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Gegen Angst und Kindertränen

07.06.2004
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Teddyhospital

Gegen Angst und Kindertränen

von Conny Becker, Berlin

Vom Baum, Pferd oder Fahrrad gefallen und dabei ein Bein gebrochen: Wenn Kinder ins Krankenhaus müssen, kämpfen nicht nur sie, sondern auch Eltern und Ärzte mit der Angst der Kleinen. Um dem Krankenhaus den Schrecken zu nehmen, laden viele Unikliniken Kinder mit ihren Stofftieren zur Teddysprechstunde ein.

Bibbernde Lippen, krampfhaftes Klammern an das Hosenbein der Mutter, hysterisches oder bitteres Weinen. Sind Kinder krank oder verletzt, ist diese neue Erfahrung an sich schon schlimm genug. Kommt aber die Angst vor den Menschen in weißen Kitteln oder dem Krankenhaus hinzu, kann aus Furcht Panik werden. Da aber auch Ärzte keine Kindertränen sehen können, versuchen sie, den Kindern die Angst vor einer Behandlung im Krankenhaus zu nehmen.

Und so konnten am 3. und 4. Juni mehr als 600 Kinder aus über 30 Berliner Kindergärten im Teddyhospital der Charité Campus Benjamin Franklin ihre Plüschtiere zum Gesundheitscheck bringen. Dabei schlüpften die Kleinen in die Rolle der Eltern und konnten einen Krankenhausbesuch von der Anmeldung über die Eingangs- und Röntgenuntersuchung bis hin zur OP als Statisten und nicht als Leidende begleiten. Um die Stoffpatienten zu behandelten, standen an beiden Tagen rund 20 Teddydocs bereit, die sich aus insgesamt 40 ehrenamtlichen und im Vorfeld geschulten Berliner Medizinstudenten rekrutierten.

Lächeln zeigt Erfolg

„Ob eine solche Aktion ein konkretes Ergebnis hinterlässt oder nur ein kurzer Spaß war, kann man nicht systematisch beantworten. Aber wenn eine Kita-Gruppe nach hause geht und Sie fragen die Klinder: „Habt ihr noch Angst vorm Krankenhaus?“ und sie jubeln Ihnen entgegen: „Nein!“, ist das für mich eine direkte Erfolgskontrolle“, sagte Professor Dr. Hans Versmold, ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik und Schirmherr des Teddyhospitals. Diese bescherte ihm zum Beispiel ein Mädchen, das zu Beginn noch schluchzend und mit fest an sich gedrücktem Stofftier bei der Erzieherin stand und schließlich „strahlend“ aus der Klinik kam. Was außerdem für das Projekt spricht, das seit 2001 jährlich stattfindet, ist die Resonanz der Kindergärten, unterstrich die Medizinstudentin Veronique Herbst, die zusammen mit Anne Heine die Planung des Teddyhospitals übernommen hatte. „Die Erzieherinnen kommen gern wieder, vom letzten Mal sind viele wieder mit dabei, obwohl wir konkret Kindergärten aus einem anderen Stadtteil eingeladen haben.“ Zudem kann man den Erfolg auch daran erkennen, dass immer mehr Unikliniken die ursprünglich aus Skandinavien stammende Idee aufgreifen. So gab es etwa im Mai auch in Erfurt und Würzburg ein Teddykrankenhaus und am 23./24. Juni soll in Heidelberg und vom 22. bis 26. November in München auf diese Art Drei- bis Sechsjährigen spielerisch die Angst genommen werden.

Kuscheltier im Praxisalltag

„Prinzipiell haben die Kinder immer Angst vorm Arzt“, sagte der Oberarzt der Kinderklinik Dr. Klaus-Peter Liesenkötter. „Daher muss man als Arzt immer einen spielerischen Zugang wählen. Man horcht zuerst den Teddy ab und dann das Kind. So verliert es die Angst.“ Typisch sei auch, dass Kinder eigene Krankheitssymptome auf ihr Stofftier projizieren, verriet der Pädeater seine Diagnosehilfe. Seine Tipps gab er den Studentendocs als Pate stehender Arzt auch mit in ihre Sprechstunde. Wichtig sei es vor allem, die Kinder vor jedem Schritt zu fragen, sie mit einzubeziehen und nicht zu übergehen. So könne man etwa auch das Kind seinen leblosen Gefährten mit dem Stethoskop abhören lassen. Der Trick: Dabei von Hinten an den Teddy klopfen. Auf die Frage, wovor kleine Patienten besonders Angst haben, antwortete Liesenkötter: „Invasive Eingriffe wie Operationen sind am meisten gefürchtet und, dass man etwas Schlimmes findet.“ Diese Angst verliert sich wohl auch mit dem Alter nicht, aber die Scheu vor Mundspatel, Stethoskop, Mullbinde und weißen Kittel schien sich bei den Besuchern des Teddyhospitals vollends in Neugierde verwandelt zu haben. Top

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