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Hundert Jahre Solutio Arning

25.06.2001
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Dermatologie

Hundert Jahre Solutio Arning

von Axel Helmstädter, Dreieich

Eher beiläufig beschrieb der Hamburger Dermatologe Eduard Christian Arning (1855 bis 1936) im Jahre 1901 einen "Hautfirniß" mit dem er sich unter Pharmazeuten und ärztlichen Kollegen eine bisher hundertjährige Berühmtheit sicherte. Obwohl seit 1998 nicht mehr offizinell (1), dürfte die Zubereitung unter dem Namen "Solutio Arning" heute noch allseits bekannt sein.

Die wissenschaftliche Arbeit, die die Rezeptur enthält, beschäftigt sich eigentlich mit der Thermokauterisierung von Furunkeln, die Arning plastisch als "Brutanstalt für Staphylokokken" beschrieb (2). Statt das Geschwür aufzuschneiden empfahl er eine thermische Behandlung, die einiges Licht auf die Experimentierfreude des Dermatologen wirft: "Nach vielfachen Versuchen mit Injektionen von Antipyrin, von Karbolsäure, Jodpinselungen, Quecksilberkarbolpflastern bin ich [...] zu der Behandlung mit dem Thermokauter gekommen. Ein hellrot glühender, spitzer Platinbrenner wird dreist tief in das Zentrum des Furunkels gestoßen." Der erfahrene Therapeut spüre dabei deutlich, wenn er "die verdickte Cutis durchbohrt [hat] und in den Nekroseherd eingedrungen ist". 

Das unter Umständen, so bei ungenügender Eindringtiefe infolge zu früher Erkaltung des Gerätes, zu wiederholende Verfahren bereite nach Arning "immerhin einigen Schmerz". Dieser sei aber "nicht annähernd so heftig" wie bei herkömmlichen operativen Prozeduren. Die Hitze habe zudem keimtötende Wirkung. Die Wunde, aus der je nach Zustand des Furunkels "nach Hervorziehen des Brenners eine weißliche Schmiere" oder Eiter hervortrete, lies Arning ohne weitere Behandlung, wenn sie sich an einem unbedeckten Körperareal befand. An kleiderbedeckten Hautpartien brachte er einen Verband mit einer "Firnisschicht von Tumenolätherbenzoetinktur" auf, deren Rezeptur er in dem erwähnten Artikel erstmals angab. Die Zusammensetzung findet sich unverändert in den Deutschen Rezeptformeln (DRF) von 1959 und wurde für das NRF sowie für einige andere Formularien modifiziert (1, 3). Die dort ebenfalls angegebene Rezeptur für eine Kampher, Schwefel und Borsäure enthaltende Zinkpaste erlangte keine größere Bekanntheit.

Die Geburt der Rezeptur

Die erwähnte Veröffentlichung Arnings (2) machte die Lösung im Kollegenkreis des Dermatologen bekannt, entstanden war die Rezeptur jedoch bereits Jahre zuvor. Nach einer in seinem Todesjahr erschienenen, autobiographischen Notiz, hatte eine Forschungsreise nach Hawaii entscheidenden Einfluss auf die Konzeption der Solutio Arning. Auf Hawaii kam der Dermatologe mit einem amerikanischen Patentmittel namens "Friar's Balsam" in Kontakt, angeblich einer klebrigen Lösung von Aloe in Benzoetinktur (4). Daran erinnerte er sich später, als er ein geeignetes Lösungsmittel für Anthrarobin suchte, um das bisher verwendete Glycerin zu ersetzen, das ihn wegen des "leichten Verschmierens" und der "mangelnden Austrocknung" nicht zufrieden stellte. Der 5- bis 10-prozentigen Lösung von Anthrarobin in Benzoetinktur fügte er dann noch etwas Tumenol hinzu, "um noch etwas mehr Haftung und innere Bindung zu erhalten". Zu dessen Lösung wiederum diente der weitere Zusatz von Ether. Arning bemerkt, die Mischung habe sich in Hamburger Ärztekreisen schnell durchgesetzt, da sie wesentliche Vorteile gegenüber damals üblichen Salbenverbänden gezeigt habe. An Indikationen nennt der Dermatologe "intertriginöse und mykotische Zustände der Oberhaut, aber auch Pyodermien", womit sich der beschriebene Einsatz bei Furunkulose erklärt.

Arning als Lepraforscher und Ethnologe

Eduard Christian Arning erlangte indes aus ganz anderen Gründen medizinhistorische Bedeutung; eine Dissertation zu Leben und Werk erwähnt die Anthrarobintinktur nur in wenigen Zeilen (5) und hebt seine Verdienste um die Erforschung der Lepra sowie als langjähriger Oberarzt und später Universitätsprofessor für Dermatologie am Hamburger Krankenhaus St. Georg hervor. Dort wirkte er von 1906 bis 1924. Von 1883 bis 1886 hatte er als Assistent an der Breslauer Universitätsklinik unter Albert Neisser (1855 bis 1916), dem Entdecker des Syphilis-Erregers, eine Reise nach Hawaii unternommen, um die auf den Inseln endemische Lepra zu erforschen. Dort gelang ihm der Nachweis von Leprabakterien in Nervensträngen; der Theorie, Lepra sei ein Spätstadium der Syphilis, trat er vehement entgegen. Die Anzüchtung des Erregers misslang ihm indes ebenso wie eine Übertragung auf Tiere. Zusätzlich legte er eine bedeutende völkerkundliche Sammlung über die Hawaii-Inseln und ihre Bewohner an, die nach seiner Rückkehr in die Bestände des Berliner Völkerkundemuseums überging. Ein wichtiger Korrespondenzpartner Arnings während der Zeit in Hawaii war Rudolf Virchow (1821 bis 1902).

Neben seinen Leistungen als Mediziner erlangte Arning einen gewissen Ruhm als Fotograf. So gilt er als herausragender Vertreter der Hamburger Schule der Kunstfotografie um die Brüder Theodor (1868 bis 1943) und Oscar Hofmeister (1971 bis 1937)(6). Für Apotheker wurde er aber vorwiegend durch seine Rezeptur bekannt, die - wie manch andere (7) - unter dem Namen ihres Erfinders zum Begriff wurde. Sie ist es auch 100 Jahre nach ihrer Erstbeschreibung in der wissenschaftlichen Literatur noch immer.

 

Literatur

  1. In diesem Jahr wurde Solutio Arning aus verschiedenen Gründen aus dem NRF gestrichen; vgl. Lang, Sabine: Ist Arning'sche Lösung obsolet ? Pharmazeutische Zeitung 145 (2000), 762.
  2. Arning, Ed[uard]: Therapeutisches Detail bei der Behandlung der Furunkulosis. Monatshefte fuer praktische Dermatologie 33 (1901), 309-317.
  3. Zur Diskussion vgl. Lang wie Anm. (2) und Lehmann, H.: Arning'sche Tinktur und Arning'sche Lösung. Schweizer Apotheker Zeitung 102 (1964), 656-658.
  4. Arning, Ed[uard]: Zur Geburt der Anthrarobintinktur. Dermatologische Zeitschrift 73 (1936), 8.
  5. Kammandel, Sabine Beatrice: Eduard Christian Arning (1855 - 1936). Leben und wissenschaftliches Werk, insbesondere seine Reise zu den Hawaii-Inseln von 1883 - 1883 zum Studium der Lepra. Diss. med. dent. Hannover 1994. Zur Anthrarobintinktur siehe S. 22.
  6. Kopanski, Karlheinz W.; Philipp, Claudia Gabriele (Hrsg.): Meisterwerke russischer und deutscher Kunstphotographie um 1900. München u.a. 1999.
  7. Hausknost, M.; Schwarz, H.: Wer ist wer - von Arning bis Wilson. Historische Namen in der Nomenklatur von pharmazeutischen Zubereitungen. Österreichische Apotheker-Zeitung 40 (1986), 9 - 21.

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