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Museum im Kaufrausch

30.09.2002  00:00 Uhr

Ausstellung

Museum im Kaufrausch

von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main

Gar nicht museal wirkt die aktuelle Ausstellung „Shopping“ der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Durch das Drehkreuz eines komplett eingerichteten Supermarkts betritt der Besucher eine ihm vertraute, alltägliche bunte Welt der Waren. Die Ausstellung nimmt die Geschichte von Kunst und Konsumkultur ins Visier und wirft einen Blick auf das Freizeitvergnügen Nummer eins: das Einkaufen.

Flanieren, entdecken, auswählen, sich verführen lassen. Das Einkaufen und Konsumieren ist ein zentraler Teil der modernen, urbanen Existenz und mehr als die bloße Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse. „Es ist das wesentliche Ritual des öffentlichen und gemeinschaftlichen Lebens, durch das Identität geschaffen und gewandelt wird“, sagt Max Hollein, Museumsdirektor der Schirn und Ausstellungskurator. Gemeinsam mit Christoph Grunenberg, Direktor der Tate Liverpool, brachte er jetzt eine Ausstellung nach Frankfurt, die nicht nur für Schnäppchenjäger interessant sein dürfte. Hier finden sich unter anderem Arbeiten von Man Ray, Marcel Duchamp, Claes Oldenburg, Christo, Joseph Beuys oder Jeff Koons. Max Hollein: „Es ist die erste Ausstellung, die sich eingehend mit dem Zusammenhang von Konsumkultur und moderner sowie zeitgenössischer Kunst befasst. Shopping entführt die Besucher in das weite Land zwischen Sein und Schein.“

Kunst und Konsum sind lange Weggefährten. Schon früh übten Strategien, Verführungstechniken und die Ästhetik der Warenpräsentation eine große Faszination auf die Kunst aus. Die Schau in der Schirn präsentiert deshalb nicht nur aktuelle Gegenwartskunst, sondern spannt einen hundert Jahre umfassenden Bogen mit mehr als 60 Künstlern und über 200 Arbeiten.

Meilensteine

Fotografien von Eugène Atget von 1902 stammen aus der Zeit, als die neu entstandenen Warentempel in den Metropolen „das urbane Leben und die Shopping-Gewohnheiten der Bürger tief greifend zu verändern begannen“. Wichtige historische Meilensteine der Ausstellung sind Fotografien aus der Zeit des Bauhaus mit ihrer seriellen Anordnung von Waren, die erste Zur-Schau-Stellung von Körpern mit Schaufensterpuppen und Werke der Pop-Art. Andy Warhols berühmte Brillo-Boxes „imitieren durch Aneinanderreihung und Wiederholung sowohl die Massenherstellung als auch die Illusion des grenzenlosen Überflusses“. Nach dem zweiten Weltkrieg öffnete sich die Pop-Art der Alltagskultur und reflektierte sie als stilbildende, identitätsstiftende Ikonen der Gesellschaft wie keine andere Kunstrichtung bis dahin. Rekonstruiert für die Ausstellung wurde der legendäre „American Supermarket“ von 1964 mit Arbeiten von Warhol, Roy Lichtenstein und Jasper Johns. In Claes Oldenburgs „Store“ von 1961 gab es das gesamte Spektrum des Alltagsbedarfs wie Nahrung, Kleider oder Schuhe zu kaufen. Es waren jedoch gipsüberzogene Gegenstände, leicht deformiert wie angeschmolzen, als Entwurf einer Gegenwelt zur fetischisierten Ästhetik der gängigen Warenpräsentation.

Ganz anders der „Neue Supermarkt“ des Belgiers Guillaume Bijl, eine der zentralen Arbeiten der Ausstellung. Hier ist alles echt. Der Besucher bewegt sich irritiert durch Regale mit vollständigem Sortiment aus Lebensmitteln, Frischwaren wie Obst und Gemüse, Käse, Fleisch, Getränke und Hygieneartikel. Sie werden regelmäßig ausgetauscht und sozialen Einrichtungen gespendet. Erst der zweite Blick offenbart die minimalen Veränderungen, die exakt aufgestellten Reihen, die farbliche Abstimmung der Verpackungen, und macht den vertrauten Ort zu einem dreidimensionalen Stillleben. Bijl inszeniert bekannte, alltägliche Situationen, typische Räume aus allen Bereichen des Lebens und bringt sie in die Unwirklichkeit des Kunstraums. So wird der „Neue Supermarkt“ beinahe zum unheimlichen Ort, der echt wirkt, aber es dennoch nicht ist. Er repräsentiert die Perfektion eines realen Marktes, mit einer Ausnahme: Man kann nichts kaufen.

Auch Beuys brachte alltägliche Gegenstände ins Museum, stellte sie in neue Zusammenhänge und erhob sie zur Kunst. Sein Spätwerk „Wirtschaftswerte“ von 1980 ist ein Sortiment von Lebensmitteln aus der damaligen DDR. Die unauffälligen, schlichten Packungen mussten offensichtlich nicht um die Aufmerksamkeit des Käufers buhlen und stehen im krassen Gegensatz zu der Warenpräsentation westlicher Konsumtempel. Jeff Koons, der Meister der Präsentation macht den massenproduzierten Hoover-Staubsauger allein dadurch zum Objekt der Sehnsüchte und Wünsche, dass er ihn unter Plexiglas stellt. Die Überhöhung der Ware, der schöne Schein von Produktinszenierung der Shopping-Welten überzeugt den Betrachter von der konsumierbaren Perfektion.

Die Apotheke als Shop

Erstmals in Deutschland zu sehen ist die Installation „Pharmacy“ von Damien Hirst, Turner-Preisträger und Shooting-Star der britischen Kunstszene. Das von Hollein als „krönender Abschluss“ der Ausstellung bezeichnete, raumfüllende Werk besteht aus fast deckenhohen Regalen, voll mit Arzneien von Albumin Human bis Zovirax. Im oberen Teil befinden sich Medikamente für den Kopf, im mittleren Arzneien für den Magen und im unteren Bereich Mittel gegen Fußleiden. Hirst beschäftigt sich in Parmacy mit menschlichen Ängsten, mit der Verdrängung von Krankheit und Tod als einem zentralen Motiv unserer Gesellschaft. Er zeigt die Verwundbarkeit und Vergänglichkeit des Körpers, aber auch die Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung. Er weiß um die beruhigende Kraft des ästhetischen Designs. „Mit klaren Formen und glatten Rändern fühlen sich die Leute sicher.“ Pharmacy ist ein Ort, der im kulturellen Gedächtnis mit klinischer Reinheit, Vertrauen, Gesundheit, Hoffnung und Heilung besetzt ist, andererseits ein Ort der Distribution, des Verkaufs – eben ein Shop. „Damien Hirsts Installation ist eines der wichtigsten zeitgenössischen Kunstwerke und eine zentrale Arbeit der Young British Art. Allein der Aufbau hat zehn Mitarbeiter über zwei Wochen beansprucht. Ohne einen Sponsor (Merck, Darmstadt) könnte die Schirn diese bedeutende Arbeit nicht zeigen“, so Hollein.

Pharmacy ist seit Jahren die erste Leihgabe der Tate in London, die den Weg in Richtung Schirn, Frankfurt, gefunden hat. Das Vertrauen in das Kunsthaus am Main schien erschüttert, seit von hier 1994 drei wertvolle Meisterwerke von William Turner verschwanden und bis heute nicht wieder auftauchten. Die aus Tausenden von Einzelteilen bestehende Hirst-Installation ist allerdings wesentlich schwieriger zu entfernen. Top

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