Pharmazeutische Zeitung online

Verrückt? Na und!

19.08.2002
Datenschutz bei der PZ

Verrückt? Na und!

von Ulrike Abel-Wanek, Eschborn

Psychische Erkrankungen werden zur Krise des 21. Jahrhunderts, so die Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Jeden kann es treffen, aber kaum einer weiß etwas über die weit verbreiteten Krankheiten wie Depressionen, Zwangsstörungen oder Schizophrenie. Der Verein „Irrsinnig menschlich“ aus Leipzig kämpft für mehr Offenheit und weniger Tabus.

Kann mir doch nicht passieren. So denken die meisten Menschen. Aber die Fakten sprechen für sich. Psychische Erkrankungen gehören zu den Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf- und Atemwegsprobleme. Einer von 100 Menschen erkrankt im Laufe des Lebens an Schizophrenie. In Deutschland sind das 800.000 Menschen, weltweit schätzt die WHO die Zahl der Betroffenen auf circa 60 Millionen.

Männer und Frauen sind etwa gleich betroffen, unabhängig von sozialer Schicht und Hautfarbe – meist in der Zeit zwischen Pubertät und dem 30. Lebensjahr. Wen es trifft, der fühlt sich wie ferngesteuert: Häufig hören Schizophrene Stimmen, die ihr Verhalten kommentieren oder dem Kranken Befehle erteilen. In einer Psychose ist die Phantasietätigkeit so stark, dass sie nicht mehr zwischen Realität und Gedankenwelt unterscheiden können.

Ebenso belastend wie die Krankheit und ihre Symptomatik ist Betroffenen zufolge aber auch die Stigmatisierung durch die Umwelt. Bundesweite Studien ergaben, dass ein Großteil der Bevölkerung es ablehnt, mit einem Schizophrenen eine Wohnung zu teilen oder ihn für eine Stelle zu empfehlen. Schizophrene seien nicht nur weniger intelligent als der Durchschnitt der Bevölkerung, sondern auch aggressiv, gewalttätig und gefährlich.

Das ist falsch, so wie die landläufige Vorstellung von der „gespaltenen“ Persönlichkeit. Die Herleitung des Wortes Schizophrenie aus dem Griechischen „schizein“: spalten und „phren“: Zwerchfell, führt hier in die Irre. Im Zwerchfell vermutete man in der Antike den Sitz von Geist und Seele. Die Vorstellungen von Kranken mit Bewusstseinsspaltung oder gespaltener Seele sind die Folge. Bei der schizophrenen Psychose spricht man von einer grundlegenden Störung der Denk- und Wahrnehmungsfunktionen. Die Patienten leben in zwei subjektiven Wirklichkeiten. Neben der Realität existiert für sie noch eine konstruierte wahnhafte Parallelwelt. Schizophrene sind nicht „gefährlicher“ als seelisch Gesunde. Wenn sie gewalttätig werden dann häufig, weil sie sich von ihren imaginären Verfolgern und Stimmen bedrohlich in die Enge getrieben fühlen.

Irrsinnig menschlich

Die genauen Ursachen der Schizophrenie sind bis heute unklar. Sicher ist, dass Stoffwechselstörungen im Gehirn eine Rolle spielen. Auch Menschen, in deren Familie bereits jemand erkrankt ist, haben ein höheres Risiko. Die so genannte Vulnerabilität, das heißt eine stark ausgeprägte Verletzlich- und Empfindsamkeit inneren und äußeren Belastungen gegenüber, kann den Ausbruch der Krankheit außerdem begünstigen.

Warum können psychisch erkrankte Menschen nicht so offen über ihre Krankheit sprechen wie andere über ihren Diabetes oder Herzinfarkt? Jeder Vierte erlebt in seinem Leben einmal eine psychische Krise, aber niemand redet darüber. Psychische Krankheiten werden verheimlicht, verdrängt und tabuisiert. „Irrsinnig menschlich - Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie“ ist der erste Verein in Deutschland, der sich die Öffentlichkeitsarbeit für die Psychiatrie auf die Fahnen geschrieben hat. Er setzt auf Information, Verständnis und Toleranz gegen Unwissen, Vorurteile und Ausgrenzung. Denn hartnäckig halten sich Fehleinschätzungen und Ängste in den Köpfen der Menschen. Die Mitglieder des Vereins sind Patienten und ihre Angehörigen, Ärzte, Sozialarbeiter, Wissenschaftler, Politiker und Journalisten. Sie verstehen sich als Ansprechpartner für diejenigen, die mehr über psychische Erkrankungen erfahren wollen, vermitteln aber auch direkten Kontakte zu Selbsthilfegruppen und Seminaren, bieten Beratungen an, gestalten Fortbildungen und organisieren Projekttage für Schüler.

Gegen die Bilder im Kopf

Hier wird nicht über psychische Krankheiten geredet, hier lernen Schüler Menschen kennen, die eigene Erfahrungen mit „Verrücktheit“ gemacht haben: Mit einer Schulaktion für die Klassen 9 bis 12 will „Irrsinnig menschlich“ Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen wecken. Das Projekt macht sich dabei Erfahrungen aus Kanada und Österreich zu Nutze. Dort hatte man versucht, mit dem Thema „Mythen und Wahrheiten über Verrückte“ in Schulen zu gehen. Ärzte und Psychologen haben über das Thema geredet mit dem Resultat: Bei den Schülern verstärkten sich die Ängste. Haben jedoch Betroffene von sich erzählt, passierte das Gegenteil, berichtet Dr. Manuela Richter-Werling von „Irrsinnig menschlich“. Die persönliche Begegnung machte das Unbegreifbare verständlicher und baute Vorurteile ab.

Es ist normal, verschieden zu sein. Das merkten die Jungen und Mädchen der teilnehmenden Klassen sehr schnell. Die Betroffenen erzählten aus ihrem Leben und die Schüler erfuhren eine Menge über seelische Krisen und Krankheiten. Die meisten kennen „Verrückte“ nur vom Sehen an Haltestellen und Bahnhöfen. Gesprochen wird darüber nicht, höchstens lustig gemacht über die irren Typen.

Die Einstellungen der Schüler gegenüber Menschen mit Schizophrenie verbesserte sich im Laufe des Projekts deutlich. Alle Fragen waren erlaubt. Die meisten hatten nach den Gesprächen keine Angst mehr, sich mit Schizophrenen zu unterhalten, neben ihnen zu sitzen oder sich mit ihnen anzufreunden. Auch wurde nicht mehr ausgeschlossen, sich in einen psychisch Kranken zu verlieben. Die Schüler und Schülerinnen wurden sensibler für die Schwierigkeiten, die das Leben mit einer schizophrenen Erkrankung mit sich bringt. Dass zum Beispiel die übersteigerte Empfindsamkeit und mangelnde Belastbarkeit dazu führen können, Prüfungs- und Stresssituationen weniger gut auszuhalten. Die anfänglich extrem negativen Assoziationen zum Wort „Schizophrenie“ verbesserten sich. Die Schüler hielten die Betroffenen am Ende des Projekts nicht mehr für „total schwachsinnig“, sondern für sensibel und ängstlich.

Sinn des Lebens

Die befragten Jugendlichen sowohl aus der Projekt- als auch der Kontrollgruppe der wissenschaftlich begleiteten Aktion zeigten bereits zu Beginn eine positivere Einstellung zum Thema als aus der Allgemeinbevölkerung bekannt ist.

Der Lebensabschnitt der 14- bis 18-Jährigen kam der Offenheit und den schließlich positiven Resultaten der Begegnungen zu Gute. In dieser Zeit ist die Frage nach dem Sinn des Lebens ein Dauerthema: Wer bin ich? Warum bin ich so geworden? Wer möchte ich sein? Bisherige Auffassungen werden von den Pubertierenden in Frage gestellt, neue Orientierungen müssen gefunden werden. Außerdem nimmt der Anteil der Jugendlichen zu, die bereits selber erfahren haben, wie es ist, wenn die Seele mal aus dem Gleichgewicht gerät.

Sechs Leipziger Schulen haben das Angebot im vergangenen Schuljahr genutzt. Folgebefragungen nach einem Monat zeigten, dass die Verbesserung der Einstellung gegenüber psychisch Kranken über längere Zeit bestehen bleibt, dann allerdings in den meisten Fällen langsam an Intensität verliert. Das spricht dafür, die Projekte regelmäßig anzubieten und darauf hinzuarbeiten, auch diese Themen fest in den Lehrplan zu integrieren.

 

Die Schulaktion des „Irrsinnig Menschlich e.V.“ ist ein Projekt im Rahmen des Internationalen Programms gegen Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen der World Psychiatric Association. Seit 1999 beteiligt sich auch Deutschland an dieser Kampagne. Ein führendes Zentrum ist Leipzig.

Kontakt:
Irrsinnig Menschlich e.V. Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie
Johannisallee 20
04317 Leipzig

Telefon (0341) 222 89 90
Fax (0341) 222 89 92

www.irrsinnig-menschlich.de
info@irrsinnig-menschlich.de

  Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa