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Fressen oder gefressen werden

18.08.2003
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Flechten

Fressen oder gefressen werden

von Ulrike Siedel, Berlin

Wirkstoffe aus der Natur nutzt der Mensch von Alters her. Die Inhaltsstoffe von Flechten werden beispielsweise in der Pharmazie und der Parfümherstellung verwendet. Warum Organismen solche Stoffe produzieren, ist erst teilweise erforscht.

In Flechten wurden bislang über 700 Inhaltsstoffen gefunden. Nur wenige davon können für den Menschen nutzbar gemacht werden. Die Forschung an diesen Stoffen fördert aber immer wieder überraschende Geheimnisse der Natur zu Tage.

Professor Dr. Peter Proksch vom Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Düsseldorf untersuchte, wie Inhaltsstoffe die Flechten davor schützen, von Insekten und Schnecken gefressen zu werden. Dabei fand er heraus, dass sich einige Schnecken die „giftigen“ Flechtenstoffe zu Nutze machen.

Innige Verbindung

Flechten sind Überlebenskünstler und können auch unter extrem kargen Bedingungen wachsen. Sie bestehen aus Algen und Pilzen. Ihr Zusammenleben ist von unschätzbarem Vorteil. Die Algen liefern dem Pilz Nährstoffe, die im Ergebnis ihrer Photosynthese entstehen. Der Pilz hingegen bietet den Algenzellen Schutz gegen Wind und Wetter und versorgt sie mit Wasser und Nährsalzen. Die Verbindung ist so innig, dass sie äußerlich wie ein einheitlicher Organismus wirken. Mit dieser Strategie können rund 16.000 weltweit bekannte Arten fast alle Ökosysteme der Erde besiedeln.

Flechten bilden darüber hinaus Stoffe, die ihnen das Überleben an klimatisch extremen Orten wie Hochgebirge und Wüstengebieten erleichtern. Die Substanzen dienen ihnen zum Beispiel als UV-Schutz. Andere Stoffe schützen durch ihre antibakterielle Wirkung vor Verwesung und Verfall. Bekannt ist die Usninsäure für ihre positive Wirkung gegen gram-positive Bakterien. Auch bei der Nährstoffversorgung spielen Flechtenstoffe eine wichtige Rolle. Sie verbessern den Stofftransport zwischen Alge und Pilz und mobilisieren Mineralien aus dem Untergrund, indem sie die chemische Verwitterung des Gesteins fördern.

Usninsäure oder die Vulpinsäure bieten Flechten einen chemischen Fraßschutz gegen Insekten. Proksch konnte zeigen, dass bereits geringe Konzentrationen der Säuren stark fraßhemmend auf Schmetterlingsraupen wirken. Sie verzögern das Wachstum und die Entwicklung der Raupen und führen später zu Missbildungen der Schmetterlinge. In der Natur ist es ein weit verbreitetes Prinzip, dass wenig wehrhafte Organismen nicht schmeckende oder giftige Substanzen bilden. Ob sie extra produziert werden oder als Stoffwechselprodukte anfallen, ist dabei nicht klar. „Es ist es auf jeden Fall ein ökologischer Vorteil, wenn ein Organismus über solche Stoffe verfügt“, sagt der Experte.

Fressen zwecks Fraßschutz

Bei einigen Insekten- und Schneckenarten verhält es sich aber anders. Sie fressen vermutlich Flechten, um nicht selber gefressen zu werden. Die Biologen um Proksch konnten nachweisen, dass manche Schnecken Flechtenstoffe mit ihrer Nahrung aufnehmen und speichern. Die lebend gebärende Landschnecke Balea perversa gibt gespeicherte Stoffe sogar an ihre Nachkommen weiter. Die Biologen vermuten, dass die Aufnahme und Speicherung von Flechtenstoffen beispielsweise Schutz vor räuberischen Vögeln bietet.

Der Mensch nutzt dieses reiche Chemiereservoir nur wenig. Vermutlich deshalb, weil Flechten nicht kultivierbar sind und in mühseliger Handarbeit gesammelt werden müssen. Selbst wenn man pharmazeutisch nutzbare Wirkstoffe fände, „wäre es schwierig, in der Natur Nachschub zu bekommen“, sagt Proksch.

Die einzigen in größeren Mengen aus Flechten hergestellten Arzneimittel sind die Pastillen Isla-Moos® beziehungsweise Isla-Mint®. Sie werden aus Cetraria islandica gewonnen und helfen auf Grund der reichhaltig enthaltenen Schleimstoffe bei Hals- und Atemwegserkrankungen. In Deutschland ist diese Flechte fast ausgestorben und steht auf der Roten Liste der besonders gefährdeten Arten. Nur in nordischen Ländern sind ihre Bestände noch flächendeckend.

Vor allem aus Finnland werden jährlich einige Tonnen importiert. Die volkstümlich als Isländisches Moos bezeichnete Flechte ist als Tee ein traditionelles Hausmittel. Top

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