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Lachen bis der Arzt kommt

20.10.2003
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Clowndoktoren

Lachen bis der Arzt kommt

von Ulrike Abel-Wanek, Wiesbaden

Sie sind keine Ärzte, aber ihre Medizin hilft fast immer. Die Clowndoktoren besuchen Kinder in Krankenhäusern und helfen heilen – mit süßen Seifenblasen, dressierten Raupen und roten Zaubernasen, garantiert frei von Nebenwirkungen. Vor 10 Jahren startete das Projekt in den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) in Wiesbaden und brachte damit die amerikanische Idee des „clowndoctoring“ erstmals nach Deutschland.

Donnerstagmorgen, 10 Uhr. Im ruhigen, doch umtriebigen Foyer der HSK-Kinderklinik starten die Clowndoktoren zu ihrer Visite auf die Stationen. Sie tragen weiße Kittel, sonst ist alles bunt an ihnen: Strümpfe, Hüte, mit Spielsachen vollgepackte Taschen, die geschminkten Gesichter. Mit Aufsetzen der roten Nasen schlüpfen Dieter Gorzejeska und Patricia Dubois in ihre Rollen: Für Herrn Dr. Schienbein und Frau Dr. Swimming-Pool gehört schon das Aufzugfahren zum Spiel. Undenkbar, einfach nur still zu stehen und zu warten, bis die Tür aufgeht. Die Mitfahrer werden begrüßt, gegenseitig Kleider und Frisuren bestaunt und befühlt. Vor dem Eingang zur Kinderstation wartet die erste Herausforderung. Für ein Lächeln der verschüchterten vierjährigen Jasmin* legt sich die dressierte Raupe Valentino mächtig ins Zeug, werden Seifenblasen mit Erdbeer- und Schokoladengeschmack hervorgezaubert und „Eiskugeln“ fabriziert.

* Namen von der Redaktion geändert

Auf der Station erwarten Kinder und Eltern Dr. Schienbein und Dr. Swimming-Pool bereits sehnsüchtig. Den Clowns bleibt kaum Zeit für die Übergabe mit den Schwestern. Denn bevor sie zweimal wöchentlich die Zimmer der kleinen Patienten betreten, informieren sie sich gründlich über deren Gesundheitszustand. Sie erfahren, ob es Neuzugänge gibt, wie es den Langzeitpatienten geht, die sie mittlerweile gut kennen oder ob frisch operierte Kinder vielleicht nicht lachen dürfen. Alles, was hier besprochen wird, unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht.

Carolin ist 15, körperlich schwerst behindert und bettlägerig. Aber sie schafft es an diesem Morgen, gemeinsam mit den Mundharmonika spielenden Clowns zu musizieren. Rhythmisch bewegt sie ihre schmale Hand mit der Rassel und lächelt. Unterdessen turnen auf den Kindermöbeln des hellen, freundlichen Aufenthaltsraums vor den Zimmern ein halbes Dutzend ungeduldiger kleiner Patienten im Kindergartenalter herum. Fast alle Zimmer sind leer, also springen Dr. Schienbein und Dr. Swimming-Pool an Ort und Stelle gemeinsam auf einen Stuhl, um gleich darauf unter johlendem Gelächter ihres Publikums akrobatisch gekonnt wieder auf den Boden zu stürzen. Dass man dabei „schwere Verletzungen“ davonträgt, kommt bei den Kindern gut an, drängt doch das „schmerzende“, blau angemalte Bein des lustigen Doktors die eigenen Beschwerden und Ängste für diesen Moment in den Hintergrund.

Profis mit roten Nasen

Tüten werden hypnotisiert, entzündete Lachnerven mit roten Aufstecknasen kuriert und herunterfallende Telefonhörer souverän in die Spielsituation mit eingebaut. Dafür braucht man Know-how. Jeder der mittlerweile 24 aktiven Clowndoktoren ist Profi und hat eine langjährige Ausbildung als Clown, Pantomime und in Musik durchlaufen. Gleichzeitig benötigt er für die Arbeit in den zurzeit acht besuchten Kinderkrankenhäusern im Rhein-Main-Gebiet Sensibilität und Fingerspitzengefühl. Nicht jeder gute Clown, Pantomime oder Musiker ist auch ein guter Clowndoktor.

Mit viel Gespür beruhigen Dr. Schienbein und Dr. Swimming-Pool zum Beispiel einen dreijährigen Neuankömmling, der sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, den Schlafanzug angezogen zu bekommen. Das vorsichtige Angebot: „Dürfen wir hereinkommen?“, wird von den Eltern dankbar angenommen.

Um herauszufinden, wer für die Arbeit eines Clowndoktors geeignet ist, werden Bewerber auf Herz und Nieren von der in Wiesbaden ansässigen Clowndoktoren e. V. geprüft. Grundsätzlich wird eine künstlerische Ausbildung vorausgesetzt. Wichtig sind auch die persönlichen Motive. Guter Wille reicht nicht aus. Jeder wird zunächst probeweise auf die Kinderstationen geschickt. Denn die Clowns benötigen für ihre Arbeit andere Fähigkeiten als bei einem normalen Auftritt. Als Clowndoktor besucht man nicht nur Kinder aller Nationalitäten und jeden Alters, man muss sich auch mit Krankheit und Tod auseinander setzen.

 

„Hier kommt eine Gruppe von professionellen, äußerst sensibel agierenden Künstlern zu den Kindern und bringt auf eine ... Weise Lachen, Spaß und Freude in das Leben der Kinder, die dazu angetan ist, Belastungsmomente zu vermindern und reaktive depressive Verstimmungen so gut zu therapieren, wie es dem geschultesten Psychologen kaum gelingen kann.“

Professor Dr. Michael Albani, Leiter der Kinderklinik der Dr.-Horst-Schmidt-Klinik, Wiesbaden

 

Der Verein der Clowndoktoren entwickelte deshalb ein halbjähriges Trainingsprogramm, in dem der frisch gebackene Kandidat mit wechselnden Teams seine Fähigkeiten testen und verbessern kann. Die wichtigsten Regeln über den Klinikalltag und hygienische Vorschriften gehören auch dazu. Im Anschluss an einen Tag in der Klinik gibt es Tipps und Kritik von den Ausbildungsleitern. Einmal im Monat sprechen die Clowns über ihre Erfahrungen bei den Visiten, Probleme und mögliche Verbesserungen. Gleichzeitig erhalten sie Supervision eines geschulten Psychologen. Das alles hilft, Professionalität und Qualität zu gewährleisten und das Programm fortwährend weiterzuentwickeln.

Dr. Mona Lisa Zugabe alias Laura Fernandez ist Gründungsmitglied und künstlerisch-pädagogische Leiterin des Vereins der Clowndoktoren. Die gebürtige New Yorkerin und ausgebildete Schauspielerin war Mitglied des seit 1986 aktiven New Yorker Big-Apple-Circus, der heute 110 Clowns beschäftigt, die als Ärzte verkleidet die Kinderstationen verschiedener Krankenhäuser in New York, Boston und weiteren Städten besuchen. Dr. Mona Lisa Zugabe, Dr. Schnickschnack und Dr. Paula Südwind fanden 1993 in der Klinikleitung und in Professor Dr. Michael Albani, dem Leiter der Kinderklinik der HSK, aufgeschlossene Förderer ihrer Idee. Bis heute schlossen sich sieben weitere Kinderkrankenhäuser in Mainz, Offenbach, Darmstadt, Rüsselsheim, Frankfurt und Gießen dem Projekt an. Eltern, Klinikpersonal und Ärzte sind überzeugt, dass die Clowndoktoren den Genesungsprozess der Kinder unterstützen. Durch die Einbeziehung der kleinen Patienten in ihre Späße fördern sie die gesunde, spielerische Seite, aktivieren deren Selbstheilungskräfte und ergänzen die medizinische Therapie mit der Kraft des Humors. Dem Krankenhausaufenthalt wird etwas von seiner Ernsthaftigkeit genommen.

Auf der anderen Seite helfen den Künstlern ihre Rollen als Dr. Düsentrieb oder Dr. Schlau-Schlau, die zum Teil sehr belastenden Erfahrungen auf den Kinderstationen besser zu ertragen. „Meine Clownin kann mit Tod, Abschied und Trauer viel besser umgehen, als die Privatperson,“ sagt Claire Porcellana alias Dr. Tralala.

Spenden erwünscht

Damit zwei Clowns zwei Tage in der Woche ein Jahr lang eine Kinderklinik besuchen können, benötigt der Verein etwa 50.000 Euro. Der Betrag deckt die Kosten für Honorare und Training, Kostüme, Spielzeug und Öffentlichkeitsarbeit. Die Finanzierung erfolgt allein durch Spenden. Seit der Vereinsgründung 1994 konnten über 1000 Firmen, Stiftungen, Vereine und Privatpersonen für die Unterstützung des Projekts gewonnen werden. Wenn die Wirtschaft lahmt und viele Menschen sparen müssen, fällt das Spendenaufkommen jedoch deutlich geringer aus. Beate Schöffel, Geschäftsführerin des Vereins und verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit, Spendenaktionen und Sponsoren, ist deshalb unablässig auf der Suche nach neuen Geldquellen – damit die beliebten Clowndoktoren ihre Visiten auch weiterhin mit der Frage beginnen können: „Dürfen wir hereinkommen?“

 

Die Clowndoktoren e. V.
Rheingoldstraße 5
65203 Wiesbaden

Telefon (06 11) 9 41 01 76
Fax (06 11) 42 40 04

info@clown-doktoren.de
www.clown-doktoren.de

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