Pharmazeutische Zeitung online

Zurück zu den Wurzeln

02.07.2001
Datenschutz bei der PZ
APOTHEKERGARTEN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG

Zurück zu den Wurzeln

von Katja Daub, Leipzig

Am 1. Juni 2001 wurde in Leipzig der Apothekergarten der Universität Leipzig wiedereröffnet und so eine 450-jährige Leipziger Tradition fortgesetzt. Er präsentiert offizinelle Heilpflanzen sowie Giftpflanzen und ist für das Publikum frei zugänglich. Der Apothekergarten soll der Ausbildung von Studenten sowie der Weiterbildung von interessierten Apothekern, Biologen und Ärzten dienen.

Zur gleichen Zeit als an den norditalienischen Universitäten die ersten Botanischen Gärten gegründet wurden (Pisa 1543, Padua und Florenz 1545, Bologna 1568) richtete auch die medizinische Fakultät der Universität Leipzig einen Hortus medicus ein: "Darinnen sie allerley Kräuter und Simplicia zeigen möchten". Zwar gab es in Deutschland, besonders bei den Dominikaner- und Benediktinermönchen, umfangreiche Klostergärten mit Sammlungen von Heil-, Gewürz- und anderen Nutzpflanzen. Aber Universitätsgärten wiesen eine neue Qualität auf. In ihnen wurden die Medizinstudenten unmittelbar an den pflanzlichen Objekten, den Simplicia, ausgebildet. Das geht zurück auf den von 1533 bis 1549 an der Universität Padua tätigen Mediziner und Botaniker Francesco Buonafede, der als erster die Trennung von Vorlesung (Lectio) und Demonstration (Ostensio) der Heilpflanzen einführte. Der Ostensor simplicium war dann zugleich Präfekt des Gartens.

Von Paprika bis Pommeranze

1409 wurde die Alma mater Lipsiensis als eine der ersten Universitäten Deutschlands gegründet. Zeitgleich etablierte sich eine Apotheke in der Stadt - die noch heute bestehende Löwen-Apotheke. Die in ihrer Sichtweite gelegenen Klostergärten des Dominikaner-Klosters St. Pauli dürften die ersten Lieferanten der wichtigsten Heilpflanzen gewesen sein.

Als der Herzog Moritz von Sachsen der Universität 1543 das Dominikanerkloster St. Pauli überschrieb, waren die Voraussetzungen für die Anlage eines Lehrgartens gegeben. Es ist nicht sicher, ob der Hortus medicus bereits um diese Zeit eine eigenständige Einrichtung war oder nur die bereits vorhandenen Klostergärten genutzt wurden. Erst für 1580 ist die eigenständige Existenz des Gartens an der Nordseite der Pauliner Kirche bezeugt.

Im frühen 17. Jahrhundert legte der Medizinstudent Georg Kirchen eines der frühesten deutschen Herbarien an. Es enthielt 1018 Pflanzen, die er von 1600 bis 1606 in und um Leipzig gesammelt hatte. Diese umfangreiche Sammlung legt daher Zeugnis ab von der Vielfalt an Arznei-, Gewürz- und Giftpflanzen des Leipziger Gartens. Das seit dem Zweiten Weltkrieg verschollene Herbarium enthielt zum Beispiel Lorbeer (Laurus nobilis), Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus), Ölbaum (Olea europea), Oleander (Nerium oleander), Paprika (Capsicum anuum) und Pommeranze (Citrus aurantium).

Um 1800 zeigte der Botanische Garten eine separate Abteilung mit 263 offizinellen Arzneipflanzen. Die Heilpflanzen waren nach den verwendeten Pflanzenteilen gegliedert, und farbige Markierungen auf den Etiketten gaben Hinweise zu ihren Inhaltsstoffen. Als im Oberholz bei Leipzig ein städtischer Garten für Arznei- und Gewürzpflanzen entstand, wurde die offizinelle Abteilung des universitären Botanischen Gartens aufgelöst. Ein ausgewiesener "Apothekergarten" fehlte danach in den letzten Jahrzehnten an der Universität.

Neugründung des Apothekergartens

Die Fachleute waren sich rasch einig: Ein neuer Apothekergarten musste her. Es galt, die Finanzierung zu sichern und ein geeignetes Gelände zu finden. Dank einer guten Kooperation zwischen den Verantwortlichen des Botanischen Gartens (Professor Dr. Morawetz) und des Instituts für Pharmazie (Professor Dr. Eger), sowie der Stadt Leipzig nahmen die Pläne bald Form an. Sie konnten dann durch die großzügige Unterstützung der Firma Madaus, die etwa die Hälfte des 1,2 Millionen DM teueren Projektes getragen hat, umgesetzt werden. Nach einer etwa 5-jährigen Planungs- und Bauphase ist der Garten im Friedenspark nahe des Botanischen Gartens nunmehr fertig gestellt: Auf etwa 3000 m² zeigt er mehr als 300 offizinelle Arzneipflanzen, typische Heilpflanzen, Giftpflanzen und historisch interessante Arten ("Schierlingsbecher").

Heilpflanzenkunde für jedermann

Der Apothekergarten ist für Forschung, Lehre und Öffentlichkeit gedacht. Geplant sind Versuchskulturen für die pharmazeutische und botanische Forschung, lebende Sammlungen wichtiger Heilpflanzen, sowie die Kultur gefährdeter und seltener Arten. Die universitäre Lehre soll durch entsprechende Kurs- und Führungsangebote ergänzt werden, so dass der Apothekergarten Zentrum für wissenschaftliche Veranstaltungen wird. Bei der Planung wurde Wert darauf gelegt, dass sich der Garten sowohl in die Leipziger Tradition der Gartenkunst eingliedert, als auch den historischen Vorbildern entspricht.

Werbung für die Branche

Im vorderen Teil des Apothekergartens befinden sich Pflanzen, die bereits um 1600 im Hortus medicus lipsiensis kultiviert wurden. In diesem historischen Teil sind die Pflanzen mit recht deftigen altdeutschen Namen versehen wie Wüterich (Cicuta virosa) und Nackte Hure (Colchici bulbus). Im Hauptteil des Gartens sind die Pflanzen auf den Beeten sowohl nach deren typische Inhaltsstoffe als auch Anwendungsgebiete angeordnet.

Zusätzlich wurde versucht, ein Wirkstärkegefälle zu berücksichtigen, so dass im vorderen Teil des Hauptgartens weniger Giftpflanzen zu finden sind als auf den hinteren Beeten. Die individuellen Beschilderungen der einzelnen Pflanzen geben auch Hinweise auf die Giftstärke (je mehr Sternchen, desto giftiger).

Zur Orientierung des Besuchers befindet sich an jedem Beet ein Schild mit der Kennzeichnung der Inhaltsstoffgruppen. Große Tafeln an den Wegrändern informieren ausführlicher über die verschiedenen Inhaltsstoffe, deren Vorkommen im Pflanzenreich, Wirkweisen und typische Anwendungsgebiete. Des weiteren werden grundlegende Begriffe erläutert wie "Droge", "Phytotherapie", "Homöopathie". Zudem wird für den Laien verständlich erläutert, dass auch "rein pflanzliche Arzneimittel" ihre Risiken haben können: zum Beispiel eine Photosensibilisierung bei der Einnahme von Johanniskrautpräparaten oder Kumulation von Herzglycosiden bei falscher Dosierung.

Der Apothekergarten in Leipzig bietet eine gelungene Mischung aus Erholung und Information. Der Präsident der Landesapothekerkammer, Hans Knoll, freut sich über den Titel des Projekts: "Der Apothekergarten - eine gute Werbung für die Branche". Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa