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Auf zu neuen Ufern

25.10.2004  00:00 Uhr
Laufen lernen

Auf zu neuen Ufern

von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main

Wie kam der Mensch zum aufrechten Gang? Eine Vortragsreihe im Frankfurter Senckenberg-Museum geht dem „Rätsel Menschwerdung“ mit verschiedenen Fachvorträgen namhafter Wissenschaftler auf den Grund. Dass die Evolution vielleicht anders verlief als Charles Darwin meinte, versuchte Professor Carsten Niemitz aus Berlin mit einer originellen Idee zu belegen.

Unsere Vorfahren sind von den Bäumen gestiegen, um nach und nach im aufrechten Gang die afrikanischen Savannen zu erobern - für den Humanbiologen Niemitz ein weit verbreiteter Irrglaube. Alle Affen – auch die menschlichen Ahnen – waren auf ihren vier Füßen so schnell, geschickt und erfolgreich im Überlebenskampf, dass die Wissenschaft bis heute eine wesentliche Frage nicht schlüssig beantworten könne: Welchen immensen Vorteil sollte die wackelige und Energie zehrende Anfangsphase der Zweifüßigkeit gehabt haben? Und vor allem: Aus welchem überzeugenden Anlass richteten sich unsere Vorfahren nicht nur auf, sondern blieben gleich dauerhaft stehen? Schließlich mussten sie zunächst erhebliche Selektionsnachteile in Kauf nehmen und kompensieren. Sie waren langsamer als auf allen Vieren, und sie sahen ihre Feinde zwar besser, wären wahrscheinlich aber auch selbst schneller gesehen und gefressen worden. Den Grund, dass die Aufrichtung mehr Gewinn als Nachteile bot, fand Niemitz – im Wasser.

Denn hier und nicht auf den Bäumen oder in der Savanne entdeckten die Vor-Hominiden vor etwa sechs bis zehn Millionen Jahren ideale Nahrungsbedingungen. Aufrecht suchten die damals noch behäbigen und waffenlosen Wesen im seichten Schlick nach Muscheln, Schnecken und Pflanzen – im Vergleich zur aufreibenden Jagd in der Savanne fast ein Kinderspiel. Mit dem proteinreichen Mahl sicherten die Allesfresser gleichzeitig den Erhalt der Art.

Auch heute beobachten Verhaltensforscher, dass sich Primaten aufrichten, wenn sie auf Nahrungssuche in tieferes Wasser geraten. Auf Grund ihrer biologischen Konstruktion geschehe das auf den Hinterbeinen und sei keinesfalls selbstverständlich bei auf dem Land lebenden Vierfüßern. Man denke an die paddelnden Hunde beim Apportieren von Stöckchen.

Schneller auf langen Beinen

Ihre während der Evolution immer länger werdenden Beine verdanken unsere Urahnen, so Niemitz, ebenfalls dem „amphibisch“ lebenden Affen. Bei längeren Beinen fließe weniger Wasser gegen den Körper, was Energie spare und das Gehen oder sogar die Flucht ganz erheblich erleichtere. Im Gegensatz dazu mussten jene, die sich in der Übergangsphase noch unbeholfen durch die Steppe kämpften, bei plötzlich auftauchenden Feinden zurück auf alle Viere – alles andere wäre tödlich gewesen. Ein weiterer Selektionsfaktor sind aus Sicht des Evolutionsbiologen die konstruktiv noch unfertigen Gelenke an Hüfte, Knie und Fuß. Sie wurden durch den Auftrieb des Wassers weniger belastet, Stürze verliefen vergleichsweise glimpflich. „Als unsere Vorfahren schließlich so lange Beine hatten, dass der vierfüßige Gang wesentlich erschwert wurde, blieben sie wohl gleich aufrecht und konnten nun allmählich ihre Phase der Optimierung für eine auch wandernde Lebensweise beginnen.“

Der hohe Stellenwert des Wohlfühlfaktors Wasser ist bis heute bei unseren nächsten Verwandten zu erkennen. Flachlandgorillas genießen es beispielsweise, badewannentief im Wasser zu sitzen und Pflanzen zu weiden, Zwergschimpansen oder Bonobos scheuchen mit den Händen Schwärme kleiner Süßwasserkrabben zusammen, um sie gleich mit der Schale zu verzehren. Die anhaltend enge Bindung des Menschen ans Wasser, die der Berliner Biologe auf unsere Entwicklungsgeschichte zurückführt, bestätigten verschiede Feld-Studien seiner Forschergruppe. Das Wohlbefinden der Probanden korrelierte demnach jeweils eng mit der Anwesenheit von Wasser. Nicht ganz ernst gemeint ist in dem Zusammenhang der Hinweis, dass Seegrundstücke schließlich bis heute hohen gesellschaftlichen Wert besitzen und höchste Preise erzielen. Top

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