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Von Gutenberg zum E-Book

14.10.2002
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Von Gutenberg zum E-Book

von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main

Trotz wirtschaftlicher Flaute und Rückgang der Ausstellerzahl: Die gerade zu Ende gegangene weltgrößte Bücherschau in Frankfurt gab keinen Anlass zum Pessimismus. Gelesen wird immer noch. Aber so wie die Messe selbst, haben sich auch die Lesegewohnheiten gewandelt und die Verlage müssen umdenken.

Seit der Erfindung der Druckerpresse durch Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert hat das Buch einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Schon vorher war die Lust auf Geschriebenes groß. Das Begehren wohlhabender Bürger nach religiöser und fachlicher, handschriftlich gefertigter, Literatur ließ Gutenbergs Erfindung auf fruchtbaren Boden fallen. Endlich konnten Bücher mit Hilfe der beweglichen Metalllettern in hundertfacher Auflage hergestellt werden.

Es war der Mainzer Gutenberg, der den Grundstein legte für den Bücherhandel im großen Stil. Am Ausgang des Mittelalters wird in Frankfurt, nur wenige Kilometer entfernt von Mainz, erstmals eine „Büchermeß“ urkundlich erwähnt.

Wie heute traf sich dort alles, was Rang und Namen in der Branche hatte. Berühmte Gelehrte und Schriftsteller diskutierten in liberaler, dem freien Geist verpflichteter Atmosphäre. Martin Luther konnte hier seine Schriften anbieten obwohl er in anderen Teilen Deutschlands als Ketzer gebrandmarkt war.

Bis ins 17. Jahrhundert blieb Frankfurt die Buchmesse-Stadt, dann läuteten radikale politische und kulturelle Umwälzungen den Niedergang des Standorts ein. In Zeiten des Glaubenskampfes vertrieben Zensur und Kontrolle den Liberalismus. Die lateinische Büchersprache verschwand zu Gunsten der verschiedenen Landessprachen - der internationale Handelsplatz verlor an Bedeutung. In der Folge des Dreißigjährigen Krieges verschob sich darüber hinaus das geistige Zentrum Deutschlands in den Norden. Leipzig mit seinen Absatzmärkten im reformierten Norden und Osten übernahm die Rolle der Buchmesse-Stadt. 1750 erschien der Frankfurter Messkatalog zum letzen Mal, den es seit 1564 regelmäßig gegeben hatte.

Fast genau 200 Jahre später startete das Buchhandelszentrum Frankfurt seine zweite Karriere. Den 205 deutschen Ausstellern, die vom 18. bis 23. September 1949 in der Frankfurter Paulskirche zusammen kamen, standen 2002 fast 6400 Aussteller aus 110 Nationen gegenüber. Heute findet in Frankfurt jährlich die größte Büchermesse der Welt statt. 1976 startete sie mit Schwerpunktthemen. Seitdem nutzt jeweils ein Gastland, wie in diesem Jahr Litauen, den bombastischen Bücherrummel dazu, seine Kultur und Literatur unter das leselustige Volk zu bringen. Spätestens seit 1993 hielten dann die Neuen Medien Einzug ins Reich der Buchstaben. Elektronisches Publizieren hat seit dem einen festen und erfolgreichen Platz im Verlagswesen.

Mehr als 80 000 Novitäten drücken jährlich auf den deutschsprachigen Büchermarkt. 510 Millionen deutsche Bücher werden produziert. Parallel dazu finden immer weniger Menschen den Weg in eine Buchhandlung. In schwierigen Zeiten sind mehr denn je neue Ideen und Tugenden wie Kreativität und Neugier gefragt.

Ruf nach Harry Potter

„Es erscheinen so viele Bücher, dass es unmöglich ist, den Überblick zu behalten.“ Diesen Satz hielten einer Studie der Stiftung Lesen zufolge 74 Prozent der Befragten für zutreffend. Immer weniger scheinen bereit, sich mit Ausdauer durch einen großen Bücherberg zu kämpfen. Viele lesen seltener, oberflächlicher und brechen die Lektüre schnell ab, wenn sie ihren Vorstellungen nicht entspricht. Oft werden die Seiten nur noch überflogen. Außer knappen Kassen auch ein Grund dafür, dass viele Verlage verstärkt auf die großen Namen ihrer Bestseller-Autoren setzen. Denn „in wirtschaftlichen Krisenzeiten kaufen die Deutschen weniger Bücher“, sagte letzte Woche Buchmesse-Chef Volker Neumann. Betroffen sind besonders die Bereiche Belletristik und Sachbuch.

Glücklich schätzen kann sich der, der Joanne K. Rowling mit Harry Potter unter Vertrag hat. Die Aktien der englischsprachigen Originalverlage schnellten nach Ankündigung des fünften Bandes erst mal in die Höhe. 150 Millionen mal verkauften sich die „Schnelldreher“ weltweit seit Erscheinen des ersten Bandes.

Also kein Grund zum Pessimismus? Die Stiftung-Lesen-Studie entlarvte zwar 38 Prozent der Befragten, höchstens fünf Bücher im Jahr zu lesen. Aber auch wenn vier davon Harry-Potter-Bücher sind, stehen der Zahl 28 Prozent gut informierte Vielleser gegenüber.

Der Bereich Wissenschaftsbuch verzeichnet weltweit sogar einen kleinen Boom. Die zunehmende Bedeutung des Gesundheitssektors spiegelte sich beispielsweise auch an den Ständen der medizinischen Verlage.

Gesundheit hat Konjunktur

Gefragt, was ihnen am wichtigsten sei, nennen die meisten Menschen die Gesundheit. Trotz wirtschaftlicher Engpässe und Sparmaßnahmen reagierten viele Buchmesse-Aussteller auf den Gesundheitsboom mit zahlreichen Ratgebern und neuer Fachliteratur. Auf den Gebieten Medizin und Psychologie gab es rund 1100 nationale und internationale Titel. Verschiedene Neuerscheinungen widmeten sich dem Thema Naturheilverfahren. Alternativ oder zusätzlich zur Schulmedizin gaben Verlage aus Asien Einblicke in die Akupunktur, Akupressur oder die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM).

Auch Publikationen zur Diagnostik und Therapie von Kopfschmerz und Migräne standen bei unterschiedlichen Ausstellern auf dem Programm. Fast 70 Prozent der Deutschen leiden regelmäßig oder sporadisch darunter. Behandlungsmöglichkeiten mit Arzneimitteln werden in den Veröffentlichungen ebenso berücksichtigt wie die Möglichkeiten zur Vorbeugung ohne Medikamente. Weitere Messeschwerpunkte in Sachen Gesundheit waren die Behandlung von Tumorschmerzen, Demenzerkrankungen, Herzkrankheiten oder Tinnitus.

Eine interessante neuere Forschungsrichtung ist die biologische Psychiatrie. „Brave New Brain“ von der Psychiatrie-Professorin Nancy Andreasen (Springer-Verlag) betrachtet seelische Störungen durch die biologische Brille. Eine anhaltende Depression zum Beispiel verändert das Zusammenspiel der chemischen Botenstoffe im Gehirn und das Ungleichgewicht der Moleküle wirkt negativ auf das Gefühlsleben zurück. Auch bei anderen seelischen Störungen fanden Forscher Veränderungen in Stoffwechsel und Anatomie des Gehirns. Fast die Hälfte der Aussteller aus dem Bereich Medizin boten nicht nur Bücher, sondern auch elektronische Produkte an. Sie griffen damit einen Trend auf, den die Buchmesse Frankfurt zum ersten Mal in diesem Jahr in einer eigenen Halle zum Thema machte: Im Bereich Media und Information ging es hier um Wissenstransfer, neue Formen des Lernens und digitale Medien insgesamt. Hier aber warnt die Stiftung Lesen: Lesefähigkeit und Lesepraxis sind „unabdingbare Voraussetzungen, um in einer multimedial geprägten Gesellschaft mitzuhalten.“ Top

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