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Der Apotheker und der Dürrkräutler

17.09.2001  00:00 Uhr
APOTHEKENGRAFIK

Der Apotheker und der Dürrkräutler

von Hans Joachim Bodenbach, Glinde

Besucher des Deutschen Museums in München fasziniert immer wieder die im Mai 2000 neu eröffnete, hervorragend gestaltete Dauerausstellung Pharmazie. Hier wird deutlich, dass ein Großteil der deutschen pharmazeutischen Industrie aus Offizinapotheken hervorgegangen ist.

Der Rundgang durch die Ausstellungsräume beginnt mit der Pflanzenheilkunde, daran schließt sich ein umfangreiches Informationsangebot mit Präsentationen auf modernstem Niveau an. Im hinteren Teil gelangt man zu einer voll eingerichteten historischen Apotheke, die in weiten Teilen identisch mit der ehemaligen Kloster-Apotheke St. Emmeram in Regensburg ist (1). In einer Videoschau wird eine weitere Apotheke gezeigt, die auch im Ausstellungskatalog abgebildet und mit der Unterschrift "Biedermeierapotheke, 19. Jahrhundert" versehen ist (2).

Hilfreich bei der Identifizierung und Zuordnung dieser Apotheke ist eine aus altem Familienbesitz stammende, auf den ersten Blick identische Apothekendarstellung aus der Biedermeierzeit. Der offensichtlich rare Steindruck dürfte vor mehr als 100 Jahren wahrscheinlich über ein Antiquariat gekauft worden sein. Darauf weist ein von unbekannter Hand rückseitig angebrachter Aufkleber hin. Der gedruckte Text lautet:

"Berufsbild nach einer sehr seltenen Wiener Künstler-Steinzeichnung aus der Epoche um 1835. Das kulturgeschichtlich wertvolle Blatt gewährt einen interessanten Einblick in das Berufsleben der damaligen Zeit, in das Instrumentarium und die einzelnen Arbeitsvorgänge. Feinsinnige Alt-Wiener Kultur verbindet sich mit liebenswürdigem Humor zu einer anschaulichen Milieumalerei der Biedermeierzeit. Für die außergewöhnliche Seltenheit spricht der Umstand, dass selbst in großen Sammlungen (Staatsbibliothek München, Maillinger Sammlung) nach diesem Blatt ergebnislos gesucht wurde."

Handschriftlich angefügt ist: "4.50" - vermutlich der seinerzeitige Preis. Das durch die Rahmung nicht voll sichtbare Blatt ist im Original rechteckig mit folgenden Abmessungen:

  • mit Rahmen: 52 x 62 cm,
  • Originalblatt: circa 38 x 48 cm,
  • Plattenabdruck: circa 30 x 35 cm,
  • Inneres Ovalbild: 17 x 20,5 cm.

Im Zentrum erkennen wir eine Apotheke der damaligen Zeit mit lebhaftem Publikumsverkehr. Durch die Bildunterschrift wird der Beruf des Apothekers ganz selbstverständlich hervorgehoben. Dagegen sind Augen-, Zahn- und Vieharzt in kleineren Ansichten an den Rand gerückt. Doch wo ist der "Dürrkräutler" geblieben? Ist er einer der gut gekleideten Kunden? Das ist wenig wahrscheinlich. Oder hat ihn der Künstler im Wurzel-, Blüten- oder Rankwerk versteckt? Vielleicht wird er nur durch die reiche Blumen- und Pflanzenwelt symbolisiert?

Bei der Suche nach Vergleichsstücken konnten mehrere, zumeist nicht völlig identische Abbildungen ermittelt werden. Die hier gezeigte unkolorierte Lithographie befindet sich in Privatbesitz. Das Bild ohne Zusatztexte schmückt als Titelblatt auch die Festschrift "Die Löwen-Apotheke in Bad Hersfeld" (Bad Hersfeld, o. J., 2000). Eine ebenfalls unkolorierte Lithographie mit gleichem Titel und weiteren Untertexten "C. Schustler del AR Dreyer lithogr Druck u. Verlag d. lithogr Anstalt d. MR.Toma in Wien" liegt im Deutschen Apotheken-Museum im Heidelberger Schloss (Maße: 38,4 x 48 cm; Inv. Nr. VII B 368) (3). Dieses Bild nutzte das Deutsche Museum als Vorlage in der Multimedia-Schau und im Katalog.

Ein ähnliches Aquarell mit braunem Holzrahmen (Blattmaße 34 x 45 cm) befindet sich im Städtischen Museum Baden bei Wien/Österreich (Rollettmuseum; Inv.-Nr.KS 153). Sein Titel: "Der Apotheker und sein Beruf". In der Blattmitte steht oben: Der Mensch und sein Beruf; in der Mitte unten: Carl Schustler. Der Apotheker. August 1840. In der unteren Hälfte des Bildes befindet sich eine weitere Beschriftung: Der Apotheker, der Augen-, Zahn- und Vieharzt, der Dürrkräutler. Links unterhalb des Medaillons hat der Künstler signiert: C. Schustler del. (zitiert nach 4). Das Blatt gehört zu einer Folge von Lithographien (!) unter dem Namen "Der Mensch und sein Beruf", die Matthäus Rudolf Toma (1792 bis 1869) in Wien zwischen 1835 und 1841 herausgab. Das Blatt ist Teil einer Sammlung von 51 Aquarellen verschiedener Künstler in den Städtischen Sammlungen Baden bei Wien (Stiftung Eduard Perger) (4).

Es bleibt zu hoffen, dass noch weitere, bisher nicht publizierte Exemplare in Museen oder Privatbesitz aufgefunden werden.

 

Literatur

  1. Gensthaler, B., Spielwiese der Pharmazie. Pharm. Ztg. 154, Nr. 15 (2000) 90 - 91; mit Abbildung der Kloster-Apotheke von St. Emmeram; dies., Deutsches Museum: Kleine Welt ganz groß. Pharm. Ztg. 145, Nr. 19 (2000) 52.
  2. Ausstellungskatalog "Pharmazie", S. 110. Für Hinweise und zahlreiche Erläuterungen sei Adrianne Hahner, M. A., Deutsches Museum, München, gedankt.
  3. Im Deutschen Apotheken-Museum Heidelberg gab Heike Haß, M. A., alle notwendigen Informationen und Auskünfte.
  4. Zitiert nach: Kunst des Heilens - Niederösterreichische Landesausstellung 1991. Kat. Nr. 12.161, S. 566 - 567.
  5. Mohr, D., Alte Apotheken und pharmazie-historische Sammlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Verlag G. D. W. Callwey, München 1992. Lizenzausgabe bei Nikol Verl. Hamburg 1992.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Hans Joachim Bodenbach,
Weidenweg 50
21509 Glinde/Hamburg
E-Mail: H.J.Bodenbach@t-online.de 
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