Pharmazeutische Zeitung online

Ins Glas gebissen

13.10.2003
Datenschutz bei der PZ

Giftschlangen

Ins Glas gebissen

von Brigitte M. Gensthaler, Hammerau

Seit acht Jahren leitet Frank Wegener eine Schlangenfarm im beschaulichen Berchtesgadener Land. Mit großer Sorgfalt kümmert er sich um seine Tiere und melkt sie regelmäßig. Dabei ist höchste Vorsicht angebracht, denn seine Schützlinge können lebensgefährlich beißen.

Die kurze Beschreibung auf den Schildern an den beleuchteten Terrarien liest sich wie ein „Who is who“ der giftigsten Landtiere. Eine Kapkobra träumt neben der Gabunviper; eine Levanteotter räkelt sich im Terrarium neben der Ägyptischen Kobra; die Puffotter döst neben den Texasklapperschlangen und den Tropischen Klapperschlangen. Gefragte Raritäten, aber nicht minder giftig sind die beiden aufgeregten Albino-Monokelkobras mit den roten Augen und daneben eine leuzistische Monokelkobra, die ebenfalls hell gezeichnet ist, aber dunkle Augen hat. Der Besucher kann zahlreiche Tiere in Terrarien hinter Sicherheitsglas bewundern.

Wer beim Anblick der hochgiftigen Reptilien in innere Bedrängnis gerät, der kann sich den Riesenschlangen zuwenden. Wie ein dickes Knäuel liegt eine Dunkle Tigerpython, die zweitgrößte Riesenschlange der Welt, auf dem Fensterbrett eines zu einem Terrarium umgestalteten Zimmers und schaut ins Voralpenland. Gleich daneben rollt sich eine Gelbe Anakonda. Die Abgottschlange, besser bekannt als Boa constrictor, ist gerade mit der Häutung beschäftigt.

Spiel mit dem Tod

18 verschiedene Giftschlangen-Arten hält Wegener auf seiner Farm, etwa 200 Tiere insgesamt. Nicht zum Vergnügen – auch wenn er jedes einzelne Reptil kennt und sichtlich besorgt darum ist. Er ist einer der beiden professionellen Schlangenfarmer in Deutschland. Die andere, ältere Farm liegt in Schladen im Kreis Goslar. Wegener gewinnt Schlangengift, das der Pharmaindustrie als Ausgangsstoff für Arzneimittel gegen Rheuma, Ischiasbeschwerden und Gicht lieb und teuer ist. Natürlich werden auch Antiseren daraus hergestellt.

Die Arbeit ist nichts für schwache Nerven: „Alle Tiere hier haben lebensbedrohendes Gift. Der Umgang mit ihnen ist ein Spiel mit dem Tod“, erklärt der Fachmann. Wegener lehnt mechanische Hilfsmittel, die den Kopf des Reptils vor und bei der Giftabnahme festhalten, strikt ab. „Die Fixierung des Kopfes ist und bleibt Tierquälerei; davon habe ich mich völlig distanziert.“ Greifzangen und Fixierstäbe führen zu Verletzungen, vor allem an der Halswirbelsäule, an denen das Tier über kurz oder lang stirbt.

Während medizinische Nutztiere die Tortur oft nur eineinhalb Jahre überleben, kann Wegener einige „Senioren“ präsentieren. Eine Indische Brillenkobra, die auch schon im Fernsehen zu sehen war, und eine Puffotter leben seit sieben Jahren auf der Farm und werden regelmäßig gemolken.

Regelmäßig bedeutet für ein Tier auf der bayerischen Schlangenfarm: alle 28 Tage. Gesetzlich vorgeschrieben ist ein Melkabstand von drei Wochen. Während der Häutung, die mehrmals pro Jahr stattfindet, bleiben die Tiere in ihrem Refugium, denn: „Während der Häutung sehen Schlangen schlecht. Es wäre ein großer Stress für sie, wenn sie gerade dann aus dem Terrarium genommen und gemolken würden.“

Brillenkobra bei der Melkung

Wegener fixiert die Schlangen mit der Hand – eine Methode, die er selbst entwickelt hat und perfekt beherrscht. Details will er nicht erklären, und bei der Vorführung geht alles blitzschnell. Das muss auch sein, denn „meine Zugreifzeit muss kürzer sein als die Reaktionszeit der Schlange“. Und die beißt innerhalb von 1/25 einer Sekunde zu.

Jeden Sonntagnachmittag führt der Schlangenexperte, ursprünglich Rettungsassistent, die Melkung öffentlich vor. Diesmal ist Naja naja naja, die Indische Brillenkobra, an der Reihe. Der Fachmann angelt das Tier mit einem Schlangenhaken aus dem Terrarium, trägt es in einem Eimer in den Vorführraum – und beginnt zu erklären. Wichtig ist ihm, dass Schlangen nicht angriffslustig sind. „Es ist ein Märchen, dass eine Schlange einem Menschen nachkriecht, um ihn zu beißen.“ Die Tiere würden nur beißen, wenn sie sich angegriffen und bedroht fühlen. Oftmals warnen sie den vermeintlichen Angreifer durch Zischen und Aufrichten.

Das tut die Brillenkobra auch, die Wegener mit einem pfeilschnellen Griff am Schwanz packt, aus dem Eimer hebt und auf einem Tisch ablegt. „Die risikoloseste Variante.“ Deutlich ist, dass die Schlange nur fliehen will. Als das nicht gelingt, richtet sie sich auf, droht, zischt und versucht zu beißen. Immerhin ist diese Art für die meisten tödlichen Bissunfälle in Indien verantwortlich. Wegener hält sie auf Abstand, stößt schließlich mit der linken Hand zu und fixiert den Kopf. Dieser Griff muss „sitzen“. Der Fänger muss den Kopf der Schlange auf Anhieb richtig packen, denn Zeit für Korrekturen lässt sie nicht.

Als er ihr ein Glas, über das eine Plastikfolie gespannt ist, anbietet, schlägt die Schlange ihre zwei bis drei Millimeter langen Zähne ins Plastik. Die wertvollen Tropfen rinnen an der Glaswand herunter. Sie enthalten etwa 90 Prozent Nervengift und circa zu je 5 Prozent ein Herz- und Blutgift. „Ein Tropfen reicht aus, um zwei bis drei Menschen zu töten.“ Die Flüssigkeit wird anschließend über Blaugel getrocknet und kristallisiert zum Rohtoxin. Auf etwa 30 mg schätzt der Fachmann die aktuelle Ausbeute an Naja-naja-naja-Rohtoxin.

Jährlich gewinnt Wegener insgesamt etwa 300 bis 400 g Rohtoxin, das er an die Pharmaindustrie, vor allem innerhalb Deutschlands, verkauft. Näheres verrät er nicht, nur so viel: „Gifthandel ist Vertrauenssache.“ Die Frage nach besonders begehrten Giften quittiert er mit einem Lächeln.

Giftreservoir wird nie leer

Giftschlangen sondern je nach Beutetier unterschiedliche Mengen Gift ab und können auch „trocken“ zubeißen. Leer sind die Giftdrüsen nach dem Biss keineswegs. Schlangen geben immer nur einen Teil ihres „Vorrats“ ab. In etwa zehn Tagen ist das Reservoir wieder gefüllt. Werden die Schlangen nicht gemolken, produzieren sie auch kein neues Gift.

Dafür wechseln sie regelmäßig alle vier bis sechs Wochen die Giftzähne, da diese durch den Gebrauch stumpf werden. „Aber auch mit einem abgenutzten Giftzahn können Sie ein Blatt Papier wie mit einer Rasierklinge durchschneiden“, weiß der Experte.

Die Brillenkobra ist also auch nach dem Melken noch extrem gefährlich. Ihr Biss verursacht zunächst brennende Schmerzen, die schnell nachlassen und einem Taubheitsgefühl weichen. Das Opfer wird bewusstlos. Der Tod tritt in wenigen Stunden durch Lähmung des Atemzentrums ein. So viel Zeit bleibt nach dem Biss der Kapkobra, einer der giftigsten Schlangen, nicht: Ihr Opfer stirbt in wenigen Minuten an Atemstillstand.

Sekunden für die Soforthilfe

Das passende Antiserum zu verabreichen, ist zweifelsohne nützlich, garantiert aber nicht für einen guten Ausgang der Attacke. Auch nach einem behandelten Biss schwebt der Mensch mehrere Tage in akuter Lebensgefahr, erklärt Wegener. Er betont die Sofortmaßnahmen, die innerhalb von fünf Sekunden (!) einsetzen müssen: Bissstelle unter fließend warmem Wasser ausdrücken und oberhalb eine Stauung, keine Abbindung anlegen. Die Wunde soll möglichst stark aus den Bisskanälen bluten, darf aber nicht künstlich erweitert werden. So gewinne man Zeit für den Transport ins Krankenhaus.

Die mitunter empfohlene Methode, die Wunde auszusaugen, sei „Selbstmord“. Über kleinste Verletzungen der Mundschleimhaut wird das Gift hervorragend resorbiert und gelangt sehr schnell ins Gehirn. Aus diesem Grund enden Bisse ins Gesicht oft tödlich.

Das Festhalten und Melken hat die Brillenkobra nicht über Gebühr erregt. Sie züngelt über den Tisch und versucht zu entwischen. Doch Wegener hat einen festen Griff und setzt die Schlange zurück in ihr temperiertes Terrarium. In 28 Tagen ist sie wieder dran. Bis dahin heißt es fressen, trinken, dösen – und Gift produzieren.

 

Schlangenbesuch Die Farm in Hammerau zwischen Freilassing und Bad Reichenhall besteht seit Dezember 1995. In den Ausstellungskäfigen befinden sich ausgesuchte Schlangenarten. Neben Giftschlangen wie Monokelkobras, Brillenkobras, Mokassinottern, Kapkobras, Gabunvipern, diversen Klapperschlangenarten und Puffottern sind auch Riesenschlangen wie Anakondas, Boas, Aeskulapnattern oder Kornattern und diverse Geckoarten zu sehen. Die Tiere werden in so genannter biologischer Haltung gepflegt. So können sie - im Gegensatz zur sterilen Reptilienhaltung - ein gesundes Immunsystem aufbauen.

Die Farm kann an Sonn- und Feiertagen von 12 bis 17 Uhr besichtigt werden. Dabei zeigt der Besitzer auch die Melkung. Weitere Informationen:

Schlangenfarm Berchtesgadener Land
Bahnhofstraße 27
83404 Ainring/Hammerau
www.schlangenfarm.com

  Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa