Pharmazeutische Zeitung online

Kunst steckt nicht nur in den Genen

17.10.2005  00:00 Uhr
Ausstellung

Kunst steckt nicht nur in den Genen

von Ulrike Abel-Wanek, Eschborn

Ist es die individuelle Begabung oder die familiäre Prägung, das genetische Erbe oder soziokulturelle Milieu, das die Künstlerpersönlichkeit formt? Die Münchner Ausstellung »Künstlerbrüder« geht jetzt auf die spannende Suche nach dem Ursprung der geistigen Fähigkeiten des Menschen.

Unter den Künstlern nehmen Geschwister einen besonderen Platz ein. Denn anders als Freunde und Mitglieder von Gruppen, die durch gemeinsame Interessen zueinander finden, wachsen sie meistens miteinander auf. Ihre Verwandtschaft, die im statistischen Mittel 50 Prozent der Erbanlagen beträgt, und ihre Verwurzelung in demselben soziokulturellen Milieu wirken sich ­ so die Grundthese der Ausstellung ­ maßgeblich auf die künstlerischen Persönlichkeit aus.

Aus einer Fülle von Beispielen für Geschwister in der Kunst präsentiert die Ausstellung 250 Werke aller künstlerischen Gattungen. Der Schwerpunkt liegt aus Gründen der Vergleichbarkeit auf Malerei und Zeichnung. Darüber hinaus werden auch Skulptur, Design und Video in die Präsentation miteinbezogen. In pointierten Gegenüberstellungen treffen dabei große Namen auf nur wenig bekannte Künstler ­ etwa Albrecht auf Hans Dürer, Marcel auf Suzanne Duchamp. Der kunsthistorische Bogen spannt sich vom frühen Mittelalter über die großen Malerschulen der Neuzeit bis in die Kunst der Gegenwart. Die Auswahl ist mit Absicht breit angelegt, um zu beschreiben, wie kulturelle Voreinstellungen das Verhalten der Geschwister beeinflussen. Der viele Jahrhunderte umfassende Ansatz der Ausstellung legt die wechselnden historischen Bedingungen offen, unter denen Geschwister immer wieder Lösungen gefunden haben, ihre natürliche Konkurrenz in produktive Bahnen zu lenken.

Das kinderreiche Mittelalter ist stark durch patriarchalische Zwänge und Gilderegeln geprägt, sodass dem Erstgeborenen ­ auch wenn er in seiner Begabung den anderen Geschwistern nachsteht ­ in Werkstattbetrieb und Erbfall immer das Vorrecht zukommt. Erst im Barock mehren sich die Anzeichen für ein partnerschaftliches Zusammenarbeiten. Die Romantik schließlich bekennt sich ausdrücklich zum Ideal der multiplen Autorschaft ­ nicht zuletzt, da sie vom Ideal einer geistigen Brüderschaft geprägt ist. Der Titel der Ausstellung »Künstlerbrüder« gibt diesem Gedanken Ausdruck.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts verliert die Familie als Kerneinheit für die Weitergabe von Stil und spezialisiertem Kunstwissen zunehmend an Bedeutung, bevor im frühen 20. Jahrhundert der moderne Künstler mit der Tradition bricht und einen gesteigerten Wert auf seine Unverwechselbarkeit legt.

Da in jedem Geschwister ein potenzielles Einzelkind steckt und jedes Einzelkind Verhaltensmuster aufweist, die sich aus dem Fehlen von Geschwistern erklären lassen, beschäftigt sich die Ausstellung mit elementaren Erfahrungen, die jedem Menschen vertraut sind. Mit ihrem Anspruch, Feldforschung auf einem ebenso unbekannten wie spannenden Gebiet zu betreiben ­ an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst ­, bietet sie viel Überraschendes und wendet sich an jeden, der sich über die Funktionsweisen des biologisch-geistigen Netzwerks des Menschen Gedanken macht.

In Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft sind Veranstaltungen geplant, an denen Fachleute aus der Kunstwissenschaft, Familiensoziologie, Gen- und Zwillingsforschung sowie Künstlergeschwister selbst teilnehmen werden.

 

Künstlerbrüder
Von den Dürers zu den Duchamps
19. Oktober 2005 bis 22. Januar 2006
Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1
80538 München
Telefon (089) 2 11 27-1 13
Fax: 2 11 27-1 57
mail@hausderkunst.de

  Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa