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...Detlef!

22.07.2002
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...Detlef!

von Hanna Kleine-Weischede, Frankfurt am Main

Immer nur beim Umbau zu helfen ist auf die Dauer auch einem Zirkushausmeister zu fad. Sein Traum ist es, selbst im Rampenlicht zu stehen. Wenn „Mimi“ das Artistenfieber packt, muss auch das Publikum dran glauben.

So wie der „Hausmeister“ im Blaumann sich von Clowns mit roter Nase und buntem Kostüm unterscheidet, so sucht man beim Zirkus „Flic-Flac“ vergebens bunte Lämpchen und Blaskapelle, Pferde- und Kamelmist oder den Zirkusdirektor im Frack. Das Zeltinnere ist schwarz, Männer in weißen Schutzanzügen und gelben Gummistiefeln reißen die Karten ab und knapp beschürzte OP-Schwestern mit Mundschutz und Stethoskop zeigen den Weg zu den „Dekontaminationssitzen“.

„Virus“ heißt das aktuelle Programm und „ansteckend soll es auch sein“, erklärt Pressesprecherin Lena Kühl das Motto. Sie verspricht nicht zuviel. Denn Schwindelgefühl, Magendruck, feuchte Hände und glasige Augen sind nur einige der Nebenwirkungen, die sich nach Betreten des „kontaminierten“ Zeltes bei Besuchern von Flic-Flac einstellen.

Als „Zirkus der Gegenwart“ sieht sich der 1989 von den Brüdern Benno und Lothar Kastein in Isselburg bei Bocholt gegründete Zirkus. „Wir schauen uns Kunst und Kultur von der Straße ab und integrieren sie in unser Programm“, sagt Kühl. So beschallt nicht Walzer das düstere Zelt, sondern harter Rock, Techno oder Pop, erzeugt von der in braune Mönchskutten gehüllten Band „Paternoster“

Auch die Artisten scheinen direkt von der Straße zu kommen: Da springen Bergsteiger an Bungee-Seilen durch die Manege, Fahrradkuriere zeigen ihr Können als BMX-Fahrer, ein Bauarbeiter spielt mit seinem Besen auf Mülltonnen Schlagzeug, ein Trupp Soldaten bildet eine fünf Mann hohe Pyramide und „Doktor Sommer“ verteilt kleine gelbe Kondome - nun ja, Ansteckung lauert überall.

Und dann ist da Mimi. In den Umbaupausen zeigt das verkannte Artistengenie im Blaumann, was in ihm steckt – mit Hilfe Detlefs: Der eher schmächtige Familienvater aus der ersten Reihe leistet kaum Widerstand und entpuppt sich schnell als Retter in der Not: Den Handstand hält er wie keiner – nur am Flaschenzug ist er dem leicht adipösen Mimi unterlegen. „Detlef!!!“ gellt es von nun an immer durch die Kuppel, wenn Mimi wieder mal in Bedrängnis ist.

Doch zurück zum Motto des Programms: Das Virus, ein gelb-schwarz gestreiftes, sich windendes vierarmiges Etwas, häutet sich nach kurzer Zeit: Heraus schlüpft die 11-jährige Alona Jouravel. Die blonde Russin straft jeden Anatomieatlas Lügen: Gummigleich lässt sie sich von einem „Arzt“ verbiegen.

Neben Alona gehört Larissa Kastein, „die Tochter vom Chef“, zu den jüngsten Artisten der Truppe. Auf nur einem Arm balanciert die 15-Jährige, als gäbe es keine Schwerkraft. Trainiert habe sie dafür, seit sie laufen kann.

Ohne Netz und doppelten Boden

Wenn die Brüder Bruno und Gilles Antares, 50 und 47 Jahre alt, in knapp 20 Meter Höhe von einem Flugzeug durch die Zirkuskuppel gezogen werden und sich dabei gegenseitig nur mit den Zähnen festhalten, wünscht man sich ein Sicherungsseil oder ein Netz. Doch beides fehlt bei den meisten Darbietungen: „Die Künstler bekommen alle Sicherungssysteme, die sie möchten“, garantiert Kühl. Das Sicherheitssystem der Artisten: „Mein Bruder hält mich doch!“

Dass Tango auch auf dem Trapez stattfinden kann, zeigen Marina Khessina und Alexander Mingalev. Im Rhythmus windet sich das Paar immer schneller um die Trapezstangen und um sich selbst - Akrobatik verschmilzt mit Erotik.

Perfekt ist auch die Synchronisation der sechs russischen Reckturner. Mit einer Schwindel erregenden Geschwindigkeit wirbeln die Athleten durch die Zirkuskuppel, schlagen Salti oder schleudern sich die Kollegen zu.

Besinnlich wird es, wenn die Koreanerin Aimeé zu sanften Klängen an ihrem weißen Schwebetuch hinauf- und herabgleitet. Doch ein Wettkampf mit „Punkerin“ Maria Garcia macht diese Momente schnell zunichte.

Auch am Boden ziehen die Artisten die Zuschauer in ihren Bann: So wirbelt Alexander Xelo, ein Franke in Teufelsgestalt, seine drei Diabolos durch die Luft, als klebten sie am Seil. „Krankenschwester“ Claudia Bremlov jongliert überdimensionale „Mullbinden“ mit Händen und Füßen und balanciert einen über 2,5 Meter hohen Stapel koffergroße „Arzneischachteln“ mit ihren Beinen.

Und dann wieder „Detlef!“: Der freiwillige Helfer muss starke Nerven zeigen, denn Mimi entledigt sich seines Blaumanns. Selbstbewusst trägt er seine Pfunde vor sich her und treibt seinen Helfer an, Motor für sein Karussell zu spielen oder lässt sich von Ketten befreien, die ihn wie einen Rollbraten einschnüren.

Was Detlef bleibt, ist eine Flasche Bier als Lohn, die Anerkennung seiner Kinder und glasige Augen. Niemand war dem Virus so nahe wie er. Top

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