. Sie waren bereit, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten ganz in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Sie überzeugten ihre Mitbürger, für die sie Mineralien- oder Mineralwasseranalysen angefertigt oder denen sie bei der Bestimmung von Pflanzen geholfen hatten, von der Nützlichkeit und Bedeutung ihres Berufes. Auch heute muss der Apotheker, gestützt auf seine wissenschaftlichen Kenntnisse, nachweisen, dass die Gesellschaft ihn braucht. Wenn dies in den nächsten Jahren gelingt, wird der Beruf eine Zukunft haben.

 

Literatur
(Auswahl)

  1. Dilg, P., Arabische Pharmazie im Lateinischen Mittelalter. In: Engels, O., Schreiner, P. (Hrsg.), Die Begegnung des Westens mit dem Osten. Kongreßakten des 4. Symposiums des Mediävistenverbandes in Köln 1991. Sigmaringen 1993, S. 299 - 317.
  2. Schmitz, R., Geschichte der Pharmazie, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters. Govi-Verlag Eschborn 1998, S. 266.
  3. Hickel, E., Pharm. Ztg. 118 (1973) 1635 - 1644, 119 (1974) 1837 - 1839
  4. Zentzis, K., Untersuchungen zur Entwicklung der Tablettenherstellung unter pharmazie- und technikgeschichtlichen Gesichtspunkten, Diss. Humanbiol. München 1985.
  5. Leidig, G., Zur Standesethik des Apothekers. Die Deontologia Pharmaceutica aus historischer Sicht. Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart 1887, S. 123 f. (a) und 129 (b).
  6. Trommsdorff, J. B., Handbuch der pharmacevtischen Waarenkunde. Zum Gebrauch für Ärzte, Apotheker und Droguesten. Gotha 1822, S. XII.
  7. Trommsdorff, J. B., Chemische Receptirkunst oder Taschenbuch für practische Aerzte welche bei dem Verordnen der Arzneyen Fehler in chemischer und pharmacevtischer Hinsicht vermeiden wollen. Erfurt 1797, S. VII.
  8. Staiger, Ch., Spezialisierung in der Pharmazie. Geschichte der apothekerlichen Weiterbildung. Govi-Verlag Eschborn 2002
  9. Friedrich, Ch., Pharm. Ztg. 137 (1992) 4086 - 4091.
  10. Friedrich, Ch., Pharm. Ztg. 146 (2001), 3667 - 3673.
  11. Friedrich, Ch., Pharm. Ztg. 145 (2000) 3995 - 4002.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Christoph Friedrich
Institut für Geschichte der Pharmazie
Roter Graben 10
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